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stern-Kolumne "Winnemuth": Rüstzeug für harte Zeiten

Der Sommer geht, der neue Ikea-Katalog kommt - und wieder zeigt er, wie es um den Fortschritt der Menschheit bestellt ist.

Von Meike Winnemuth

Ende August geht immer ein kleiner Ruck durch Deutschland. Es ist wie ein zweiter Jahresanfang, aber kein Aufbruch, sondern eher ein Abbruch: "Schluss mit dem Quatsch, jetzt wird Geld verdient. Der Sommer ist vorbei, und er bleibt vorbei", wie Bernd Begemann so wahr wie wehmütig sang. Die Kinder verschwinden in den Schulen (die Eltern jubeln leise), die Fernsehsender strahlen statt Wiederholungen endlich wieder Sendungen aus, die sich nur wie Wiederholungen anfühlen, die Redaktionen bereiten die Burnout-und Depressions-Titelgeschichten für den November vor. Eigentlich gibt es zu dieser Zeit des Neustarts ins Altbekannte nur einen einzigen echten Glücksmoment: denjenigen, in dem man den Ikea-Katalog aus dem Briefkasten fischt.

Seit einigen Jahren ist es zu einem Feuilletonsport geworden, jede Neuauflage des Ikea-Katalogs - mit einer weltweiten Auflage von 211 Millionen vor Bibel und Koran und zweifellos inbrünstiger studiert - darauf abzuklopfen, was er über den Fortschritt der Menschheit zu sagen hat, über unsere Befindlichkeiten, Ängste und Träume. Gleichgeschlechtliche Paare, Multikulti-Familien, Scheidungskinder, die zwischen beruhigend ähnlich eingerichteten Mama- und Papa-Wohnungen pendeln - das sorgfältig gecastete Ikea-Katalogpersonal bringt seit Jahrzehnten auch Altöttingern schonend bei, wie die moderne Welt aussieht und wie man sich in ihr einzurichten hat.

Wie wird's nun also, unser 2014? Schon das Cover verbreitet mit dem Kellerregalklassiker Ivar und den darin deckenhoch gestapelten Einmachgläsern voller Karotten, Rüben und Zwiebeln dezente Nachkriegsromantik. Es wird wieder eingeweckt, man rüstet sich für harte Zeiten, so scheint es. Aber wer muss hier durchgefüttert werden an der sechs Meter langen Tafel mit dem Sammelsurium von Stühlen auf den Seiten 2 und 3? Das Geheimnis wird auf den Seiten 4 und 5 gelüftet: Auf und neben einer schwarz-weißgemusterten Liegewiese aus zwei Klippan-Sofas à 199 Euro fläzen sich sage und schreibe acht Kinder, neben denen erschöpft ein asiatischer Mann döst (Vater? Au-pair? Tai-Chi-Lehrer?).

Wohnen zwischen Autos

Die sieht also schon auf den ersten Seiten mächtig anstrengend aus, diese schöne neue Lebst-du-noch-oder-schläfst-du-schon-Welt - und ziemlich frugal. Der 2013er Katalog verbreitete noch mit einem Ohrensessel auf dem Titel bourgeoise Behaglichkeit, 2014 dagegen sagt uns: Schluss mit dem Quatsch, jetzt wird Geld gespart. Das Kellerkind Ivar taucht gleich mehrfach auf, teils sogar zerlegt in seine Einzelteile: Die Seitenleitern ergeben mit Stoffen bespannt einen lustigen Paravent für ein Outdoorzimmer zwischen parkenden Autos - wohnst du noch oder lebst du schon auf der Straße? Nichts kommt hier um, aus dem Moskitonetz Bryne und einer LED-Birne kann man sich eine schicke Lampe basteln und aus der Plastikbox Samla ein Gewächshaus. Natürlich zieht man sein eigenes Gemüse, was soll man sonst auf dem Balkon? Immerhin, gefühlt auf nahezu jeder Katalogseite findet sich ein Laptop, wahlweise eine dekorativ auf dem Boden liegende Dreijährige mit iPad. Mag sein, dass die Welt aus den Fugen ist, der Strom kommt immer noch aus der Steckdose.

Dass eine Einrichtung nicht mehr für die Ewigkeit ist, dass es Lebensabschnittsmöbel gibt, das hat uns Ikea in den vergangenen Jahren erfolgreich eingeimpft. Jetzt folgt der nächste Schritt: Die Lebensentwürfe wechseln alle zwölf Monate. Ein frohes neues Jahr also mit dem Ikea-Katalog ("gültig bis August 2014").

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