Amy-Winehouse-Konzert Die Bühne als Rehaklinik


Zwei Konzerttouren durch Deutschland hatte sie bereits abgesagt - wegen Erschöpfung, Drogen und Alkohol. Amy Winehouse ist die weibliche Pete Doherty. Ein begnadetes Talent am Abgrund des Wahnsinns. Jetzt endlich konnten die deutschen Fans erfahren, ob sie auf der Bühne genauso gut wie auf Platte ist.
Von Kathrin Buchner

Eine Stimmung wie beim Vertriebsleitertreffen der kassenärztlichen Vereinigung - der Saal CCH Messezentrum in Hamburg ist für Rockmusik so geeignet wie ein Kellerclub auf der Reeperbahn für eine Vorstandssitzung. Er sieht aus wie eine Stadthalle in einem Provinzkaff aus den 60er Jahren. Selten ist die Kluft zwischen Konzertgänger und Künstler so augenscheinlich: Die englische Sängerin Amy Winehouse mit ihrer Bienenkorb-Frisur, den farbigen Tattoos - wie man sie vor allem bei Seemännern sieht - und ihrem Lebensstil mit durchzechten Nächten, gewalttätigen Ehekrächen und exzessivem Alkohol- und Drogenkonsum mag so gar nicht zum arrivierten Publikum passen. Statt Röhrenjeans trägt man an diesem Abend eher Designer-Anzüge.

Es muss wohl ausschließlich an der Musik liegen. Die ist nämlich zeitlos und keiner Mode unterworfen. Soul der 60er Jahre, Blues-Einflüssen, ein bisschen Swing und eine Prise Ska. Dazu diese unglaubliche Stimme, man fragt sich, wo die von Bulimie geplagte Winehouse diese Resonanz aus dem schmalen Körper nimmt. Wer Amy Winehouse, 24, einmal auf der Bühne gesehen hat, und die betritt sie an diesem Abend tatsächlich, wenn auch ganz und gar nicht nüchtern - der weiß, dass Ausnahmetalent mehr als eine Floskel bedeutet.

Diva und Barschlampe

Sie wackelt auf die Bühne, unsicher, stolprig. Ihre erste Ansage ist so gelallt, dass man sie kaum versteht, sie benutzt den Mikrofonständer als Stütze. Doch dann fängt sie an zu singen, ihr Körper swingt elegant. Sie hat eine Körperhaltung wie Peg Bundy in "Eine schreckliche nette Familie", Brust raus, tänzelnd-tippelnde Schritte - eine faszinierende Mischung aus Barschlampe und Diva in ihrem rosa Schlauch-Korsagenkleid und den schwarzen Lidstrickbalken über den Augen. Immer wieder zurrt sie ihr Dekolleté zurecht, gelegentlich blitzt der rote BH durch.

Unterstützt wird sie von einer neunköpfigen Band, Bläser, Saxofon, Keyboarder, alles dabei. Zwei flockige Backgroundsänger, Typ Bruce Darnell, in schwarzen Anzügen, weißen Hemden bis zum Bauchnabel aufgeknöpft und Goldketten. Sie wirken wie aufgezogene Hampelmänner im Gegensatz zu Amy, die außer Dekolleté-Zurechtzupfen und Mitswingen wenig Körpereinsatz zeigt - ganz Diva eben. Das musikalische Repertoire ist gigantisch, erdiger Blues, mitreißender Ska wie bei "Monkey Man", Spielwitz und Lebensfreude bringt die Band rüber.

Vehemente Absagen aller Therapieversuche

Und auch Amy blüht von Song zu Song auf - im Laufe des Konzerts bessert sich ihre Artikulationsfähigkeit merklich. Nach der ersten Zugabe versteht man ihre Aussage sogar, "no more Songs", sagt sie. Und man würde ihr gerne lautstark widersprechen - "doch ja, sing noch mehr Lieder, Amy bleib auf der Bühne", wollte man ihr zurufen, der Frau, die sich so vehement gegen jede Therapie wehrt, aus der Klinik abhaut und sogar in einem Song Entzugsversuchen eine stimmgewaltige Abfuhr erteilt: "They try to get me go to rehab, I say no, no, no".

Amy Winehouse ist eine tragische Gestalt. Und da steht sie in der Tradition vieler großer Sänger, angefangen bei Elvis Presley, über Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain bis zu Pete Doherty, die ihr überbordendes Talent mit Drogen und Alkohol im Zaum halten. Das berühmte Genie ist eben dem Wahnsinn sehr nahe. Besonders schwer macht es dem Zuschauer heutzutage, dass man durch mediale Dauerpräsenz das Gefühl hat, hautnah am Verfall der Person teil zu haben ohne einschreiten zu können. Ihre einzige Rettung ist die Bühne, ihr Aufgehen in der Musik mit dem Publikum teilen zu können. Insofern ist der Erwerb der Konzertkarte wohl die beste Unterstützung, die man dieser Künstlerin bieten kann.

Ein ausführliches Porträt mit Interview von Amy Winehouse finden sie im stern/43, der am 25. Oktober erscheint.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker