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Interview

Komponist John Groves: Corona-Krise: "Bei sehr vielen Musikern geht es ums nackte Überleben"

Künstler, Komponisten, Produzenten - auch sie alle trifft die Corona-Krise schwer. Ein Gespräch mit Komponist John Groves über die Herausforderungen, mögliche Lösungen und einen Song, der gute Laune macht.

Von Christian Krug

John Groves

John Groves

Viele Musiker, Komponisten und Produzenten waren daran gewöhnt, allein ihre Songs zu schreiben. Doch seit der Corona-Pandemie sind sie nicht nur allein, sondern meist auch beschäftigungslos. Künstler, Komponisten und Produzenten haben kein Geschäft, das sie nach der Krise wiedereröffnen können. Live-Auftritte sind oft ersatzlos abgesagt, Tourneen finden nicht statt, Karten in Clubs können später im Jahr nicht doppelt verkauft werden. Für viele Künstler geht es um die Existenz. Der stern sprach mit dem Produzenten John Groves, Präsident des "Composers Clubs e.V.", dem Berufsverband der Auftragskomponisten in Deutschland. 

Herr Groves, täglich erreichen Sie hunderte Nachrichten aus Ihrem Kollegenkreis. Wie geht es denen?

Uns wurde der Hahn von einem Tag auf den anderen zugedreht. Es wird keine Werbung mehr gedreht, es werden keine Jingles produziert, keine Radiospots in Auftrag gegeben. Unsere Branche ist auf null heruntergefahren. Bei sehr vielen Musikern und Produzenten geht es in den kommenden Monaten ums nackte Überleben.

Einige Branchen reagieren mit originellen Lösungen in der Krise. Gibt es bei Ihnen auch welche?

Viele Restaurants reagieren mit Coupons oder stellen ihren Betrieb auf Lieferservice um. Das können wir ja schlecht machen. Wir Auftragskomponisten brauchen in der Regel einen Auftraggeber für unsere Arbeit, dann liefern wir gegen Geld Ideen, Kompositionen oder fertige Stücke. Viele von uns machen Filmmusik, liefern Sounds für Videospiele oder Arbeiten für die Werbeindustrie. Musiker sind in der Werbung aber schon traditionell am Ende der Nahrungskette. Das merken wir auch in diesen Wochen sehr schmerzlich. Es gibt allerdings auch Hoffnung: Gerade in der Werbung sind viele Projekte nur verschoben, aber nicht abgesagt. Wir hoffen, das Geschäft kommt wieder. Es fragt sich nur, wer dann noch im Markt ist.

Die GEMA, Ihre Nutzungs- und Urheberrechtsvereinigung, schüttet ab dem 1. April nun 40 Millionen Euro in einem Nothilfe-Programm an ihre Mitglieder aus. Wird das helfen?

Das ist ein unglaublich wichtiger Schritt für alle, die im Musikgeschäft sind. Wir hoffen nun, dass es die notleidenden Mitglieder, und das sind ja fast alle, auch wirklich schnell und unbürokratisch erreicht. Künstler sind nicht gut im Ausfüllen von Formularen. Deswegen muss es vor allem praktische Lösungen geben.

Spüren Sie eine neue Solidarität unter Musikern?

Nein, die Solidarität war bei uns schon immer stark ausgeprägt. Wir sind ja zuallererst Künstler und dann erst Profis. Ellenbogen waren bei uns nie so wichtig wie Kreativität, und Talent. Wir haben immer schon zusammengehalten. Vielleicht verstärkt sich das aber durch die Krise nochmals. 

Sie selbst haben in dieser Woche mit Künstlern, Kreativen und Musikern auf der ganzen Welt einen alten Song der Village People umgetextet und ihn in einen viralen Hit verwandelt. In den 70er Jahren hieß er noch "Go West", bei Ihnen nun "Stay home". Wie kam es dazu?

Wir waren im Skiurlaub in Österreich und mussten, wie so viele, die dort Urlaub machten, unser Tal in aller Eile verlassen. Wir hatten sogar etwas Panik. Wir wussten überhaupt nicht, wo ist die Gefahr? Als ich nach Hamburg kam, wo ich lebe, war ich erst mal in Quarantäne. Meine neun Mitarbeiter waren im Homeoffice. Wir waren alle irgendwie allein. Das ist für mich als Komponist nicht ungewöhnlich, aber es fühlte sich total anders an. 

Und dann haben Sie sich ans Klavier gesetzt?

Zuerst habe ich ein unglaublich inspirierendes Video eines Bäckers aus Hannover gesehen, der sein Brot dem Krankenhauspersonal umsonst angeboten hat. Dann habe ich die Entwickler meiner Selbstheilungs-App "SonicTonic" angerufen und ihnen gesagt, dass sie während der Krise umsonst angeboten werden soll. Im Groben arbeitet SonicTonic mit Tönen und Musik für bestimmte Gefühlszustände. Man kann damit Stress reduzieren oder etwa Angstzustände mildern. Dann habe ich darüber nachgedacht, was ich persönlich tun kann. Mein Team und ich hatten schnell die Idee zu einem "Wasche-Deine-Hände"-Song, aber dann haben sich die Prioritäten verschoben: "Bleibt zu Hause" ist die viel größere Message. Dazu wollten wir eine Hymne machen. Denn nur diese Nachricht wird viele Menschen in der Welt vielleicht retten: "Stay Home!". Musiker, Freunde, Kreative aus Australien, Indien, Afrika, den USA, und aus Europa haben spontan mitgemacht. Sogar Ralph Siegel in Miami hat sich singend ans Klavier gesetzt.

Warum gerade dieser Song?

Es gibt in der Musik unterschiedliche Wege, schnell große Massen zu erreichen. Als Komponist würde ich einen "Jingle" oder ein "Soundlogo" schreiben, aber das bekannt zu machen, würde Zeit kosten, ein anderer Weg nennt sich "borrowed recognition", geliehene Wiedererkennung. Wir wollten einen Song machen, der schnell wirkt, der im Kopf bleibt und mit dem man das Hauptanliegen, nämlich zu Hause bleiben, nicht wieder vergisst. Und der in der ganzen Welt schon mitgesummt wurde. Versuchen Sie es mal, es funktioniert mit diesem alten Song sofort. Und er macht gute Laune. Die brauchen wir doch alle in dieser bedrohlichen Lage.