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Interview

Bernd Begemann: "Eine Gesellschaft, in der die Wissenschaft nicht gehört wird, ist zum Untergang verdammt"

Auf der Bühne gibt er gerne die Rampensau, im Interview mit dem stern zeigt sich Musiker Bernd Begemann dagegen von seiner nachdenklichen Seite. Ein Gespräch über Rassismus, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Folgen von Corona.

Bernd Begemann

Bernd Begemann tritt am 18. Juni in der Elbphilharmonie beim Solidaritätskonzert "Eine(r) kommt, alle machen mit - Ein Ständchen für die Helfer*Innen" auf. 

DPA

Mit der Aktion "Einer kommt, alle machen mit – Ein Ständchen für die Helfer*Innen" sendet die Hamburger Kulturszene am 18. Juni ein Dankeschön in Form einer bunten Show aus der Elbphilharmonie. Auch er wird dabei sein: Bernd Begemann, Hamburger Musiker und Songschreiber, der seit Ende der 1980er Jahre regelmäßig neue Musik produziert, bereits mehr als 20 Alben veröffentlicht hat und unermüdlich durchs Land tourt. Der stern sprach mit ihm über sein Engagement und die Auswirkung von Corona auf die Kunstszene.

Herr Begemann, als Musiker, der von seiner großen Nähe zum Publikum lebt, hat Sie Corona besonders getroffen. Wie viele Konzerte mussten Sie absagen?

Ungefähr ein Dutzend. Ich hab aber schon wieder ein paar Konzerte gebucht für Juli, das werden kleinere Orte sein, unter freiem Himmel, in Gartenatmosphäre. Die Pandemie wird noch mindestens ein Jahr dauern. Solange wird es wohl keine regulären Konzerte geben.

Gab es einen Punkt, an dem Sie sich um ihre Existenz sorgen mussten?

Ja, das denke ich auch immer noch. Ich lebe gerade von meiner Substanz. Ich mache mir vor allem Sorgen um die Clubs. Da muss man sich nur den Verlauf und die Nachgeschichte von anderen Epidemien angucken.

Was meinen Sie damit?

Shakespeares Company konnte nur deshalb im Globe Theater spielen, weil vorher in London die Pest gewütet hat und die alte Company das nicht mehr halten konnte. Nach der Spanischen Grippe 1918/19 mussten viele Kinos in den USA schließen, die wurden alle von größeren Firmen übernommen, zum Beispiel Paramount, die darin nur noch ihre eigenen Filme abgespielt haben. Es musste Anti-Trust-Gesetze geben, um das Kartell aufzubrechen. Es wäre schade, wenn all die echten Liveclubs aufgekauft würden durch Multis wie Ticketmaster oder Live Nation. Das wäre eine Tragödie.

Fühlen Sie sich vom Staat als Künstler genügend unterstützt?

Ich habe mehrere Anträge gestellt. Ich hoffe, dass einer davon durchgeht. Generell muss ich aber sagen: Ich habe in den zurückliegenden Monaten so oft drei Kreuze gemacht, dass ich in Deutschland leben darf und nicht in so einem Idiotenstaat.

Was können wir alle dafür tun, dass es auch in der Nach-Corona-Zeit eine lebendige Musiklandschaft gibt?

Viele Clubs bieten an, Tickets im Voraus zu kaufen oder Gutscheine. Und bei den Politikern Druck machen, dass sie die Veranstaltungsbranche genauso ernst nehmen wie die Lufthansa. Ich versteh, dass man eine nationale Airline braucht. Aber die Lufthansa kriegt echt viel und liefert nicht so viel ab.

Hat Ihnen Musik in dieser Zeit Trost gespendet?

Ich habe manchmal tagelang Musik gehört. Auf Bandcamp, Soundcloud, vor allem Mixcloud. Das kann ich sehr empfehlen. Das ist, als ob die führenden Experten der Welt ein Mixtape zusammenstellen, aber sie schenken es der ganzen Welt. Es gibt so viel zu entdecken.

In den sozialen Medien beschäftigen Sie sich stark mit dem Geschehen in den USA. Warum interessieren Sie die Proteste so?

Was gerade passiert, ist hochinteressant: Die konstanten Proteste – das kannte ich so gar nicht. Meist war es nach wenigen Tagen vorbei. Aber friedlicher Protest mit Nachdruck, der alle Ebenen erreicht – das ist unglaublich. Ich finde es bemerkenswert, dass die amerikanische Generalität passiven Widerstand entgegensetzt. Daraus müssen wir lernen: Die USA waren immer unsere Schutzmacht. Das sind sie jetzt nicht mehr. Es wäre ein guter Zeitpunkt für Europa, mehr zusammenzurücken.

Auch in Deutschland wird durch den Tod von George Floyd über Rassismus diskutiert. Glauben Sie, dass sich hier etwas ändern wird?

Ich persönlich hatte schon immer mit dem Thema zu tun: Ich bin Adoptivkind und habe einen gemischt-ethnischen Hintergrund, um es mal so zu sagen. Aber Rassismus bekämpft man nicht, indem man auf andere zeigt. Ich glaube, dass jeder Mensch rassistische Instinkte hat. Es geht darum, dass man die reflektiert. Wir alle sind bereit, Menschen nur aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes abzulehnen.

Immerhin entsteht gerade ein Problembewusstsein.

Was ich in meiner Timeline sehe: Viele versuchen sich zu überbieten mit weißer Schuld. Es bringt aber überhaupt nichts, sich gegenseitig fertig zu machen. Ich fänd es auch furchtbar, wenn Menschen jetzt neue Gräben aufmachen. Es ist nicht Schwarz gegen Weiß. Es ist nicht Biodeutscher gegen Migrant. Es ist Humanismus versus Tribalismus. Und Tribalismus ist immer schlecht. Wir müssen eine gemeinsame Basis finden und nach vorne gucken, nicht neue Mauern bauen. Es geht darum, Ungerechtigkeiten zu erkennen und einzudämmen. Weiße Selbstzerfleischung als Volkssport führt zu gar nichts.

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Hat die Gesellschaft in der Corona-Krise Ihrer Meinung nach bislang gut zusammen gehalten?

Generell haben wir uns hervorragend geschlagen. Mit "wir" meine ich die vernünftigen Staaten. Leute, die eine wissenschaftliche Debatte ernst nehmen. Es ist offensichtlich, dass das der richtige Weg ist. Eine Gesellschaft, in der die Wissenschaft nicht gehört wird, ist zum Untergang verdammt.

Sie selbst treten auch beim Solidaritäts-Konzert "Eine(r) kommt, alle machen mit - Ein Ständchen für die Helfer*Innen" auf, das am 18. Juni in der Elbphilharmonie stattfindet. Was sind Ihre Beweggründe, da mitzumachen?

Es gibt kaum einen würdigeren Empfänger von Wohltaten als diejenigen, die uns durch die Krise geholfen haben. Jeder weiß, wie viel die Leute im Gesundheitswesen geleistet haben.

Zur Homepage von Bernd Begemann

"Einer kommt, alle machen mit – Ein Ständchen für die Helfer*Innen" ist ab dem 18. Juni um 20.22 Uhr im Online-Stream unter anderem auf www.stern.de zu sehen und ab 22 Uhr auch bei 917xfm zu hören. Tickets, Spendenmöglichkeiten und aktuelle Informationen zur Show gibt es unter www.einerkommt.de.