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Cirque du Soleils "Varekai": Im Wald, da turnen die Träumer

Mit seiner fünften Show in Deutschland hievt der kanadische Cirque du Soleil sein bewährtes Konzept aus Artistik, Tanz und Spektakel auf eine neue Ebene. "Varekai" ist noch umwerfender als die Vorgänger.

Von Ralf Sander

Ein verwunschener Wald in einer fremden Welt. Bizarre Wesen huschen über den Boden, rätselhafte Kreaturen flitzen die Baumstämme hoch und runter. Das bunte Treiben erstarrt, als ein weißer Jüngling vom Himmel stürzt. Seine Flügel verliert er bei dem Aufprall. Nun sitzt Ikarus da. Skeptisch beäugt von den Waldbewohnern, versucht er sich mithilfe eines weisen Mannes zurechtzufinden. Er erlebt skurrile Abenteuer, lernt einen neuen Blick auf die Welt und erliegt er Faszination eines weiblichen Wunderwesens mit grüner Haut und biegsamen Gliedern. Am Ende werden sich beide verwandeln. Irgendwo, im Lande Varekai.

"Varekai" bedeutet "wo auch immer" auf Romani, der Sprache der Roma und Sinti. "Varekai" ist auch der Titel der Show des Cirque du Soleil, die bis zum 12. Juli in Berlin zu sehen ist – erstmals in Deutschland. Die Produktion, die im April 2002 Weltpremiere in der Cirque-Heimatstadt Montréal hatte, ist die fünfte Show, die in Europa auf Tournee ist.

Seit der kanadische Zirkus 1984 aus einer Truppe von Straßenartisten entstanden ist, hat er sich zu einem internationalen Entertainmentunternehmen entwickelt. 73 Mitarbeiter zählte der Cirque du Soleil schon in seinem Gründungsjahr, inzwischen arbeiten 3800 Menschen weltweit für den Zirkus, darunter mehr als 1000 Artisten. Zurzeit touren sechs Programme durch die ganze Welt, hinzu kommen neun fest installierte Shows des Sonnenzirkus, darunter alleine fünf in Las Vegas. Die sechste namens "Believe", eine Zusammenarbeit mit dem Star-Illusionisten Criss Angel, startet in der Wüstenstadt im September.

Seit nun mehr als 20 Jahren ist das Erfolgsrezept der Kanadier die Verschmelzung von spektakulärer Akrobatik mit Tanztheater, Musical und klassischer Zirkuskunst. In einer Welt voller fantastischer Kostüme, seltsam entrückter Musik mit Gesängen in einer Kunstsprache und wilder Tanzchoreographien erwachen auch die ältesten Zirkusnummern zu neuem Leben.

Frisches Blut

Wie lebendig und wild diese Mixtur auch nach so langer Zeit noch sein kann, zeigt "Varekai" in atemberaubender Weise. Einige neue kreative Köpfe, darunter Regisseur und Autor Dominic Champagne, brachten bei der Entwicklung der Show vor sechs Jahren neue Ideen mit: Einen gehbehinderten Charakter, der auf seinen Krücken tanzt. Eine eisähnliche Kunststofffläche, auf der die Artisten herumschliddern, während sie sich gegenseitig Heben, Werfen und Auffangen. Ein paar Clowns, die die Geschichte aus der Fantasiewelt einfach unterbrechen, den Zuschauer ins Hier und Jetzt zerren und plötzlich Zauberer und Schlagersänger trefflich parodieren. Das ist mutig. Und ein Zeichen, wie der Cirque du Soleil die Kunst weiterentwickelt hat, ohne Worte eine überall auf der Welt verständliche eine Geschichte zu erzählen. "Dralion" - die Show, die vor zwei Jahren in Deutschland zu Gast war - verzichtete noch auf eine zusammenhängende Story. In "Varekai" gibt es Drama, das sogar berührt, auch wenn man nicht alles versteht oder keine Lust auf Interpretationsarbeit hat.

"Varekai" verknüpft seine Geschichte elegant mit fantastischen Artistiknummern, die alle einzeln eine Erwähnung verdient hätten. Das Ergebnis ist ein Gesamtkunstwerk, das auf der Spektakel-Skala ganz oben steht. "Varekai" ist die bisher beeindruckendste Show des Sonnenzirkus in Deutschland.