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Antony & The Johnsons: Die Drag-Queen mit dem einmaligen Vibrato

Bereits Anfang dieses Jahres ist CD "I'm A Bird Now" von Antony & The Johnsons veröffentlicht worden. Doch weil der Mann mit dem einmaligen Vibrato damals kaum Beachtung fand, erscheint die Platte nun erneut.

Antony ist besorgt um die Aufnahmequalität. Zweimal wechselt er den Interview-Ort - vom Cafe mit Espressomaschinen-Wall-Of-Sound in den Restaurantgarten mit Straßenlärm und Baumaschinengroove ins Hotelzimmer. Da liegt er auf dem Bett und erzählt eine Tellerwäschergeschichte aus der guten Hälfte Amerikas, die uns Europäern ein bisschen vom Bilderbuch-Amerika zurückgibt, das wir in so vielen Filmen lieben gelernt haben.

Es ist die Geschichte einer Selbstfindung in wechselnden Perspektiven und Rollen, sie beginnt im New York der Bohème: "Ich war Kellner in einem Café Anfang der 90er. Immer von Mitternacht bis um 8 Uhr morgens. Das war so ein Laden, in dem du all die Drogenabhängigen der Stadt kennenlernst, die Leute von der Straße. Ich hatte viele lustige Jobs: Putzfrau, Gärtner, Go-Go-Tänzer in Clubs, einige Musikgeschichten."

Auftritte als Late-Night-Boy im schwarzen Slip

Wie es sich für eine Tellerwäscher-Geschichte gehört, dauert es noch einige Jahre, bis ihr Hauptdarsteller nach Perioden des Darbens und Zweifelns an seiner Kunst an den süßen Aromen von Erfolg und Anerkennung schnuppern kann. Antony Hegarty, 34, über London und Kalifornien nach New York gekommen, wird eine kleine Attraktion im dortigen Drag-Queen-Club-Zirkus, er tritt als Late-Night-Boy im schwarzen Slip und mit weiß geschminktem Gesicht auf - flankiert von japanischen Hermaphroditen. "Ich sah aus wie ein Butoh-Tänzer, sang die Songs anderer Leute und hatte mir Keyboard-Arrangements auf einer 4-Track-Maschine gemacht, mein Gesang klang wesentlich aggressiver als heute".

Eigene Stücke schreibt und spielt er erst später, das Album "Antony And The Johnsons" (1998) ist ein Dokument dieser Zeit, mehr nicht, meint er heute. Aber da ist schon dieses Vibrato, das man nicht mehr vergisst, wenn man es einmal gehört hat. Es wird das Markenzeichen des sanften Riesen mit dem gewaltigen Stimmumfang. Lou Reed engagiert Antony für seine Tournee 2003 und überlässt ihm den Gesangspart im Velvet-Underground-Song "Candy Says".

Feier der Mehrdeutigkeit

Devendra Banhart und Rufus Wainwright werden zu Freunden und Unterstützern in einem Netzwerk der kurzen Wege, Antony kontaktiert Boy George ("Einer meiner ersten Musikhelden, ich hab' mir Bilder von ihm ohne Ende angeguckt, als ich 11, 12 Jahre alt war") und schlägt ihm ein Duett ("You Are My Sister") vor. Sie alle sind nun auf Antonys Album "I'm A Bird Now" zu hören. Sie umkreisen das elegante Vibrato des Künstlers, aus dem nichts als das Verlangen nach Liebe spricht. In dieser Stimme ist schon die Auflösung der Geschlechterrollen enthalten, die Feier der Zwei-, manchmal Dreideutigkeit. Man muss keine Songtexte studieren dafür.

Antonys Stimme nimmt jeden Song mit, trägt ihn in die gut temperierten Zwischenwelten: "One day I grow up/be a beautiful woman/ One day I grow up/be a beautiful girl/but for today Im a child/ but for today I'm boy". Es gibt Tage, da möchte er eine schöne Frau sein, doch heute ist er der Junge aus seiner Kindheit. "In meinen Songs suche ich nach Transformation", sagt Antony, "ich möchte eine Atmosphäre schaffen, in der die Leute ihre eigenen Erfahrungen machen können, in der sie Zugang zu ihren Gefühlen finden können."

Die Bühne als Laboratorium

"Die Bühne", sagt Antony, "ist für mich ein Laboratorium: ich lerne zu verstehen, was zwischen mir und dem Publikum passiert." Live wird das in sieben deutschen Städten zu erleben sein, dazu wird eine Neuauflage des Albums "I'm A Bird Now" gereicht, die intimste Songkollektion, die ein Popmusiker dieses Jahr bislang veröffentlicht hat. Die Plattenfirma Rough Trade sicherte sich die Lizenz für das Album, das im Februar bereits auf dem kleinen Label Secretly Canadian erschienen war. Es kommt Anfang Juli unter dem gleichen Titel noch einmal in die Läden.

Antony ist derweil schon ganz woanders. Er spricht von neuen Platten, von den Projekten, die ihm vorschweben. "Ich möchte ein afrikanisches Album machen mit Klatschliedern und Gesang, ich möchte fröhliche Platten machen, ich habe Songs für ein Album über Amerika und eine Reihe neuer Lieder geschrieben, von denen nur 'Hope There's Someone' schon auf 'I'm A Bird Now' zu hören ist."

Frank Sawatzki/AP / AP
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