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Eurovision Song Contest: Der Rächer mit der Plastikklampfe

Die Wellen der Empörung schlagen hoch in Spanien: Ausgerechnet der Blödelbarde Rodolfo Chikilicuatre wird das Land beim Eurovision Song Contest in Belgrad vertreten. Dabei ist der Plastikgitarrist noch nicht einmal die schrillste Figur der Veranstaltung: Konkurrenz macht ihm ein irischer Truthahn.

Anfangs hielt man diese Online-Abstimmung über den spanischen Teilnehmer beim Eurovision Song Contest beim öffentlichen Fernsehen TVE noch für eine richtig gute Idee. Jedermann durfte sich bewerben und auf einer eigens dafür eingerichteten Internetseite Musik einstellen. Ein moderner Ansatz zur Zuschauerbeteiligung, für die traditionell miserablen Quoten der nationalen Endausscheidung war es auch ein Segen. Ansonsten aber ist das Ergebnis des Wettbewerbs für manchen ziemlich ernüchternd: Ausgerechnet die Spaßfigur Rodolfo Chikilicuatre wird das stolze Spanien beim Grand Prix am 24. Mai in Belgrad mit seiner Ulknummer "Baila el Chiki-chiki" (Tanz den Chiki-chiki) vertreten.

Chikilicuatres Outfit ist in der Tat gewöhnungsbedürftig: Der Komiker, hinter dem sich der Schauspieler David Fernàndez verbirgt, trägt eine überdimensionale Elvis-Presley-Tolle, 50er-Jahre-Koteletten und vor der Brust eine Spielzeuggitarre aus Plastik. Sein Song parodiert die in Spanien populäre Reggaeton-Musik - ein Mix aus Reggae, Dancehall und HipHop - und hört sich an wie eine Mischung aus Elektro-Rap und Kinderlied. Der Text enthält neben sprachlichen Gags eine Aufzählung von Prominenten, die angeblich bereits den "Chiki-chiki" tanzen. Um Ärger zu vermeiden, wurden die Namen von Politikern im Text gestrichen und durch international bekannte Spanier wie der Rennfahrer Fernando Alonso oder die Hollywoodstars Javier Bardem und Antonio Banderas ersetzt.

"Man blamiert ganz Spanien"

Die Entscheidung sorgt in Spanien für gehörigen Wirbel und löst knapp zwei Monate vor dem Grand Prix eine heftige Debatte aus, die man noch ganz gut aus Deutschland kennt, als das Land der Dichter und Denker mit Guildo Horn ("Guildo hat euch lieb"/1998) und später Stefan Raab ("Wadde Hadde Dudde Da?"/2000) zwei echte Blödelbarden in den Kampf um Europas Musikkrone schickte. Manche Spanier finden die Wahl lustig, andere hingegen sprechen von einer "Schande" und empören sich darüber, dass ihr Land bei dem Festival durch einen "unwürdigen" Beitrag vertreten sein wird. "Man blamiert ganz Spanien vor 300 Millionen TV- Zuschauern in Europa", empörte sich etwa die Zeitung "El Mundo".

"Darf ein Truthahn für Irland singen?"

Dabei ist noch nicht einmal gesagt, dass es Spanien sein wird, das von den insgesamt 43 Teilnehmern in Belgrad den Titel für den schrägsten Auftritt einheimsen wird. Neben dem üblichen Popgedudel à la No Angels und osteuropäischer Folklore wird ihm besonders ein Truthahn namens "Dustin" Konkurrenz machen. Die Handpuppe aus dem irischen Kinderfernsehen hat den Ausscheidungswettbewerb in Dublin mit der schmissigen Dancefloor-Hymne "Irelande Douze Pointe" souverän gewonnen - unter anderem unterstützt von Bob Geldorf, der Dustin für eines "der größten Talente (hält), die das Land je hervorgebracht hat." Die übliche Grand-Prix-Debatte über kulturellen Wert und Sangeskunst war dennoch unvermeidbar: "Darf ein Truthahn für Irland singen?", lautet die prekäre Frage.

"Das geschmackloseste Festival der Welt"

In Spanien, das seit dem Jahr 2005 nicht mehr über Platz 20 hinausgekommen ist - muss man sich also gar nicht so sehr aufregen. Der Eurovision Song Contest hat schon immer Ländern reichlich Möglichkeit gegeben sich zu blamieren. Und spätestens seit dem Sieg der finnischen Schockrocker Lordi 2006 weiß man, dass extreme Auftritte dem Erfolg ganz und gar nicht abträglich sein müssen. Die spanische Zeitung "El País" findet an der Wahl des Ulkbarden noch einen anderen positiven Aspekt: "Chikilicuatre übernimmt die Funktion eines Rächers. Er begleicht eine alte Rechnung der spanischen TV-Zuschauer mit dem geschmacklosesten Festival der Welt. Das Kalkül sieht so aus: Wenn wir mit Schnulzen, kraftvollen Stimmen oder Flamenco-Anleihen schon nicht gewinnen können, wollen wir wenigstens dazu beitragen, den Wettbewerb zu sprengen."

be/DPA