40 Jahre Woodstock-Festival "Ich war froh, wieder im Trockenen zu sein"


Am Wochenende feiert das berühmteste Musikfestival der Welt Jubiläum, Woodstock fand vor genau 40 Jahren statt. stern.de-Korrespondentin Frances Schönberger war damals dabei - ein Gespräch über Gratis-Sandwiches, Nacktbaden und LSD.
Von Ingo Scheel

Frau Schönberger, was hat Sie 1969 nach Woodstock verschlagen?

Ich kam am 15. Juli 1969 mit 23 Jahren das erste Mal in die USA. New York, Wolkenkratzer, diese ganzen Klischees - ich dachte, das ist also Amerika. Schwül, laut und busy. Ich arbeitete zu Beginn bei einem Verlag und eine Kollegin sagte eines Tages, sie hätte Tickets fürs Festival am Wochenende. Und da war ich froh, einfach mal aus der Stadt rauszukommen.

Was wussten Sie zu dem Zeitpunkt über das Festival?

Die Zeitungen waren schon voll davon, alle sprachen ganz aufgeregt über Woodstock und es hieß bereits, es gäbe keine Tickets mehr. Umso glücklicher waren wir, welche ergattert zu haben.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Ankunft dort?

Es wurde bei der Anfahrt immer grüner, gleichzeitig herrschte wahnsinnig viel Verkehr. Wir waren ja selbst mit dem Auto unterwegs und sind andauernd steckengeblieben. Was mich verwunderte, war, wie nett und geduldig alle waren.

Hatten Sie Gepäck oder Proviant dabei?

Nein, ich hatte kaum etwas dabei. Nichts zu essen, und noch nicht einmal ein Zelt. Es wurden aber irgendwann Gratis-Sandwiches verteilt und alle waren ganz locker. Ich dagegen war ja alles andere als ein Hippie. Ich saß ganz brav dazwischen wie ein ängstliches Huhn. Ich hatte zuvor in England gelebt, wo die Leute doch eher zugeknöpft waren. Ich hatte dort natürlich auch schon Rock-Konzerte gesehen, die Bee Gees etwa, aber das war ja etwas völlig anderes. Die Briten waren nicht so locker.

Es gibt die berühmten Bilder der Nackten im See, daran haben Sie dann wohl auch eher nicht teilgenommen, oder?

Nein, um Gottes willen. Ich habe diesen See natürlich gesehen und die Menschen haben dort alle ganz friedlich und splitternackt gebadet. Für mich war das undenkbar, ich war viel zu schüchtern. Ich dachte nur, wie unglaublich locker die Amerikaner drauf sind. Was mir zu jenem Zeitpunkt nicht klar war: Die waren natürlich alle high! LSD war die Droge der Stunde.

Haben Sie auch LSD probiert?

Nein, natürlich nicht. Ich war viel zu ängstlich.

Erinnern Sie sich an einzelne Acts und Ihre Performance?

Ich habe Richie Havens gesehen, an Joan Baez erinnere ich mich. Wir waren nur einen Tag da, sodass ich Künstler wie Janis Joplin und leider auch Jimi Hendrix verpasst habe. Das Schräge war ja, dass oftmals gar nicht klar war, ob es weitergeht oder nicht. Es regnete, es wurde umgebaut. Man musste ja auch befürchten, dass die Leute auf der Bühne Stromschläge bekommen würden, so durchnässt war alles. Da war man also endlich dort und hatte Angst, dass es gar nicht weitergeht.

Heute wird immer wieder die Magie heraufbeschworen, die von dieser gigantischen Zusammenkunft ausging. Haben Sie es damals auch schon so empfunden?

Ja, es war magisch. Wenn ich zu Leuten sage "Ich war dabei", dann ist das Erstaunen immer riesig. Was, Du warst wirklich in Woodstock? Das können die Menschen heutzutage kaum glauben, vor allem die Jüngeren nicht. Leider ist daran natürlich auch immer abzulesen, wie alt man schon ist. (lacht)

Regisseur Ang Lee hat diesem bis heute so unglaublichen Spektakel einen neuen Film gewidmet – was denken Sie, wenn Sie die Bilder sehen?

Ich denke, wie frei alles war. So unschuldig, so happy, so friedlich. Es gab überhaupt keine Gefahr, die Menschen konnten einander vertrauen. Das klingt nach Klischee, aber es war tatsächlich so. Niemand musste Angst haben. Das habe ich wieder gespürt, als ich diesen Film gesehen habe.

Hat das etwas Surreales, dabei gewesen zu sein?

Nein, es hat mich nie so beeindruckt, dabei gewesen zu sein. Dieser big deal, der daraus gemacht wird, und der jedes Jahr größer wird – das passiert natürlich, weil diesem Festival etwas so Symbolisches anhaftet. 400.000 Menschen kommen zusammen und machen aus einem normalen Festival ein Free Concert, ein Wahnsinnsereignis. Niemand wird geschlagen, die Polizisten sind freundlich, keiner ist in Gefahr. Die echten Probleme hatten zumeist nur die Leute, die voll auf Drogen waren. Oft gab es Durchsagen, dass Ärzte gesucht werden, um den Leuten zu helfen, die auf ihrem Trip festhingen. Aber selbst die waren total peacig.

War Ihnen vor Ort bewusst, dass auf diesem Acker Kulturgeschichte geschrieben wird?

Nein, nicht wirklich. Kein Mensch hat das geglaubt. Und auch in der Zeit unmittelbar danach war davon noch gar keine Rede.

Wann hat sich dieses Empfinden ihrer Meinung nach geändert?

Das passierte erst nach dem berüchtigten Konzert der Rolling Stones in Altamont im Dezember 1969, bei dem ein Fan von den Ordnern der Hell’s Angels umgebracht wurde. Da wurde den Menschen erst bewusst, wie unfassbar friedlich das ganze ein halbes Jahr zuvor abgelaufen war. Dann war Schluss mit lustig, somit bleibt Woodstock ein letzter friedlicher Höhepunkt, der Abschluss der "Love&Peace"-Ära Ende der 60er Jahre. Die Unschuld, die Woodstock noch auszeichnete, war kurze Zeit später endgültig dahin.

Hat Sie das Festival in irgendeiner Weise geprägt oder gar verändert?

Es hat mich geprägt, als dass ich den besten Eindruck von den Amerikanern bekommen habe. Ich dachte: Hier will ich bleiben. Ich wollte nicht nach Deutschland und seinem Schubladendenken zurück. Diese ersten Wochen, und da gehört Woodstock dazu, haben mich beeinflusst in meiner Individualität und in meiner Entwicklung als Mensch.

Sie sind später auf vielen Festivals gewesen und haben u.a. für die "Bravo", später den stern berichtet – gab es Veranstaltungen, die man mit Woodstock vergleichen könnte?

Nein, das wurde einfach anders in den Jahren danach. Viel organisierter, zudem gab es dann ja auch Securitypersonal, Verpflegungsstände, Programmplanung. Das kann man überhaupt nicht vergleichen mit den Zuständen auf dem Acker in Woodstock.

Meinen Sie, dass bei einem jungen Festivalgänger von heute noch ein Stück von Woodstock nachhallt?

Ich denke schon. Es geht auch heute noch um eines: Man kommt zusammen, um Musik zu hören. Um gemeinsam eine Sache zu erleben, zu einer Gruppe dazuzugehören. Ich las neulich, dass das Wesen der Liebe das Gefühl der Zugehörigkeit ist. Und damit schließt sich der Kreis zum Love&Peace-Gefühl von Woodstock.

"3 Days of Music&Peace" stand einst auf dem Plakat, wie würden Sie das Festival in einem Satz zusammenfassen?

Schlamm, Regen. Und wunderbare Menschen.

Haben Sie es später einmal bereut, nicht länger geblieben zu sein?

Nein, nie. So dachte ich einfach nicht. Ich war froh wieder im Trockenen zu sein und eine Dusche nehmen zu können. Ich habe mich gefreut dabei gewesen zu sein. Und ich habe eigentlich doch nichts versäumt. Das, was es war – das habe ich auch an nur einem Tag erlebt.


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