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Eurovision Song Contest: Gracia blamiert Germany

Mit der schlechtesten deutschen Platzierung der Grand-Prix-Geschichte kehrt Gracia aus Kiew zurück. Sie belegte den letzten Platz. Jubeln durfte Griechenland.

Es war der Abend der schönen Helena. Eingehüllt in die blau-weiße griechische Fahne jubelte Helena Paparizou über ihren Sieg beim 50. Eurovision Song Contest in Kiew - den ersten für Griechenland. Ihr Lied "My Number One" machte sie im zweiten Anlauf nach 2001 tatsächlich zur Nummer eins. "Endlich ist der Wettbewerb in Griechenland angekommen", freute sie sich auf den Grand Prix 2006 in Athen. Der deutschen Sängerin Gracia, abgestraft mit dem letzten Platz, war vielleicht nach "Run & Hide" (Wegrennen und Verstecken) zumute. Aber sie flüchtete nicht, sondern biss sich auf die Lippen. "Soll ich etwa lachen?", fragte sie bei einer Live-Schaltung der ARD.

"Ihr habt das Lied gewählt", rief sie den deutschen Zuschauern entgegen. Nach einer langen Nacht im Euroclub in Kiew sah Gracia am Sonntagmorgen indes schon wieder gut gelaunt aus. Ihr Song sei einfach nicht gut angekommen, hieß es aus der deutschen Delegation. Das Hickhack um Chartmanipulationen durch massenhafte CD-Käufe des Gracia-Produzenten David Brandes hatte nach Einschätzung deutscher wie auch internationaler Grand-Prix-Experten hingegen keine Auswirkungen.

"Tolle Sache für Kiew"

Für die ukrainische Hauptstadt ging mit dem Finale eine fast einwöchige Party zu Ende. Jeden Abend hatten Zehntausende im Stadtzentrum gefeiert, Live-Konzerte gehört und schließlich gebannt den Wettbewerb verfolgt. "Eurovision ist eine tolle Sache für Kiew", sagte der Student Roman (21) auf dem Unabhängigkeitsplatz. "Ganz Europa lernt die Ukraine kennen."

Über dem Wettbewerb lag noch die fröhlich-freie Stimmung des demokratischen Aufbruchs vom Winter. Die "Revolution in Orange" habe sich noch einmal selbst gefeiert, meinte auch der Unterhaltungschef des in Deutschland zuständigen Senders NDR, Jürgen Meier-Beer. Für die Europäische Rundfunkunion EBU war der Jubiläums-Grand-Prix in Kiew eine riskante Angelegenheit, weil zur Hälfte der Vorbereitungszeit auf ukrainischer Seite Personen und Konzepte ausgetauscht wurden. Doch Begeisterung machte die fehlende Zeit wett, und die Fans in ganz Europa konnten sich an einer farbigen Show aus dem verwandelten Kiewer Sportpalast freuen.

Die junge Ukrainerin Ljudmila, eine der zahllosen Helferinnen bei dem Wettbewerb, tanzte vor Paparizous nächtlicher Pressekonferenz gleich fünf Mal hintereinander zu dem Siegertitel "My Number One". "Das Lied ist so dynamisch", schwärmte sie. "Helena ist so nett, aufrichtig und schön." Unter den 24 Finaltiteln bot Helenas Lied die gelungenste Synthese aller musikalischen Richtungen des Wettbewerbs. Komponist Christos Dantis kombinierte modernen Pop mit klar erkennbarer griechischer Melodik.

Ruslana von vielen Teilnehmern kopiert

Die im vergangenen Jahr von der ukrainischen Siegerin Ruslana geschaffene Mode folkloristischer "Wilder Tänze", diesmal von vielen Teilnehmern kopiert, lief sich aber gleich wieder tot. "Bloß wegen Ruslana trommeln jetzt alle", maulte ein junger Ukrainer auf dem Unabhängigkeitsplatz. Doch die besten Trommler, nämlich aus Rumänien und Moldawien, landeten auf den Plätzen 3 und 6, abgehängt von den gefühlvollen Balladen aus Malta, Lettland und Israel.

Die deutsche Delegation forschte schon am Sonntagmorgen nach den Ursachen für Gracias Debakel. Die 22-Jährige hatte im Finale unsicherer gesungen als in den Proben. "Der Titel ist nicht angekommen", meinte Meier-Beer. Nur Monaco und Moldawien erbarmten sich und spendeten Gracia je zwei Punkte. Im großen Konzert kreativer kleiner Länder gab es für die großen Staaten Deutschland, Spanien, Frankreich und Großbritannien nichts zu holen - sie landeten auf den letzten vier Plätzen.

Friedemann Kohler/DPA / DPA