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Bernd Begemann: Kühlschrankbrummen

Von den größten deutschen Popstars ist Bernd Begemann wahrscheinlich der kleinste.

Hamburg ist ein Heimspiel für Bernd Begemann. Drei Abende war der "Schlachthof" rappelvoll, er hat seine Songs wie "Fernsehen mit deiner Schwester" und "Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover" mit Anekdoten gewürzt und das Publikum mit Tanzeinlagen zwischen James Brown, Bauchtanz und epileptischem Anfall angeheizt. Beim Ratespiel hat er miese CDs aus seinem Schrank verlost oder ein Rasierset, das ihm seine Mutter schickte. Weit nach Mitternacht sind die Zuschauer glücklich nach Hause gegangen - und Bernd Begemann musste sein Equipment allein abbauen, es zu seinem Audi tragen und nach Hause bringen in die Dreizimmerwohnung in Hamburg-Altona. Bernd Begemann, für viele einer der besten Entertainer Deutschlands, hat keine Roadies. Er kann sich keine leisten. Irgendwas muss da wohl schief gegangen sein.

Moment, sagt Begemann, ist doch alles in Ordnung. "Ich fühle mich gesegnet mit meinem Leben." 40 ist er nun schon, die Schläfen werden grau, das Hemd spannt überm Bund der Polyester-Anzughose. Charmant ist er, witzig, belesen, intelligent, ein Filmfreak und Musikkenner. Er kommt aus Ostwestfalen, aus Bad Salzuflen. Der Sohn des Tierarzts, ein adoptiertes Einzelkind. "Wunderbare Menschen, meine Eltern", sagt Begemann. Er schmeißt die Schule kurz vor dem Abi und geht Anfang der 80er nach Hamburg. Wegen der Liebe zur Musik.

"Ich bin mit dem Kopf gegen Wände gerannt, bis er geblutet hat, bloß um Musik machen zu können", sagt er. Nebenbei macht er 180 Jobs von Müllmann über Hafenarbeiter bis Spielzeugverkäufer - und findet 1987 "Die Antwort", seine erste ernsthafte Band. Und seinen Stil. Keiner singt wie er, organisch und trotzdem nicht greifbar. Seine Songs: feinster Gitarren-Pop, es sei denn, er experimentiert mit seinem Rhythmusgerät. Die Texte: klug, warm, oft kurz vor Schmalz, immer sprachlich begnadet.

Begemann ist ein Romantiker, was viele glauben lässt, er sei nur ein Schlagerfuzzi. "Wenn Leute nicht das Ohr haben, meine Lieder von Schlagern zu unterscheiden, sind ihre Seelen verloren", sagt Begemann, wobei er etwas ins Predigen gerät. "Aber ich werde um ihre Seelen kämpfen, und eines Tages werden sie ablassen von ihrem Irrweg."

Seine Gemeinde zählt genug Jünger, um in jeder Stadt ein Jugendzentrum zu füllen. Und die Presse feiert ihn zu jeder Platte, die er in seiner Küche aufnimmt, Kühlschrankbrummen inklusive. Er moderierte Schlagernächte und hatte 1996 drei Folgen lang eine eigene Show im Dritten. Begemann kennen heißt Begemann lieben, er weiß das. Deshalb ist er ein glücklicher Mann. Und weil es eine neue Platte gibt, die beste, die er jemals gemacht habe, sagt der Bernd. "Endlich" heißt sie, Begemann in Cinemascope, opulent und perfekt produziert. Es geht um Liebe. Um das, was man am Ende bekommt, wenn man Glück hat. Und um Selbsterniedrigung ("Bis du den Richtigen triffst - nimm mich").

"Irgendwann soll man meine Lieder singen", sagt Bernd Begemann, "so wie 'Griechischer Wein'".

Stephan Bartels

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