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Bayreuther Festspiele: "Ich mach's für Richard"

Christoph Schlingensief sollte Bayreuth retten. Jetzt sorgt der geniale Wüterich schon vor der "Parsifal"-Premiere für Wirbel. Schlingensief selber versteht nicht, warum im Zusammenhang mit ihm stets von Provokation die Rede ist.

Der Himmel ist schwarz. Über den Grünen Hügel Bayreuths schieben sich finstere Wolken - und dann schüttet es und prasselt auf das Dach des Wohnwagens und hört nicht mehr auf. Christoph Schlingensief sieht müde aus. Er stellt die Heizung an, schluckt ein Buscopan, murmelt etwas von Gallensteinen, stellt sich auf die Waage, witzelt: "Mal sehen, wie viel Gramm ich bei dieser Probe verloren habe" und sagt Sätze wie: "Man muss sich überlegen, wohin man hinterher verschwindet, weil einige Leute meine Inszenierung sehr übel nehmen werden." Oder: "Wenn die Feinde "Buh" schreien in der Premiere, ist es in Ordnung - vorausgesetzt, ich weiß, dass ich neue Bilder entwickelt habe, die ich mitnehmen kann in was Neues." Oder: "Man ist nach Bayreuth nicht tot - in Bayreuth geht es gnadenlos weiter und bei mir auch."

Praxisgebühr an Parsifal?

Es klingt ein bisschen wie Pfeifen im Walde, was Schlingensief, 43, der "Parsifal"-Regisseur der diesjährigen Bayreuther Festspiele, knapp zwei Wochen vor der Eröffnungspremiere von sich gibt. Dabei hat ein großes Gewitter sich doch schon entladen: Vor zehn Tagen schien das Schlingensief-Projekt so gut wie gescheitert. Der Regisseur hatte sich krankgemeldet und Bayreuth mit unbekanntem Ziel verlassen. Aus der berühmten Musikscheune kam Abwiegeln: Ja, es sei zu Auseinandersetzungen zwischen Schlingensief und Wolfgang Wagner gekommen, ja, Anwälte seien eingeschaltet, doch, die Proben gingen trotzdem weiter, nein, die Premiere sei nicht gefährdet. Hatte Schlingensief etwa vor, spekulierte die "FAZ", den verwundeten Amfortas eine Praxisgebühr an Parsifal entrichten zu lassen? Oder sei Wolfgang Wagner Schlingensiefs Inszenierung vielleicht zu brav gewesen, fast so, als sei sie von ihm selbst?

"Jagt Wolfgang Wagner aus dem Tempel!"

Spätestens seit der Däne Lars von Trier unlängst die "Ring"-Regie für 2006 wegen "Überforderung" zurückgegeben hatte, hatte man auch beim Opernneuling Schlingensief mit Turbulenzen gerechnet. Manche hielten sein Engagement in Bayreuth gar von Anfang an für hirnrissig - zu unterschiedlich seien die Künstlernaturen Wagner und Schlingensief, zu unbeweglich der Musikdampfer Bayreuth, dessen Kurs von Wagner-Verbänden argwöhnisch verfolgt wird. Der greise Wolfgang Wagner hatte, nachdem er als Festspielleiter unter Beschuss geraten war, neben von Trier und Christoph Marthaler auch den wilden Christoph eingekauft - eine Empfehlung seiner Tochter und Kronprinzessin Katharina - und sich vor einem Jahr noch siegesgewiss gegeben: Schlingensief sei "ein Theatermacher, vital, saftig und spannend", versicherte er dem "Spiegel", "er kann Sehgewohnheiten aufreißen, die unter den (...) ausgelutschten Praktiken der so genannten Opernprofis längst versteinert sind." Und wenn Schlingensief die Gralsritter ein Spruchband entrollen ließe mit "Jagt Wolfgang Wagner aus dem Tempel!"? Da schmunzelte der 83-Jährige noch: "Wenn er diese Forderung nach seinen Bayreuther Erfahrungen mit mir aufstellen würde, müsste ich sogar ernsthaft überlegen, ob er Recht hätte."

Erlösungsdrama als Nahtoderlebnis

Vielleicht wär's das. Aber Christoph Schlingensief, der heilige Narr, geniale Wüterich und begnadete Selbstdarsteller, hat dergleichen diesmal nicht einmal entfernt im Sinn. Mit Kettensägenmassaker und "Tötet Helmut Kohl" sei Schluss, erklärte er gleich zu Anfang programmatisch und versteht ohnehin nicht, warum im Zusammenhang mit ihm stets von Provokation die Rede ist. Im Grunde ist bei diesem Mann bloß das Immunsystem extrem geschwächt. Alles geht ihm derart unter die Haut, dass er wild und hysterisch reagieren muss - mit der Treffsicherheit eines hypersensiblen Kindes, das alles ausspricht, was die Erwachsenen gern verschwiegen hätten. "Ich mach's für Richard, den ich hoch verehre", sprach er jetzt und nahm nach drei Tagen Abwesenheit die Arbeit in Bayreuth wieder auf. Er will das Erlösungsdrama als Nahtoderlebnis inszenieren, "erst wenn wir das eigene Verwesen akzeptieren, können wir anfangen zu leben", sagt er.

Zurzeit ist's nicht mehr ganz so stickig auf dem Grünen Hügel. Doch je näher die Premiere rückt, desto mehr ängstigen den Alten seine eigene Courage und der bilderstürmende Geist, den er selbst rief. Von Anwälten ist derzeit nicht die Rede, aber fast täglich von Auseinandersetzungen und lautstarken Krächen. Ist die Premiere doch noch gefährdet? "Nur wenn es bei der Bühnen- und Orchesterprobe wieder um meine Bilder geht", sagt Schlingensief. Bei einigem sei er kompromissbereit, aber nicht beim Schlussbild: "Vom Schluss bin ich total überzeugt, der ist superwichtig - auch wenn er für Wagnerianer vielleicht unverständlich ist."

"Mein Vater ist zu alt und sieht zu schlecht"

Bundespräsident Horst Köhler hat für die Premiere am 25. Juli bereits abgesagt. Schlingensiefs Eltern ebenfalls: "Mein Vater ist zu alt und sieht zu schlecht", sagt Schlingensief. Jetzt muss der Sohn nur noch dafür sorgen, dass bei den beiden in Oberhausen jemand rechtzeitig den Radiostecker rauszieht - "bevor das Buh-Konzert losgeht".

Christine Claussen / print