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Auftritt in Aserbaidschan Musiker protestieren gegen Staatswillkür


Zwangsenteignungen, Rentenkürzungen, Festnahmen von Regierungskritikern. Am Sonntag haben aserbaidschanische Musiker mit einem Protestkonzert auf die Schattenseiten des ESC aufmerksam gemacht.

Am Rande des Eurovision Song Contest (ESC) in Baku haben junge aserbaidschanische Musiker mit einem Konzert gegen Menschenrechtsverstöße und staatliche Willkür protestiert. Bei dem Konzert des Bürgerrechtsprojekts "Sing for Democracy" (Singen für Demokratie) traten am Sonntagabend mehrere Bands in dem Lokal Marshalls im Stadtzentrum auf. Unter den einigen Dutzend Gästen war auch der deutsche Botschafter Herbert Quelle. Ungeachtet des ESC gebe es weiter Festnahmen von Regierungskritikern, sagte die prominente Bürgerrechtlerin Lejla Junus am Rande des Konzerts.

"Ich habe bisher gedacht, dass der Druck sich nach dem ESC verschärft, aber unsere Machthaber verhalten sich so feindlich gegen die Gesellschaft, dass die Repressionen nun ständig laufen", sagte die Leiterin des Instituts für Frieden und Demokratie (Institute for Peace and Democracy). So seien etwa zwei Organisatoren von "Sing for Democracy" von der Universität ausgeschlossen worden.

"Der ESC ist für die Mehrheit der Bürger in Aserbaidschan kein Glück", sagte Junus. Sie warf dem autoritären Präsidenten Ilcham Alijew Methoden eines "mafiösen Clans" vor. Senioren seien die Renten gekürzt worden mit der Begründung, es werde mehr Geld für den Eurovision gebraucht, sagte Junus. Dutzende Menschen seien unter Polizeigewalt zwangsenteignet worden, um Platz für Neubauten für den ESC zu schaffen. Und Schuldirektoren würden als Staatsbedienstete etwa gezwungen, Tickets für die ESC-Show in der neuen Crystal Hall zu kaufen, um den Absatz anzukurbeln.

Dem Diktator verbal vors Schienbein treten

Vor einer Woche hatten zwölf inhaftierte Oppositionelle einem Hungerstreik für ihre Freilassung begonnen. Die Aktivisten seien von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International als politische Gefangene anerkannt, meldete die unabhängige Agentur Turan. Der Menschenrechtspolitiker Volker Beck von den Grünen im Bundestag hatte die Lage in der Südkaukasusrepublik als "äußerst kritisch" bezeichnet. "Das Regime von Alijew darf den ESC nicht zu einer großen Propagandashow machen", sagte Beck über den autoritären Präsidenten Ilcham Alijew. "Wir haben keine andere Wahl, als diesem Diktator zumindest verbal vors Schienbein zu treten."

Amnesty International forderte unterdessen ein Ende der Polizeigewalt gegen Andersdenkende in Aserbaidschan. Am Montag vor einer Woche waren knapp 20 Menschen bei spontanen Protesten gegen Behörden- und Justizwillkür festgenommen worden. Die Opposition hatte angekündigt, die internationale Aufmerksamkeit zum ESC verschärft für die Proteste nutzen zu wollen.

Unterdessen geht der ESC in seine heiße Phase: Am Samstag stand der deutsche Kandidat Roman Lob erstmals auf der Bühne in der Crystal Hall. Am Dienstag startet das erste Halbfinale mit 18 Teilnehmern, zwei Tage darauf folgt der zweite Teil. Am Samstag, den 25. Mai, wird dann das Finale des Grand Prix ausgestrahlt.

jwi/DPA DPA

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