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Grönemeyer auf Unplugged-Tour: Bierzelt-Gegröle in der Semperoper

Der Grönemeyer-Konzertsommer ist längst vorbei. Doch Herbert hat noch nicht genug: Er begibt sich an illustre Spielorte, um dort unplugged zu singen. Beim Gastspiel des Gröl-Großmeisters in der Semperoper treffen zwei Kulturen aufeinander.

Von Sebastian Wieschowski

Vor der Semperoper tragen urbane Penner vorzugsweise Sakko oder Cocktailkleid. Sie sitzen auf dem gepflasterten Boden und halten ein Schild hoch oder sprechen vorbei eilende Passanten direkt an: "Haben Sie noch ein Ticket?" An finanziellen Mitteln mangelt es den Edel-Bettlern nicht. Bis zu 200 Euro werden noch Minuten vor Konzertbeginn für eine Eintrittskarte in die Semperoper geboten. Doch zu einem Handel kommt es nicht. Wer ein Ticket hat, behütet es wie einen Schatz. Schließlich waren die 1000 Karten nach nur vier Minuten ausverkauft. Und es ist nicht abzusehen, ob Herbert Grönemeyer jemals wieder ein Opernhaus beschallen wird.

Der nuschelnde Superstar konnte nach seiner rekordverdächtigen Stadiontour im Sommer dieses Jahres offenbar nicht genug bekommen und legte kurzerhand einige "Unplugged"-Zugaben drauf. Handgemachte und ausgestöpselte Musik von dem Musiker, der eigentlich nur seine Stimme braucht, sind für die Londoner Royal Albert Hall, das Bowling Green in Wiesbaden und die kleine Magdeburger Bördelandhalle geplant. Ein Konzert in New York wurde kurzfristig abgesagt. Als Highlight der Unplugged-Tour galt zweifelsohne das Gastspiel in der Dresdner Semperoper, der traditionsgeschwängerten sächsischen Staatsoper, die nach einem Großbrand im 19. Jahrhundert und dem zweiten Weltkrieg gleich zweimal wieder aufgebaut werden musste.

Gröni-Käppies neben silbernen Zigarettendosen

Und Grönemeyers ungebändigter Urschrei sollte das Opernhaus erneut in seinen Grundfesten erschüttern. Drinnen staunen die Konzertbesucher, die ihren Helden sonst zu Zehntausenden in Stadien mit klebriger Bierzeltatmosphäre und einer ehrlichen Currywurst bewundern, erstmal über die piekfeine Kulisse. In einer Glasvitrine liegt eine Kette aus feinstem Gelbgold, verziert mit einem Opal in Kleeblattform für feudale 2130 Euro, eine silberne Zigarettendose wird für neureiche 290 Euro angeboten. Daneben verschwindet eine Verkäuferin hinter einem Berg mit knallbunten Gröni-Shirts, Gröni-Kappen und Gröni-Jacken. Die Auswahl an Sekt und Wein ist opulent, nur eine Biersorte gibt es dagegen für den rustikalen Geschmack. Für einen Abend in der Oper wird das Beste angezogen, was der Kleiderschrank hergibt - Smoking und Ballkleid waren zumeist nicht verfügbar, dafür karierte Hemden oder das verwaschene Hemdchen von der letzten Grönemeyer-Tour.

Mit Bier in die bel étage

Dass viele Gäste zum ersten Mal eine Oper von innen sehen, lassen sie dezent durchblicken. Mit schwerfälligem Blick sieht man andächtig aus dem Fenster, stolziert vorsichtig über den roten Teppich und hält die Handykamera ins geschichtsträchtige Gebälk, um ein paar Beweisfotos vom Ausflug in die "bel étage" der deutschen Kulturlandschaft zu machen. Ob man sein Bier mit rein nehmen dürfe, fragt ein Gast am Saaleingang, wo sonst besser betuchte Schöngeister auf den Einlass zu so illustren Inszenierungen wie die Ballettaufführung "Wiedergeburt und Auferstehung" oder der Oper "La Cenerentola", ein Dramma giocoso in zwei Akten von Gioacchino Rossini warten. Ob das Konzert von Herbert Grönemeyer auch unter die Kategorie "dramma giocoso", also "lustiges Drama" oder "komische" Oper fällt? Wagner und Mozart blicken als versteinerte Büsten zumindest starr und ungläubig ihre Gäste an, als wollten sie fragen: "Was um Himmels Willen macht ihr denn hier"?

Feldstecher statt Opernglas

Es ist eine Minute nach acht Uhr, zwei Helfer huschen leise über die Bühne. Etwas zu auffällig für die wachsamen Operngänger, die als Opernglas-Ersatz ihre Feldstecher wie bei einer Safari dabei haben und nun johlen, applaudieren und mit bunt flackernden Lichtwimpeln wedeln. Das soll im großen Stadion auch geholfen haben, um den Herbert hinter der Bühne hervor zu bekommen. Doch nichts passiert. Vier Minuten nach Acht, sie versuchen es erneut mit Applaus, sie trampeln und trommeln, das Donnergrollen von rund 2000 entfesselten Füßen auf historischem Boden dröhnt bis ins Foyer, wo sich Ordner verwundert umdrehen. Sieben Minuten nach Acht, der Meister bekommt offenbar Mitleid mit dem geschichtsträchtigen Gemäuer und zeigt sich.

Mitgrölen ausdrücklich erlaubt

Dass Grönemeyer kein Freund von verkrampfter Etikette ist und es eher mit dem "drame lyrique", dem musikalisierten Drama hält, stellt er sofort klar. "Ich mache freudige Musik, mitsingen ist ausdrücklich erlaubt", bestimmt der Dirigent der unkontrollierten Gefühlsorgie und legt los. Hüftschwung, Urschrei, Tänzelei, Fußverrenkungen am Rande zum Riverdance. Dann springt der Barde ins Publikum. Händeschütteln. Hallo Fan, Hallo Hörbie. Weiter nuscheln. Gröni zum Anfassen. Die Fans freut es, die Sicherheitskräfte haben jedoch allergrößte Mühe, der wild gewordenen Diva hinterher zu hetzen.

Selbst singen ausdrücklich erlaubt

Wenig später wird klar, dass die einmalige Akustik den Altmeister schon bald arbeitslos machen könnte. Ein Chor aus tausend Kehlen skandiert die Weisen des Volksdichters Grönemeyer lauthals mit. Sogar die Königsloge, wo in klassischen Opernhäusern seine Majestät zum "Sehen und Gesehen werden" Platz nahm, ist auf den Beinen. Grönemeyer lehnt sich währenddessen zurück, genießt und guckt zufrieden, als wolle er sagen "Warum sing ich überhaupt noch?" Vielleicht entwickelt er in diesem Moment eine neue Konzertform, Arbeitstitel etwa "Tausend begeisterte Fans featuring Herbert Grönemeyer" oder "Selbst singen in der Semperoper"? Eine gute Idee wäre es zweifelsohne, denn die Menge ist bisweilen textsicherer als der Dichter selbst.

Grönemeyer scheint es nicht zu stören, dass sein Auftritt wohl das erste Konzert in einem deutschen Opernhaus gewesen sein dürfte, bei dem die Zuschauer trampeln und trommeln, grölen, billig aussehende Plastiklämpchen schwingen und lauthals ihre Musikwünsche artikulieren. Ungestüm grölen sie Wörter in den Raum, Titelvorschläge wie "Currywurst" oder "Vollmond" oder "Amerika" prasseln auf den Sänger ein. Der antwortet auf seine ganz eigene Weise und singt: "Das Leben ist kein Wunschkonzert." Eine Currywurst wird in der Semperoper zumindest nicht aufgetischt. Wagner, Mozart und Co. dürften aufatmen.