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Grönemeyer: "Super-Herbert" jetzt im Dutzend

Es war keine Liebe auf den ersten Blick zwischen ihm und den Deutschen. Heute ist der Mann, dessen zwölftes Album nun erschienen ist, unser aller Super-Herbert. Wie konnte das geschehen?

Von Oliver Fuchs

Niemand singt wie er. Na ja, was heißt hier singen? Eigentlich ruft er mehr. Wenn seine neue Single im Radio läuft, verstummen Gespräche. Eben hat sich der Freund beim Mittagessen noch stolz über das Neugeborene ausgelassen, hat Größe, Gewicht und Verdauungstätigkeit des Babys erörtert. Doch plötzlich dreht er sich mitten im Satz weg, in Richtung Radio. Kein Zweifel, da ist er wieder: Herbert Grönemeyer. Diese Stimme - umweht von den Klängen einer grandios schmalzigen Ballade - erkennt man sofort, dieses Pressen und Grollen und Flehen. Die Stimme brüllt: "Ein Stück vom Himmel/Ein Platz von Gott" und "Hier ist dein Heim/Dies ist dein Ziel/Du bist ein Unikat". Echte Grönemeyer-Lyrik eben. Was sie meint, ist: Du bist nicht allein. Ich versteh dich. Alles wird gut.

Das ist die Botschaft. Eine Botschaft, nach der sich das Land von Album zu Album stärker sehnt. Grönemeyers neue CD "12" wird, da muss man kein Prophet sein, wie selbstverständlich an die Spitze der Charts stürmen, seine Tournee wird ein Triumphzug sein. Die Erwartungen sind immens: Mit "Mensch" sang, litt und trauerte sich Herbert Grönemeyer vor fünf Jahren endgültig zum Nationalsänger der Deutschen, der immer da ist, wenn irgendwo jemand Trost, Beistand, Geborgenheit braucht. Seit "Mensch" glaubte jeder, diesen Mann persönlich zu kennen, so intim, verletzlich und offen sang Grönemeyer über sich und sein Leben.

Es war die Zeit der großen Elbe-Flut. Im Osten Deutschlands kämpften die Menschen grimmig bis verzweifelt mit den Wassermassen und sich selbst. Und zu den Bildern der TV-Sondersendungen lief Grönemeyer: "Und der Mensch heißt Mensch", sang er, "weil er erinnert, weil er kämpft/Und weil er hofft und liebt/Weil er mitfühlt und vergibt". Es war vollkommen egal, dass Grönemeyer sich selbst meinte und nicht die Flutopfer. Die Menschen fühlten sich verstanden - und liebten ihn. Endlich. Denn zwischen den Deutschen und Herbert Grönemeyer gab es keine Liebe auf den ersten Blick. Grönemeyer kennt den Misserfolg, die Demütigungen und Rückschläge. Den Spott. Außer Herbert Grönemeyer hat an Herbert Grönemeyer jahrelang niemand geglaubt.

Als Kind sitzt er gern allein im Dunkeln, spielt Klavier und singt. Einzige Zuhörerin ist seine Großmutter, die ihm zuruft: "Wenn du weiter so brüllst, hast du mit 14 keine Stimme mehr." Mit Anfang 20 ist er immer noch gut bei Stimme, er bekommt sogar einen Plattenvertrag, aber der Zuhörerkreis wächst kaum. Er muss froh sein, wenn an manchen Abenden zwölf Leute kommen. Das Publikum reagiert oft noch unfreundlicher als die Oma. Einmal spielt er am Kölner Tanzbrunnen, und nach drei oder vier Takten schreit jemand: "Geh nach Hause, du schwule Sau!" Er wird ohne Unterbrechung ausgepfiffen, mitten im Konzert klaut man ihm die Pedale vom Klavier.

Wenn einer Popstar werden will, Ende der 1970er, und Herbert heißt und aus Bochum kommt, hat er es nicht leicht. Noch dazu, wenn er aussieht wie eine Mischung aus Klaus Kinski, Oskar Matzerath und dem Jungen auf der Brandt-Zwieback-Packung. Rührend blass, rührend unbeholfen. Und dann dieser merkwürdige Scheitel im strähnigen Haar, das immer wirkt, als müsste es dringend mal gewaschen werden. Stars schauen anders aus.

Das Erste ein Flop, das Dritte ein Desaster

Das erste Album wird 1979 ein Flop. Das zweite ein Fiasko. Und das dritte ein Desaster. Kommerziell gesehen. Seine Plattenfirma legt ihm einen Namenswechsel nahe, favorisiert werden "Glamour Green" und "Herbie Green". Lächerlich. Grönemeyer lässt nicht mit sich reden, so wie er überhaupt erstaunlich selbstbewusst auftritt. Er fordert seine Musikerkollegen auf, die ZDF-Hitparade zu boykottieren. Die Reaktion: Wer ist der denn? Der wird doch sowieso nicht eingeladen.

Mit "Das Boot" gelingt Durchbruch als Schauspieler

In der Schauspielerei läuft es besser. Grönemeyer wird vom großen Peter Zadek in seine Theaterrebellen-Einheit aufgenommen und spielt 1981 in Wolfgang Petersens Kinohit "Das Boot" einen empfindsamen Leutnant. Was aber nichts daran ändert, dass er auch mit seinem nächsten Album scheitert. Vier Millionen Menschen sehen "Das Boot", aber Grönemeyers Musik will noch immer keiner hören. Plattenfirmen haben Anfang der 1980er Jahre noch viel Geduld mit ihren Künstlern und sind bereit, in schwierige Fälle jahrelange Aufbauarbeit zu investieren. Die Nennung des Namens Grönemeyer jedoch löst abteilungsübergreifendes Haareraufen aus. Aus dir wird nichts, bescheinigt man ihm, vergiss es. Kündigung.

Grönemeyer, rotblond, dünnhäutig, spargeldürr, hat jetzt viele Schläge eingesteckt. Er setzt sich hin und schreibt Lieder, auf denen seine Pressgrollflehstimme noch gepresster, noch grollender, noch flehentlicher klingt. Das ist seine Art zurückzuschlagen. Mit dieser Stimme, die irgendwo aus den Eingeweiden kommt und ins Mark treffen will. Das Ziel ist die sofortige und rückhaltlose ‹berwältigung des Zuhörers.

Er will aufrütteln, erschüttern, zu Tränen rühren. Und diesmal, 1984 mit dem "Bochum"-Album, funktioniert es. Männer (Superhit)! Alkohol (mittlerer Hit)! Flugzeuge im Bauch (Hit)! Drei Songs, die symbolhaft für Grönemeyer stehen: "Männer" ist intelligente Analyse mit einem Schuss Humor, mit "Alkohol" ist er Warner und Mahner, bei "Flugzeuge im Bauch" ein verletzlicher, zerbrechlicher Poet.

Er will aufrütteln, erschüttern, zu Tränen rühren

Doch die Demütigungen hören auch nach "Bochum" nicht auf: "Der letzte Ritter des Seitenscheitels" wird er genannt, seine Stimme erinnert Kritiker an "trockenen Reizhusten". Interviewer fragen als Erstes: "Haben Sie einen Sprachfehler?" Und statt dass ihm, wie bei Rockstars üblich, Sex-Offerten gemacht werden, bekommt er Briefe folgenden Inhalts: "Dass Du keine Schönheit bist, weißt Du ja wohl selbst - aber Ausstrahlung hast Du; das gibt sogar mein Freund zu." Tja.

Gefühls-Grönemeyer und Bundes-Herbert

Doch Grönemeyers beharrliches Ringen um Beachtung wird schließlich belohnt: Die Fan-Gemeinde wächst. Er wird zu einer Art Anti-Star. Er mag kein Sexsymbol sein, aber wird immerhin so prominent, dass er sich eine Geheimnummer zulegen muss, weil nachts das Telefon klingelt und jemand zum Beispiel in den Hörer raunzt: "Wie kann man Grönemeyer am besten die Füße küssen? Indem man ihn möglichst hoch aufhängt." Auf "Bochum" folgt "Sprünge", und von Album zu Album wird aus dem Gefühls-Grönemeyer immer stärker der Bundes-Herbert und Volkssänger. Humor wird nun immer seltener seine Sache sein, das Mahnen und Warnen dafür umso öfter: Von Asylpolitik bis Apartheid, von Wackersdorf bis zur Wiedervereinigung lässt er kaum ein politisches Thema aus. Immer vorn dran, tagesaktuell, supergrundsätzlich. Grönemeyer singt nicht nur gesellschaftsrelevant, sondern erklärt in flankierenden Verlautbarungen sein Programm: Stellung beziehen, Denkanreize geben, konsequent sein Ding durchziehen - Vokabeln, die schon damals reichlich abgehangen klingen. Helmut Kohls Lächeln geißelt er als ignorant, als solche Kohl-Kritik bereits stärker anödet als Kohl selbst.

Tragisches Ende einer großen Liebe

Aber er entwickelt sich weiter - auch musikalisch. Auf dem 1998 erschienenen Album "Bleibt alles anders" verblüfft er Kritiker und Spötter mit elektronischen Klängen. In den Texten klingt Verlust an, Trauer und Verlorenheit. Ein halbes Jahr nachdem das Album erscheint, sterben binnen weniger Tage Grönemeyers Frau Anna und sein Bruder Wilhelm, beide an Krebs. "Papa, du hörst jetzt aber nicht auf zu singen", ist das Erste, was seine damals neunjährige Tochter sagt, als sie vom Tod der Mutter erfährt. Herbert und Anna - 20 Jahre lang waren sie unzertrennlich. "Erzähl uns ab und zu von Deiner Reise", schreibt Grönemeyer in die Traueranzeige, "wie man so fühlt, was man so tanzt, was man so trägt." Dann schreibt er sehr lange nichts mehr.

Auf "Mensch" fasst er Trauer in Worte und Musik

Vier Jahre dauert es, bis er seinen Schmerz in Worte fassen kann. "Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet", ruft er der Geliebten hinterher. Und verspricht: "Ich trage dich bei mir, bis der Vorhang fällt." Das Lied "Der Weg", auf dem sensationell erfolgreichen "Mensch"-Album, berührt auch den gefühlskältesten Grönemeyer-Gegner. Er ist am Ziel: Jeder, aber auch wirklich jeder ist erschüttert, zu Tränen gerührt. Seine Lieder werden zu Repräsentationsmelodien für fast jede Gelegenheit: "Mensch" wird im evangelischen Gottesdienst gesungen, "Zeit, dass sich was dreht" ist akustisches Maskottchen der Fußball-WM und "Bochum" derzeit im Gespräch als offizielle Hymne der Fußballbundesliga. Herbert Grönemeyer ist angekommen. Ist Superstar. Und dabei als Mensch verblüffend zwiegespalten in einen souveränen und einen unsouveränen Teil.

Seine Dünnhäutigkeit ist berüchtigt: Obwohl er in den 1990er Jahren bei Kollegen längst anerkannt ist als Texter, Musiker und Schauspieler, obwohl die Liebe der Deutschen ihm längst gehört, bleibt Herbert Grönemeyer in vielen Momenten misstrauisch bis mimosenhaft. Nur die ganz Großen werden parodiert und veralbert. Man kann es als Ritterschlag, als höchste Form der Anerkennung betrachten. 1989 erschien das Spottlied "Grönemeyer kann nicht tanzen", 2003 die sehr lustigen Parodien des "Herbie G." - im Stile Grönemeyers gesungene Kinderlieder, die im Radio ausgestrahlt werden. Ob er über all das lachen konnte, weiß man nicht. Eigentlich schwer vorstellbar, wenn man weiß, wie ernst Grönemeyer sich und seine Arbeit nimmt.

Seine Dünnhautigkeit ist berüchtigt

Auch im Umgang mit den Medien gilt Herbert Grönemeyer als schwierig. Interviews bearbeitet er gern, bis der Fragesteller manches kaum wiedererkennt. Er gilt als nachtragend und kontrollsüchtig. Gegen eine Biografie über ihn klagte er, da diese zahlreiche Verletzungen des Persönlichkeitsrechts enthalte. Als der stern feststellte, Grönemeyers Englisch habe einen leichten Ruhrpott-Akzent, war er "not amused". Die vielen Jahre des medialen Sperrfeuers haben ihn misstrauisch werden lassen. Anruf bei jemandem, der oft mit ihm gearbeitet hat. Wie ist er denn so im Umgang, der Herbert? "Herbert? Oh, das ist ein Politikum. Ich ruf dich zurück." Er ruft nicht zurück.

Unterwegs in Sachen Weltrettung

Noch immer scheint es, als müsse Herbert Grönemeyer sich selbst und vor allem anderen beweisen, dass er ein Großer ist. Ruanda, im Jahr 2003: Herbert Grönemeyer ist für die Aktion "Gemeinsam für Afrika" auf Wohltätigkeitstour. Ein Dorfplatz auf einem Hügel. Sengende Nachmittagshitze, das Dorf hat sich versammelt, um einen Rockstar zu begrüßen. Afrikanische Rockstars sind flamboyante Geschöpfe, die mindestens mit einem Motorrad-Konvoi anreisen. Es erscheint ein mittelalter, mittelgroßer Mann in Cargo-Hosen, auf den man sehr lange einreden muss, bis er endlich etwas darbietet. Dieser Rockstar ist zunächst eine Enttäuschung. Immerhin tanzt er dann doch noch und reißt damit die Stimmung herum. Das ganze Dorf applaudiert. Hinterher wendet sich Grönemeyer triumphierend an die mitreisenden deutschen Journalisten, seht her, ich kann doch tanzen, was in Deutschland erzählt wird, ist großer Mist. Hat er das nötig? Eigentlich nicht.

Gipfeltreffen zwischen Gröni und Tokio Hotel

Das Royal Lancaster Hotel in London: schummriges Licht, Landschaften in Öl, schlagsahnefarbene Versinke-Polster. In der Lobby lümmeln gelangweilte Geschäftsleute und müde Touristen. Ein Stockwerk drüber kommt es zum Gipfeltreffen zwischen der aktuellen Nummer eins in Pop-Deutschland und der wahren Nummer eins: Tokio Hotel treffen Herbert Grönemeyer. Es ist Herbst 2006, und Tokio Hotel werden umjubelt, gefeiert, auf Händen getragen. Herbert Grönemeyer hat gerade die Musik für ein neues Album fertig geschrieben.

Der Tokio-Hotel-Tross besteht aus einem Maskenbildner, vier Musikern und diversen Betreuern. Die Band hat vier Produzenten. Die Grönemeyer-Delegation besteht aus: Herbert Grönemeyer. Während die 17- bis 19-jährigen Stars über die Hotelflure wuseln, Schminke, Anprobe, nebenbei Telefoninterviews, sitzt der 50-jährige Superstar breitbeinig auf einer Couch. Alter kann warten. Grönemeyer, der seit acht Jahren in London lebt, trinkt Tee und knabbert Kekse. Vier Musiker und vier Produzenten?

Auf "12" hat er das Große, die Welt im Visier

Grönemeyer bricht in ein gackerndes Lachen aus, ungefähr zwei Oktaven höher als seine Singstimme. "Und einer kocht nur Tee, oder was? Einer macht Schnittchen, der andere macht die Betten?" Ziemlich abgehetzt trifft die Jugend ein und sagt scheu: "Hallo". Grönemeyers Händedruck ist staatsmännisch. An diesem Nachmittag in London ist Grönemeyer höflich, gesprächig, lustig. Mit einem Wort: reizend. Er lässt die Jugend ausreden, auch wenn sie außerirdisch aussieht. Und sofort wird klar, wer hier der Superstar ist.

Stadien mit 50.000 Menschen beschallen

Um zu würdigen, was das eigentlich bedeutet, Superstar, muss man kurz sämtliche Staffeln "Popstars", "Star Search", und "Deutschland sucht den Superstar" aus dem Gedächtnis löschen. Ein Superstar, das wird dann klar, kann machen, was er will. Superstars unterwerfen sich keiner Jury und sitzen auch in keiner. Superstars sind unantastbar. Erhaben. Sie schweben in einer Sphäre jenseits von Geschmacks-urteilen und Qualitätskriterien. Auf dem Cover von Grönemeyers neuer CD steht nicht mal mehr sein Name, sondern nur eine Zahl: "12".

Es ist das zwölfte Hauptwerk seiner Karriere - Live-Alben und Kompilationen nicht mitgerechnet. "12" ist noch eingängiger als "Mensch", Grönemeyer macht keine Experimente, ein paar Elektronik-Tüfteleien, sonst hört es sich geschmeidig weg. Wieder ist er Volkssänger, diesmal jedoch wählt er einen anderen Ansatz. Statt wie auf "Mensch" intimste Einblicke in Seelennöte zu gewähren, hat er nun das Ganze, das Große, die Welt im Visier: Der Song "Lied 1 - Stück vom Himmel", der auch die Zeilen "Die Erde ist unsere Pflicht ... Sie ist freundlich - warum wir eigentlich nicht" enthält, kommt passgenau zur aktuellen Klima- und Umweltdebatte. Perfektes Timing. Grönemeyer geht auf dem Album auch kaum verhohlen mit der Großen Koalition ins Gericht. Er singt seinen Kindern Mut zu, und ja, es gibt auch ein Liebeslied. Vielleicht für die Freundin, über die er nicht spricht.

Im Mai geht er wieder auf Tour. Auf der Stadionbühne vor 50 000 wird er sich völlig verausgaben. Sich schwitzend ans Publikum verschenken und jedem Einzelnen das Gefühl geben, dass er sich nur für ihn so anstrengt. Und so soll das ja auch sein.

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