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Wertung veröffentlicht: Russische Jury sorgt mit Periscope-Video für ESC-Skandal

Droht Russland jetzt die Disqualifikation? Ein Mitglied der russischen Jury hat auf Periscope ein Video der streng geheimen Wertung des ersten Semi-Finals veröffentlicht. Ein Fehler, der Konsequenzen haben könnte.

ESC-Jurorin Anastasia Stotskaja

Davon hätte sie besser kein Video gemacht: ESC-Jurorin Anastasia Stotskaja bei der Arbeit.

Die Stimmung scheint gut zu sein in der russischen Jury. In Jogginghose sitzen die fünf Wertungsrichter in einem Büro um einen kleinen Fernseher herum und schauen sich die Live-Bilder von der Generalprobe des ersten ESC-Semifinals aus der Globen Arena in Stockholm an. Eine Dame wippt mit, als der Beitrag des Holländers Douwe Bob zu sehen ist. Beim Pyro-Feuerwerk von Armenien ist ein begeistertes "Wow" zu hören, ein Juror wirft sogar die Hände nach oben. So sieht es also aus, wenn die russische Jury ihre Punkte vergibt. Doch diese Bilder hätte es eigentlich so nie geben dürfen.

Am Montagabend fand das Jury-Finale des ersten Semifinals des Eurovsion Song Contest in Stockholm statt. Es ist eine Art Generalprobe für das, was die Fernsehzuschauer erst am Dienstagabend um 21 Uhr live zu sehen bekommen werden. Bei dieser Probe sind zwar viele Zuschauer in der Arena, sie wird aber weder im Fernsehen noch im Internet übertragen. Nur an die nationalen Jurys der 42 Teilnehmerländer wird sie live gestreamt. Auf dieser Grundlage fällen die stimmberechtigten Juroren ihre Entscheidung und verteilen Punkte.

Länder mit Plus und Minus markiert

Ein Mitglied der russischen Jury hielt es für eine gute Idee, ein Video (hier zu sehen) von sich und den Wertungsrichtern bei ihrer Arbeit auf Persicope zu veröffentlichen. Auf dem 6 Minuten und 58 Sekunden langen Ausschnitt sind nicht nur die TV-Aufnahmen aus Stockholm zu sehen, sondern auch ein offizieller Wertungszettel. Dieser enthält zwar noch keine Punkte, jedoch sind bei einigen Ländern Plus- und Minuszeichen zu erkennen: bei den Niederlanden ein dickes Plus, bei Griechenland und Ungarn hingegen ein Minus.

ESC

Deutlich zu erkennen: Die Wertungsrichterin hat auf ihrem Zettel Plus- und Minuszeichen gemacht.

Gepostet wurde das Video von Anastasia Stotskaja. Die in Kiew geborene russische Sängerin und Schauspielerin nahm 2005 am russischen ESC-Vorentscheid mit dem Lied "Shadows Dance All Round Me" teil und gehört neben Gennady Gladkov, Denis Maydanov, Lipa Teterich und Oscar Kuchera zu den fünf Mitgliedern der offiziellen russischen Jury.

Stotskaja gewann außerdem mit Filipp Kirkorov, der in diesem Jahr den russischen ESC-Beitrag "You are the only one" für den favorisierten Russen Sergey Lazarev geschrieben hat, das New Wave Festival im lettischen Jurmala.

ESC-Verantwortliche prüfen den Vorfall

Unklar ist derzeit, welche Konsequenzen die Veröffentlichung des Videos hat. Ein Sprecher des ESC sagte dem stern am späten Montagabend, die Angelegenheit werde derzeit überprüft. Näheres konnte er noch nicht sagen. Um 1.10 Uhr am Morgen teilte die Europäische Rundfunkunion (EBU) via Twitter mit, dass es am Dienstagnachmittag Informationen zu dem Vorfall geben werde.

Nach den Regeln der EBU, die den ESC veranstaltet, soll das Juryvoting der Semifinals bis zum Finale am kommenden Samstag geheim bleiben, um eine mögliche Beeinflussung der Juroren zu verhindern. Die zu erkennenden Markierungen auf dem Stimmzettel entsprechen zwar noch nicht der finalen Wertung, lassen aber Rückschlüsse auf die Punktevergabe zu. 

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ESC-Jury droht die Disqualifikation

Im schlimmsten Fall könnte die komplette Jury-Wertung Russlands für dieses Semi-Finale für ungültig erklärt werden. Dann würden nur die Anrufe der Zuschauer aus Russland zum Tragen kommen. Auch weitere Konsequenzen wie Geldstrafen sind denkbar. Womöglich muss zum Finale am Samstag eine neue Jury gefunden werden. Eine komplette Disqualifizierung Russlands, das sich Hoffnungen auf einen Sieg beim ESC 2016 machen kann, scheint hingegen ausgeschlossen. 

Nachtrag:

Am Dienstagabend hat die EBU in einer offiziellen Mitteilung bekannt gegeben, dass die russische Jurorin Anastasia Stotskaja disqualifiziert wurde. Ihre Wertung wird nicht für das erste Semifinale herangezogen. Die Punkte der anderen vier Juroren behalten ihre Gültigkeit. Das russische Fernsehen darf für das Finale am Samstag einen neuen Juror nachbesetzen.

Mitarbeit: Lars Peters