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Bianca Ryan: Die Stimme Amerikas

Sie ist erst zwölf Jahre alt und singt mit der Wucht und dem Ausdruck eines abgeklärten Profis. Der Mitschnitt eines Auftritts von Bianca Ryan wurde im Internet zum Renner. Jetzt veröffentlicht sie ihr erstes Album. Wer ist dieses Mädchen?

Von Daniela Gorgs

Im schwarz-weißen Trägerkleid tapst ein Mädchen auf die Bühne der amerikanischen Talentshow "America's Got Talent" und stellt sich schüchtern der Jury vor: "Ich heiße Bianca Ryan." Dann erzählt sie, dass sie den Song "And I'm Telling You" von Jennifer Holliday singen wird. Die Musik vom Band springt an - und das Mädchen, die Haare mit einer Klammer brav zurückgesteckt, schmettert das schwierige Lied selbstvergessen mit der Wucht und dem Soul einer Janis Joplin ins Publikum. Steht auf dem Podium in den NBC Paramount Studios von Los Angeles und singt derart routiniert, dass es dem Publikum den Atem verschlägt. Soul-Superstar Brandy, Mitglied der Jury, sagt später: "Ich habe das Gefühl, ich muss üben gehen. So gut bist du." Auch ihr Mitjuror David "Baywatch" Hasselhoff stammelt ergriffen: "Weißt du was, du bist ein Star."

Der Mitschnitt dieses ersten Auftritts im Frühsommer verbreitet sich flutwellenartig im Internet und zählt zu den meistgesehenen Videos beim Internet-Portal YouTube. Ein Gänsehaut-Clip. Jeder, der Biancas Auftritt sieht, weiß: Hier wird ein Star geboren. Mitte August gewinnt Ryan den Talentwettbewerb, der zwölf Millionen Zuschauer pro Sendung vor den Bildschirm zieht. Preisgeld: eine Million Dollar.

Musik für die Massen

Und es geht weiter. Im November veröffentlicht Bianca Ryan ihre erste CD mit dem schlichten Titel "Bianca Ryan", die jetzt auch bei uns erscheint: ein bewusst auf den Massengeschmack zugeschnittenes Kompendium klassischer Balladen wie "You Light Up My Life" von Debby Boone oder R. Kellys Welthit "I Believe I Can Fly" und frisch komponierter Stücke renommierter Songschreiber wie David Foster und Diane Warren. Die Platte, kein Wunder, wird ein Hit.

Bianca Ryan, zwölf Jahre, ist ein Star.

Ein grauer Tag Anfang Dezember. Bianca tippelt durch den Washington Square Park ihrer Heimatstadt Philadelphia. Sie war nicht oft zu Hause in den vergangenen Monaten; reiste mit dem Vater kreuz und quer durchs Land auf Promotiontour. Wurde rumgereicht von Fernsehshow zu Fernsehshow, saß bei der berühmten Oprah Winfrey auf dem Sofa und bei der berühmten Komödiantin Ellen DeGeneres im Studio. Denn Amerika wollte wissen: Wer ist dieses kleine Mädchen mit der Stimme, die nichts Kindliches hat, sondern Tiefe und Timbre und ungeheure Kraft?

"Meine Stimme ist ein Geschenk von Gott"

Ryan, rundliches Gesicht, lange rot-braune Haare, fiepsige Stimme, wenn sie nicht gerade singt, sagt: "Meine Stimme ist ein Geschenk von Gott." Der Satz ist natürlich nicht von ihr. Sie hat ihn von ihrem Vater Shawn, der früher als Sachverständiger für eine Versicherung arbeitete und sich nunmehr voll und ganz seiner Tochter widmet. Es ist ein guter Satz für Interviews im gottesfürchtigen Amerika. Und die Ryans sind eine gottesfürchtige Familie, typischer Mittelstand. Bianca ist das zweitälteste von vier Kindern. Sie hat zwei Brüder, Shawn, 15, und Jagger, 3, und eine kleine Schwester, Isabella, 7, mit der sie ein Zimmer teilt. Mutter Janette, eine zurückhaltende Frau japanischer Abstammung, arbeitet als Bankangestellte. Die Familie lebt nach wie vor in einem Reihenhaus im Nordosten Philadelphias, und daran soll sich vorerst auch nichts ändern. Bianca bekommt vielleicht ein eigenes Zimmer. Das ist es schon. Die Million Preisgeld haben die Eltern in Fonds angelegt.

Vielleicht ist das der ehrenwerte Versuch, möglichst viel Normalität zu bewahren, wenn sonst schon nicht mehr allzu viel normal ist im Leben der Ryans. Vor einem guten halben Jahr war Bianca ein Kind. Jetzt ist sie eine internationale Berühmtheit. Das müssen alle erst mal verkraften.

Mit der Oma im Kirchenchor

Gewiss, die Eltern ahnten, dass da ein besonderes Mädchen heranwächst, ehrgeizig, zielstrebig und: talentiert. Bianca beginnt als Kleinkind mit Stepptanz, gewinnt diverse Wettbewerbe, auch nationale. Aber ihre große Passion ist das Singen. Abends dreht sie im Kinderzimmer das Radio auf und imitiert ihre Idole: Yolanda Adams, Celine Dion, Jennifer Holliday, Patti LaBelle und Mariah Carey. Bianca ist gerade acht, sie singt inzwischen gemeinsam mit der Oma im Kirchenchor, als sie im Internet die Begriffe "Habe Talent" und "Vorsingen" googelt und auf einen Gesangswettbewerb in New York stößt.

"Star Search" heißt der, und sie bearbeitet die Eltern so lange, bis die schließlich einwilligen. Der Vater fährt sie nach New York, Bianca singt Aretha Franklins "Think", doch Singen ist kein Ausdruck dafür - sie intoniert, sie interpretiert, sie ist großartig, das Publikum rast, und Shawn Ryan denkt: "Ist das Aretha Franklin oder unsere Tochter?" Die ersten Anfragen von Plattenfirmen kommen. Die Eltern lehnen ab, gestatten aber immerhin Gesangsstunden. "Wir wollen ihr nicht die Kindheit rauben", sagt Shawn Ryan. Nun ist sie vier Jahre älter, eine Terz reifer auch. Und lebt weitgehend in der Welt der Erwachsenen.

Manchmal wirkt der Vater beinahe so, als seien ihm Ruhm und Rummel etwas peinlich. Er sagt fast entschuldigend: "Die Sache mit dem Berühmtwerden war allein ihre Idee, wir achten darauf, dass sie auf dem Teppich bleibt." Als Shawn Ryan nach Biancas Sieg bei "America's Got Talent" den Kontrakt erstmals genauer studierte und darin las, dass der Gewinner von Sony BMG für fünf Alben unter Vertrag genommen würde, war das, wie er sagt, "ein ziemlicher Schock".

"Wahrscheinlich eine der besten Sängerinnen"

Erst zu diesem Zeitpunkt will er begriffen haben, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Shawn Ryan will die Kontrolle behalten, aber der Hype um Bianca scheint ihn etwas zu überfordern. Nun hat seine Tochter mit dem scharfzüngigen Briten Simon Cowell einen Produzenten, der in seiner Eigenschaft als Juror der Show "American Idol" unfähige Hobbysänger schon mal mit Urteilen wie "Sie haben soeben eine neue Form der Folter erfunden" von der Bühne scheuchte. Über Bianca Ryan sagt Cowell nur: "Sie ist wahrscheinlich eine der besten Sängerinnen, die ich in meinem Leben gehört habe." Er spricht über ein Kind.

Wer Bianca beobachtet an diesem grauen Nachmittag in Philadelphia, sieht ein Kind, das sich - glücklicherweise - auch kindlich verhält. Sie albert herum, sie sagt oft "cool" oder "pretty cool". Gelegentlich rutschen ihr dann aber doch Sätze heraus, die gestanzt klingen, Marketing-Sätze. Sie sagt: "Es ist, als ob ich meinen Traum lebe." Oder: "Ich wollte immer schon berühmt werden." Sie lernt schnell, weiß, was von ihr erwartet wird. Das ist die Sprache ihrer neuen Welt - die meisten ihrer Freunde hat sie seit dem Sommer nicht mehr gesehen. Ihr Terminkalender ist knallvoll. Und sie wird weltweit unterwegs sein. Am 16. Dezember stellt sie ihr Debütalbum in Deutschland in der Sendung "Ein Herz für Kinder" in Berlin vor, über die Weihnachtsfeiertage tritt sie bei der Disney-Parade in Florida auf. Noch macht ihr das alles Spaß. Noch ist das alles neu und aufregend. Noch.

Es dämmert in Philadelphia. Bianca steckt die Hände in die Jackentaschen und geht voraus. Im Park erkennen sie ein paar Jugendliche, sie winken und rufen ihren Namen. Sie genießt das. Vor ein paar Wochen hat Philadelphias Bürgermeister sogar einen "Bianca Ryan Day" ausgerufen.

Shawn Ryan schlendert der Tochter hinterher, er wirkt nachdenklich. "Der Ansturm auf Bianca ist manchmal beängstigend", sagt er. Neulich bildete sich eine riesige Menschentraube um die Kleine. Jeder wollte sie sehen, am liebsten berühren. Vater Ryan hatte Mühe, die Tochter unbeschadet zurück zum Auto zu bringen. Ihm war unwohl. Aber Bianca, erzählt er, hopste aufgeregt auf den Rücksitz und sagte: "Papa, genau das habe ich mir immer gewünscht."

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