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14. MTV Europe Music Awards: Das Pulver zu früh verschossen

Avril Lavigne räumte ab, Amy Winehouse lallte unverständliche Laute auf der Bühne, und Snoop Dogg stürzte sich in der Lederhose. Die European Music Awards vom Musiksender MTV begannen verheißungsvoll, nach der Hälfte war allerdings die Luft raus. Ein Blick von der Tribüne.

Von Björn Scheele, München

Zuerst brüllt die Befindlichkeitsfrage durch die Lautsprecher. "Hallo München, wie geht es euch!" - der Moderator zerkratzt dabei das euch mit seinen Stimmbändern, wie der Sänger einer Metallrock-Band. Das Publikum raunt verhalten in die Münchener Olympiahalle zurück. Das ist nicht genug, zweite Salve: München! Wie geht es euch! - der Mann mit den orangen Schuhen will es wissen, oder auch nicht. Er will nur Krach, gute Laune und ausflippende Menschen, die vor der Kamera einen kontrollierten epileptischen Anfall mimen. Alles für die 14. MTV Europe Music Awards. Er wird der namenlose Anheizer zwischen den Sendepausen der Awards sein. In 35 Minuten beginnt die Show. Dann endlich der erlösende Applaus.

Nach dem Brüllen folgt die Belehrung. In knapp einer halben Stunde beginnt die Veranstaltung. Die Stimme des Anheizers senkt sich, Luft holen, langsam sprechen. Die Sicherheit hat Priorität, erfahren die Gäste, dann wird kurz noch auf das Securitypersonal, Rauchverbot und die Notausgänge hingewiesen. Instant-Sicherheit, wie im Flugzeug.

Wieder Luft holen, Stimme heben. "Ihr werdet heute von über einer Billion Menschen live im Fernsehen gesehen," bei der Billion schaut der Anheizer etwas stutzig ins Mikro. Die Menge klatscht - die Bevölkerungsexplosion bemerken die wenigsten.

Die wirklich wichtigen Dinge folgen. "Die Kameraleute springen hier die ganze Zeit rum, also nicht böse sein wenn euch einer anrempelt oder auf den Fuß tritt", erklärt der Moderator. Einatmen. "Ihr seid dafür im Fernsehen!" Pfiffe, Klatschen, Brüllen - das Publikum freut sich.

Schrei-Kauderwelsch und Mädchen mit Blackout

Weiter im Text. Der Atem jappst aus den Lautsprechern. Der Anheizer wetzt mit seinen orangen Schuhen an der Menge vorbei. "Wollt ihr ins Fernsehen!" purzelt es aus seinen Lungen. "Ja" kehlen ein paar der 6000 Gäste zurück. Jetzt folgen einige Benimmregeln oder besser nur eine. Kommt die Kamera, einfach ausflippen. Der Moderator spielt die Kamera. Eine kleine La Ola-Welle zieht mit dem rennenden Anheizer mit. "Ja, gut. Da geht aber noch mehr!" Er klettert von der Bühne, huscht vor die Menge. "Wie machst du, wenn Snoop Dogg zu dir kommt?" fragt er ein Mädchen. Ein Schrei-Kauderwelsch folgt. Der Anheizer nimmt das Mädchen mit auf die Bühne. Dort vergisst sie vor dem Mikrofon, aus welchem Land sie kommt. In der Zwischenzeit strömen die VIP-Gäste ein und betten sich auf der weißen Sofalandschaft in der Mitte. Noch vier Minuten bis zum Start. Kurz noch den Countdown mit dem Publikum üben und mit "Tschüß, bis später" flitzen die orangen Schuhe hinter die Bühne.

Foo Fighters stimmen ein, die VIPs stemmen die Bierkrüge

Der Auftakt: Der Sony SMS-Ton läutet die 14. Awards ein. Das passende Handy blinkt dazu auf der Leinwand. Neun Uhr. Stille und Dunkelheit. Ein kurzes Räuspern, und die Foo Fighters feuern ihre neue Single "The Pretender" auf die Menge. Unter dem Sänger Dave Grohl und seiner Band flackert die Lichterbühne. Mal in Kreisen, dann viereckig. Alles klatscht und steht. Nur die VIPs sitzen auf weißem Leder und stemmen Teile der Bierkrug-Deko in die Höhe. Zweiter Song: "God Save the Queen". Den Punk-Klassiker von den Sex Pistols grölt Grohl auf die Menge. Damit legt die Band die musikalische Latte für die darauffolgenden Künstler in unerreichbare Höhe. Grohl verlässt die Bühne, während das Bühnenpersonal auf die Instrumente stürmt um ab- und umzubauen.

Kurz nach neun. Snoop Dogg wird in einem deutschlandfarbenden Cadillac in die Halle chauffiert. Eskortiert von zwei Polizeimotorrädern und einigen Frauen. In zünftiger Tracht hängt der Gangsta-Rapper auf der Rückbank. Doch Lederhose und Gamsbart tauscht er kurze Zeit später wieder in Gewohntes um - einen Jogginganzug. Snopp Dogg wispern dafür einige auf der Tribüne.

Die ersten Awards werden verliehen. Nelly Furtado stürmt die Bühne. Nimmt den Preis entgegen und kann die Tränen nicht zurückhalten. Sie schwelgt noch kurz darüber, wie viele Menschen ihre Songs auf dem Handy oder in Einkaufszentren hören, bevor sie mit der wippenden MTV-Trophäe verschwindet. Alles klatscht und jubelt. Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Mika, der aus dem Libanon stammende Sänger, versucht mit "Grace Kelly" an die Foo Fighters anzuknüpfen. Vergebens, selbst Konfettikanonen und Maskenball schaffen es nicht ganz, das Publikum zu überzeugen. Es wird weiter verliehen und geklatscht.

Erste Zweifel?

Pause. Das Fernsehen schweigt. Der Anheizer stürmt auf die Bühne, pustet seinen ersten Satz in das Mikro und wird unterbrochen. Ein Mann in schwarzem T-Shirt spricht mit ihm. Aus den Lautsprechern kriechen nur Versatzstücke der Unterhaltung raus. Der Mann geht. Luft holen. "Ich hab gerade aus der Regie erfahren, das ihr das beste Publikum bei den Awards seid," brüllt er. Aber, da müsse noch mehr drin sein, erfahren die Gäste von ihm. Es folgt eine kurze Übung. Kamera spielen, schreien - das Übliche. Dann soll das Publikum Karaoke singen, zu Madonna. Keiner singt.

Sony-SMS-Klingeln. Weiter geht es mit der Verleihung. Immer das gleiche. Snoop Dogg liest seine Texte brav vom Teleprompter ab, während Dave Grohl sich als zweiter Fernsehmoderator zwischen die VIPs mischt. Es folgt der Artists Award. Amy Winehouse gewinnt. Sie watschelt auf die Bühne und betrachtet die Trophäe einige Sekunden. Ihre Dankesrede beschränkt sich auf ein "Äh..."

Danach ein kurzer Applaus. Während sich andere Stars nach der Preisübergabe bei ihrer Familie und Plattenfirma bedanken, schafft Amy Winehouse es knapp, das Mikro an den Mund zu bringen. Dave Grohl, haucht noch ein verwundertes "We love you, Amy" in das Mikrofon. Danach wackelt Winehouse von der Bühne, vorbei an den Glückwünschen ihrer Musikerkollegen und verschwindet aus der Olympiahalle. Die 24-jährige Engländerin kommt noch mal zurück. Dann mit ihrem Song "Back to Black".

Dann sahnt Tokio Hotel den Preis für die beste Website ab. Die 6.000 Gäste in der Olympiahalle können sich nicht zwischen Buhrufen und Klatschen entscheiden. Am Rednerpult selbst kämpft Sänger Bill Kaulitz mit seinem "TH" um sich auf Englisch bei den europäischen Fans zu bedanken, die ihnen den Sieg ermöglichten. In fast allen Kategorien hatten Musikfans vorab per Internet oder Handy abgestimmt. Nach Auskunft von MTV tippten mehr als 50 Millionen Teilnehmer ihre Sieger in die Tasten.

Die Stimmung kippt

Spätestens jetzt verlieren die Awards an Struktur. Snoop Dogg und Dave Grohl versuchen, Stimmung in die Kameras zu bringen. Der Anheizer hechtet in den Sendepausen auf der Bühne herum. Die Stimme hat er schon nach der ersten Stunde verloren. Ein letztes Aufbäumen des Anheizers: "Jubelt den VIPs zu". Die Leute im unteren Bereich jubeln den VIPs zu. Keiner reagiert, die Jubel prallen zum Teil an den Rücken der Very Important Persons und der Sofafestung ab.

Auch Amy Winehouse biegt nichts mehr um. Die Soul-Sängerin stakst auf die Bühne, spuckt kurz auf den Boden und geht zu ihrem Platz. Sie klammert sich an den Mikrofonständer. Auf wackeligen Beinen versucht Winehouse den Takt zu treffen. Immer einen Tick zu spät. Einige Textpassagen verschluckt sie. Nur stellenweise blitzt etwas von der Stimmgewalt der 24-Jährigen auf. Nach dem Auftritt eskortiert einer ihrer Background-Sänger sie zum Ausgang. Winehouse wurde ihrem Ruf gerecht - auch wenn es erschreckend wirkte, sie so tief am Boden zu sehen.

Die letzten beißen die Hunde

Den letzten Preis des Abends, den "New Sounds of Europe Award", bekommt die estnische Band Bedwetters. Die Sieger wurden während der Veranstaltung via Sms von den Zuschauern gewählt. Bedwetters siegt vor Firma aus Rumänien und Yakup aus der Türkei. Bei ihrem Liveauftritt als letzte Band stimmen sie ihren Hit "Leave me alone" an. Das Publikum nimmt es wörtlich und verlässt während des Liedes die Olympiahalle. Als einziger Trost bleibt den Esten, dass 1,5 Milliarden Zuschauer vor dem Fernseher ihre Darbietung verfolgen.

Und auch der Anheizer hat genug. Sein Mikro ist ausgeschaltet.

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