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Album-Kritik

"Das Weiße Album": Haftbefehl – nicht "Ghetto-Goethe", der König des deutschen Gangsterraps

Nach vier Jahren musikalischer Abstinenz hat der Rapper Haftbefehl ein neues Album veröffentlicht. "Das Weiße Album" heißt es. Es ist ein Manifest seines Status als König des Gangsterraps.

Rapper Haftbefehl

"Das Weiße Album" heißt die neue Platte von Rapper Haftbefehl 

Picture Alliance

Eine spießbürgerliche Häusersiedlung irgendwo in Deutschland. Auf einer Wiese steht ein Mann mit seinem Sohn – und lässt einen Drachen steigen. Eine Bilderbuchszene. Und doch wirkt es wie ein Widerspruch, ein Paradoxon. Denn der Mann, der da so friedlich steht, ist einer der bekanntesten Gangsterrapper Deutschlands: Haftbefehl.

Die Diskrepanz zwischen jenem Mann auf dem Bild und dem Rapper ist immens. Das wird in seinem Musikvideo zum Song "RADW" ("Rück an der Wand") deutlich. Dort sitzt Haftbefehl rauchend auf der Rückbank einer schwarzen Maybach-Limousine, als er von der Polizei kontrolliert wird. Nachdem er aufgeraucht hat, schnipst er seine Zigarette aus dem Fenster und zündet damit einen Polizisten an. Eine barbarische Hinrichtung.

Wie passt das zusammen? Ein Mensch, der gereift scheint und mit seinem Sohn in seiner Freizeit Drachen steigen lässt, aber sich gleichzeitig in seiner Kunst als skrupellosen Gangster präsentiert. Es ist eine Gratwanderung, so viel steht fest. Haftbefehl gelingt sie auf seinem neuen Album "Das Weiße Album".

Früher Gangster, heute Gangsterrapper

Er inszeniert sich als Paten und Drogenbaron. Er sei "Conan der Barbar", rappt er in "CONAN x XENIA" – und meint damit den Achtzigerjahre-Film mit Arnold Schwarzenegger: "069 die Vorwahl, jetzt wird's brutal / Hau’ dich Totalschaden, ohne Grund, ohne Moral / Ich bin jung, ich bin wild, ich bin asozial."

Seine martialische Erscheinung lässt keinen Zweifel an seinen Worten. Ganz im Gegenteil, es wirkt in Teilen so, als habe er das Wort Authentizität erfunden. Das liegt auch an seiner Biografie. Haftbefehl ist nicht nur Gangsterrapper; er war auch Gangster. Aykut Anhan, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, wächst in Offenbach am Main auf. Er hat eine schwere Kindheit. Sie ist geprägt von Gewalt, Armut, Hoffnungslosigkeit, Kriminalität und Trauer.

Sein Vater bringt sich um, als Anhan ein Teenager ist. Seine Mutter muss von nun an alleine für ihn und seine beiden Brüder sorgen. Sie ist überfordert. Und Anhan gerät auf die schiefe Bahn. Er dealt, er prügelt sich. Mit 18 Jahren hat er 17 Anzeigen. Doch er findet in der Musik seinen Weg. Sie ist sein Katalysator. Er verarbeitet dort Vergangenes.

Haftbefehl hat die deutsche Sprache verändert

Diese Erlebnisse prägen seine Musik bis heute. Hinzu kommt ein unverwechselbarer Slang, der sich aus völlig unterschiedlichen Sprachen zusammensetzt. In seinem bekanntesten Song "Chabos wissen wer der Babo ist" lässt er Worte aus sechs verschiedenen Sprachen einfließen. Es ist sein Alleinstellungsmerkmal. 

Dafür wird er geliebt, nicht nur von der Hip-Hop-Szene, sondern auch vom gesamten deutschen Feuilleton. Er wird plötzlich als "Ghetto-Goethe" bezeichnet. "Die Zeit" nennt ihn sogar den "deutschen Dichter der Stunde". Das klingt im Rückblick pathetisch. Nachdem der Langenscheidt-Verlag "Babo" zum Jugendwort des Jahres erklärt hat, ist allerdings unbestritten, was er in "KMDF" (Koka macht dich feucht) betont: Plötzlich sprechen alle Kanakis / Ost, Nord, Süd, West, ganz Deutschland ist Offenbach am Main.

Haftbefehl hat die deutsche Sprache verändert. Und er hat den deutschen Gangsterrap wie nur wenige andere Künstler vor ihm geprägt. Das wird auch an den Feature-Gästen auf "DWA" deutlich: Shirin David, Gucci Mane, Ufo361, Shindy, Marteria und Capo. Das ist die Köngsklasse des Raps und zeigt die Wertschätzung, die ihm entgegengebracht wird. Er selbst ist überzeugt: "Das Weiße Album" ist die "beste, beste, beste" Platte, die er jemals gemacht hat.

"Das Weiße Album" ist eine Wucht

Dagegen lässt sich nur schwer argumentieren. Sein erstes Album nach vier Jahren musikalischer Abstinenz ist eine Wucht. Monströse Beats gepaart mit einer bestialischen Aggressivität, die zwar stellenweise überzeichnet ist – aber nie künstlich wirkt. Wenn Haftbefehl rappt "Respektloses Verhalten kann dir auf der Straße deine scheiß Knochen kosten / Wir leben, was wir reden, unser Verständnis von Hip-Hop, du F****!", dann ist das authentisch.

Die einzige Schwäche seines neuen Longplayers ist das Zurschaustellen des eigenen Reichtums. "Scheiß mal auf Rolex, N****, her mit der Chopard!", rappt er großkotzig in "Conan x Xenia". Dabei hat er diese Hip-Hop-Attitüde der Prahlerei nicht nötig. Seine größte Stärke ist seine eigene Geschichte. Die Fortsetzung seiner "1999"-Reihe, in der er die Zeit nach dem Tod seines Vater thematisiert, ist hoch emotional. Und auch die beiden Songs "Papa war ein Rolling Stone" und "Hotelzimmer", die seiner Frau und seinem Sohn gewidmet sind, gehören zu den stärksten Tracks des Albums.

Nichtsdestotrotz stimmt das Gesamtpaket. Haftbefehls martialisches Äußeres, seine Biografie, seine Kunst und seine Sprache festigen seinen Stellenwert im deutschen Hip-Hop. Er ist nicht "Ghetto-Goethe". Er ist der König des Gangsterraps, eine lebende Legende.