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ESC 2016 Jamala hätte ohne ihre politische Botschaft nicht gewonnen

ESC 2016: Jamala performt ihren Siegersong "1944"
Jamala performt beim ESC 2016 ihren Siegersong "1944"
© Michael Campanella/Getty Imagaes
Die Dramaturgie des ESC 2016 war hollywoodreif: Der Underdog Ukraine gewinnt deutlich vor dem favorisierten Russland. Während die Jurys eher politisch abstimmten, erwiesen sich die Zuschauer als weitgehend undogmatisch.
Von Lars Peters, Stockholm

"Ich möchte Frieden und Liebe für jeden!", bricht es aus Jamala, der ukrainischen ESC-Siegerin heraus, bevor sie noch einmal ihren Siegerbeitrag "1944" vorträgt und die Show aus Stockholm zu Ende geht. Diese Klarstellung ist ihr wichtig, denn obwohl es in ihrem Lied um Ereignisse im Jahr 1944 geht, sind sie aktuell politisch ausgesprochen brisant: Die Vertreibung der Krim-Tataren durch Stalin im benannten Jahr. Innerhalb weniger Tage wurden damals knapp 200.000 Menschen unter schrecklichen Bedingungen nach Zentralasien deportiert. Eine von ihnen war Jamalas Großmutter.

Ihre Geschichte war Inspiration für den Song, mit dem die Ukrainerin am Samstagabend in Schweden den ESC gewann. Jurys und TV-Zuschauer sahen "1944" jeweils auf dem zweiten Platz. In der Gesamtwertung reichte es dennoch für den Sieg. Dass Jamala damit dem hochfavorisierten Russen Sergej Lazarev die sichergeglaubte ESC-Krone im letzten Moment entreißen konnte, hat einen besonderen Beigeschmack. Denn Russland fühlte sich von Beginn an von dem ukrainischen Beitrag angegriffen.

Politische Songs sind beim ESC verboten

Obwohl die Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 in dem Lied nicht erwähnt wird, sehen viele – und zwar nicht nur – Russen diese zusätzliche Ebene und versteckte Kritik. Der russische Vize-Duma-Chef Vadim Dengin sprach in dem Zusammenhang sogar von einer Beleidigung Russlands. Politische Beiträge sind beim Eurovision Song Contest jedoch untersagt. Der Veranstalter des Gesangswettbewerbs sah aber auf Basis des Liedtextes keine Notwendigkeit einzugreifen. 

Allerdings ist das Offizielle nur die eine Seite. Die andere Frage in Stockholm war: Was machen die Zuschauer mit diesem Lied? Verstehen sie es als Kritik an der aktuellen russischen Politik und nutzen ihre Stimme, um ihren Unmut darüber zum Ausdruck zu bringen? Die russische Seite war alarmiert. Schließlich wollte man mit dem eigenen, höchst aufwendigen Beitrag unbedingt den ESC-Sieg holen. Insofern bemühte sich die russische Seite im Vorfeld klarzustellen, dass der ukrainische Beitrag gar nicht politisch gemeint sei und man deshalb auch gar nicht damit politisch gegen Russland abstimmen könne. Verdrehte Welt.

Fährt Russland zum ESC in die Ukraine?

Die Ukraine war als Underdog nach Stockholm gekommen. Aufgrund der unsicheren politischen und wirtschaftlichen Lage im Land hatte man im vergangenen Jahr von einer ESC-Teilnahme Abstand genommen.Da diese ganz wesentlich durch den Einfluss Russlands bedingt ist, hatte die ukrainische Delegation noch kurz vor dem diesjährigen Finale angekündigt, dass man nicht am ESC 2017 teilnehmen würde, wenn dieser in Russland stattfände. 

Nun ist die Situation also eine umgekehrte. Russland muss sich überlegen, ob es zu einem ESC in die Ukraine fährt. Wo dieser dort stattfindet, ist noch offen. Auf die provokative Frage einer krimtatarischen Journalistin in der Siegerpressekonferenz, ob Jamala sich wünsche, dass der ESC auf einer "freien Krim" stattfinden solle, antwortete diese höchst diplomatisch: "Der ESC soll aus der Ukraine gesendet werden, wo dort, ist mir egal."

Jamala überzeugte selbst russische ESC-Zuschauer

Man nimmt der sympathischen Siegerin ihren Wunsch nach Frieden für alle ab. So kämpft Jamala bei der Frage sichtlich mit sich, was sie nach dem ESC-Sieg ihrer Großmutter sagen wolle. Nach einigem Nachdenken erklärt sie mit fester Stimme: "Ich würde es bevorzugen, wenn die Sachen, die meiner Großmutter zugestoßen sind, nie passiert wären – und das Lied gar nicht existieren würde."

Mit dieser Botschaft berührte Jamala am Samstagabend die Menschen – in vielen Ländern: 7 Punkte gab's von der deutschen Jury und 6 von den deutschen TV-Zuschauern. In anderen Ländern gibt's mal mehr von den Jurys, mal mehr von den Zuschauern. Am wichtigsten aber: Jamala erreicht selbst die russischen Zuschauer. 10 Punkte gab es von ihnen, während die vom staatlichen Fernsehsender eingesetzte Jury den ukrainischen Beitrag komplett ignorierte.

Abneigung der ESC-Jurys gegen Russland

Und auch umgekehrt überwand die Musik die zwischennationalen Streitigkeiten. Gleich 12 Punkte schickten die ukrainischen TV-Zuschauer zu den russischen Nachbarn, obwohl diese Teile ihres Landes besetzt halten. Die Jury hingegen ignorierte auch hier den Beitrag des anderen. Es sind also eher die Menschen als die verkopften Juroren, die der Aufforderung Jamalas nachkommen: Friede und Liebe statt Konflikt und Dogma.Die Beobachtung lässt sich auch auf weitere Länder übertragen. Während viele TV-Zuschauer auch in westlichen Ländern oft sowohl Russland als auch die Ukraine mit Punkten bedachten, ging Russland bei den Jurys häufiger leer aus. Immerhin 81 Punkte lag die Ukraine am Ende des Juryvotings vor Russland. Eine gewisse Abneigung der Jurys gegen Russland ist also erkennbar. Ob diese auch noch vorhanden gewesen wäre, wenn Moskau statt einer schnöden Popnummer erneut eine Friedensschmonzette geschickt hätte? Fraglich.

Jamalas Lied hätte ohne ihre Botschaft nicht funktioniert. Insofern ist es auch ein politischer Sieg. Aber hätte "Ein bisschen Frieden" von Nicole gesiegt, wenn sie damit den Baustellenlärm besungen hätte? Eben. Der ESC unterlag schon immer politischen Einflüssen. Das wird auch so bleiben.
 


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