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Treffen mit Conchita Wurst: "Ich frage immer: Was würde Victoria Beckham tun?"

Der ESC-Sieg von Conchita Wurst ist fast ein Jahr her, doch wo die Drag-Queen auftaucht, heulen die Fans immer noch. Auch, wenn die Musik vom Band kommt.

Von Sarah Stendel

Conchita Wurst hat ein Jahr nach ihrem ESC-Sieg 60 Fans zu Facebook nach Hamburg eingeladen

Conchita Wurst hat ein Jahr nach ihrem ESC-Sieg 60 Fans zu Facebook nach Hamburg eingeladen

Conchita Wurst hat noch keinen Stöckelschuh in den Raum gesetzt, da fließen bei Jörn schon die Tränen. Der 23-Jährige hat sich extra einen Tag frei genommen, um die ESC-Gewinnerin beim Fantreffen in Hamburg live zu sehen. "Ich bewundere sie einfach so", sagt er, während die Tränchen weiter kullern.

Und dann kommt sie: im enganliegenden knöchellangen Rock und High Heels, dazu ein tiefausgeschnittenes Oberteil, der Bart perfekt getrimmt. "Conchita ist mein Vorbild. Sie ist jemand, der groß denkt und Großes schafft", sagt Julia, 27, aus Solingen. Auch sie ist eine von 60 glücklichen Fans, die von Facebook zum Treffen mit Conchita Wurst eingeladen wurden. Der Raum im zwölften Stock des Büros bietet einen tollen Ausblick über Hamburg, doch vom Glanz der großen ESC-Bühne in Kopenhagen ist man hier meilenweit entfernt.

Alle lieben die Conchita-Show

Aber Wurst lässt sich nicht beirren. Bei der Fragerunde auf einem kleinen Podest hält sie sich kerzengerade, Haare und Make-up sitzen perfekter als bei jeder Kardashian, die Bewegungen sind die einer Diva auf der großen Bühne. Schon für ihr lasziv gehauchtes "Hallo" bekommt sie Lacher vom Publikum, alle lieben die Conchita-Show.

Und die kennt keine Grenzen. Von Stylingtipps ("Ich frage immer: Was würde Victoria Beckham tun?") bis zur Lebenshilfe ("Man muss lernen, zu sich selbst zu stehen") ist alles dabei. Wurst spricht im Plauderton charmant und intelligent zu den Fans. Einige sind so aufgeregt, dass sie nur mit zitternder Stimme Fragen stellen können, viele bedanken sich bei ihr. Dabei will Conchita Wurst kein Vorbild sein, sie sei nicht perfekt, betont sie. "Ich freue mich, dass du dich jetzt gut vertreten fühlst, aber bitte sei nicht böse, wenn ich irgendwann etwas sage, was dir nicht gefällt", antwortet sie einem Fan, der ihren Auftritt in der Talkshow von Sandra Maischberger lobte.

Doch natürlich hat Wurst längst Verantwortung übernommen, trat zum Beispiel auch im Europaparlament auf und sang vor UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Fast ein Jahr ist es her, dass sie in Kopenhagen die ESC-Welt auf den Kopf gestellt und sich überraschend den Titel geschnappt hat. Und zwar mit dem viertstärksten Sieg aller Zeiten, ihr Song "Rise like a Phoenix" schaffte es in sieben Ländern in die Top Ten. Weltstars wie Elton John und Cher bekannten sich öffentlich als Fans. Es war ihre Botschaft von Menschlichkeit und Toleranz, die ankam. "Sie ist mehr als nur eine Sängerin, sie steht schon immer für mehr", sagt Conchita-Fan Kristin, 27, aus Bochum. Und erklärt, dass Drag-Queen Conchita auch in der Transsexuellen-Community ein wichtiges positves Vorbild sei.

Die ESC-Krone bleibt für immer

Später plärrt "Rise like a Phoenix" vom Band, Conchita Wurst singt live mit Inbrunst dazu. Den Fans ist es egal, dass das Playback zur James-Bond-artigen Hymne in dem kleinen Raum fast deplatziert wirkt. Wursts erstes Soloalbum erscheint am 15. Mai, gerade plant ihr Team eine Welttournee.

Doch erst einmal wird Ende Mai in Wien ihr ESC-Nachfolger gekürt. Für die Fans ist die österreichische Drag-Queen immer noch die Gewinnerin. Und auch Conchita Wurst hat nicht vor, ihre ESC-Krone wieder abzugeben. "Wir bleiben immer Sieger. Das habe ich auch bei der 60-Jahr-Feier in London gesehen. Da wurden Künstler, die vor Jahren gewonnen haben, wahnsinnig gefeiert. Die Eurovision-Fangemeinde ist so loyal, dass ich dort für immer bleiben möchte", sagt sie, bevor in Hamburg das große Knuddeln losgeht. Alle stehen an für die Wurst, eine Diva zum Anfassen. Auch Jörn wartet mit geröteter Nase und verweinten Augen auf sein Selfie mit ihr. Hinterher sagt er glücklich: "Sie war fantastisch."