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Grammy-Verleihung: "Need You Now" räumt ab

Die diesjährige Grammyshow hatte eindeutige Favoriten - und fast alle wurden enttäuscht: Justin Bieber, Katy Perry und auch der Deutsche Hans Zimmer gingen leer aus, Eminem bekam nur einen Trostpreis. Die Nacht gehörte einem Countrysong: "Need You Now".

Der Song handelt von nächtlicher Einsamkeit, doch davon konnte für Lady Antebellum keine Rede sein. Das Countrytrio aus Tennessee hat am späten Sonntagabend (Ortszeit) mit seinem Song "Need You Now" die diesjährige Grammy-Verleihung in Los Angeles überrannt. Doch bei allem Glamour, aller Show und allem tapferen Lächeln: Für die Favoriten war es ein Abend der Enttäuschung.

"Die Grammys sind bei der Auswahl der Gewinner schon berüchtigt bizarr", sagte MTV-Musikexperte James Montgomery nach dem Abend. "Eminem dürfte ziemlich glücklich sein, wie alles 2010 gelaufen ist. Aber es war absolut schockierend, dass er nicht gewonnen hat." Dabei hatte der Rapper, der ebenso wie seine Heimatstadt Detroit Jahre in der Krise war, gewonnen - gleich zweimal. Aber nominiert war der 38-Jährige zehnmal, öfter als jeder andere. Und die beiden Trophäen, die er letztlich bekam, waren nicht aus der Gruppe der drei Hauptpreise, obwohl er für alle nominiert war. Nur Trostpreise für den Rapper.

"Die zehn Nominierungen allein sind schon ein großer Sieg nach all den persönlichen und künstlerischen Schlaglöchern", schreibt Devin Lazerine, Chefredakteur des Internetmagazins "Rap-Up.com". Doch es schien nicht nur das Machogehabe eines Rappers zu sein, als Eminem einen Gewinn mit kalt-kämpferischer Miene aufnahm und ansonsten mit starrem Blick die Gewinne der Konkurrenz verfolgte.

Dabei war er nicht der einzige Favorit, der in der gewaltigen Show plötzlich nicht mehr auftauchte. Katy Perry brachte noch, im Gegensatz zum fast dreimal so alten Mick Jagger bei seiner ersten Grammy-Show, den Saal zum Kochen - aber nicht eines der kleinen goldenen Grammophone durfte sie mit nach Hause nehmen. Und Justin Bieber meldet zwar gerade Verkaufserfolge mit seinem Konzertfilm und ist in aller Munde. Aber auch der 16-jährige Kanadier verfolgte etwas verwirrt, dass nicht er, sondern andere die Preise gewannen.

Dabei hatte er zusammen mit Usher und Will Smiths gerade zwölfjährigem Sohn Jaden eben noch eine Bühnenshow hingelegt, die gar nicht zum Image des netten Teenieschwarms mit der braven Frisur passte. Ganz in schwarz mit schwerer Lederjacke hatte er zwischen Feuern und maskierten Trommlern herumgetanzt und harte Rhythmen und Rap statt seichter Lovesongs feilgeboten. Doch ansonsten verfolgte er die dreieinhalbstündige Show aus den Publikumsreihen.

Ohnehin werden die Tanzshows immer ausgefeilter und ausgefallener. Wie passt da der Erfolg von Lady Antebellum, einer Gruppe, deren Musikvideo etwa so aufwendig produziert ist wie der Kinowerbespot des örtlichen Versicherungsvertreters? Haben die Amerikaner nach der großen Krise wieder Lust auf bodenständiges? Auf drei junge Leute, die sich, ganz ohne Castingshow, einfach zum Musikmachen getroffen haben und ihre Songs auch noch selbst schreiben?

Das allein kann es nicht sein. Dann hätte nicht Lady Gaga wieder einmal drei Grammophone nach Hause getragen, denn die 24-jährige New Yorkerin ist bunt, schrill, verrückt, ihre Videos sind laut, surreal, künstlerisch, ebenso wie ihr Grammy-Auftritt als frischgeschlüpftes Popküken aus einem halbdurchsichtigen Ei - das ist alles, nur nicht bodenständig. "Aber vielleicht", wie es ein Musikkritiker auf dem Sender CBS sagte, "vielleicht liegt es ja daran, das Lady Antebellum einfach verdammt gute Musik macht."

Chris Melzer, DPA / DPA