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Herbert Grönemeyers neues Album: Eisbär war gestern

Er ist einer der Superstars des deutschen Pop, er hat dunkle Phasen hinter sich, nun legt Herbert Grönemeyer sein 13. Album vor: "Schiffsverkehr" - und steht blendend gelaunt auf der Brücke.

Von Julius Leichsenring

Das ist ja wie beim Eurovision Songcontest", ruft Herbert Grönemeyer grinsend. "Ja, und für dein neues Album geben wir dir zwölf Punkte", scherzt der Moderator zurück. Mittwochabend, gegen 19.30 Uhr im Berliner Haus der Kulturen: Ein blendend aufgelegter Grönemeyer stellt sich den Fragen der rund 300 geladenen Gäste und den per Video zugeschalteten Fans. Der Anlass: Am 18 März kommt sein neues Album in die Regale. "Schiffsverkehr" heißt es. Der Titel, sagt Grönemeyer, soll eine Metapher für "chaotische Lebensfreude" sein.

Das scheint tatsächlich sein derzeitiges Lebensgefühl zu sein. Ein Fan will wissen, wie das "Goldene Kalb tanzt", es ist der Titel von Song Nummer 7 auf dem Album. Der Altmeister lässt sich nicht lang bitte, springt spontan vom Stuhl hoch und versucht einen Stepptanz. Es sieht eher nach Hampelmann aus, das Publikum johlt. "Ich hielt mich schon immer für sehr lustig, das hat nur keiner gemerkt", sagt Grönemeyer im Gespräch mit dem stern.

Facettenreicher Neubeginn

So ist es. Grönemeyer, das war doch der Schmusebarde mit den kryptischen Texten und dem melancholischen, meist etwas zu großen Gefühl. 20 Millionen Platten hat er verkauft, etwa 10 Millionen Konzerttickets, 200 Gold- und Platinauszeichnungen kassiert. Seine Lieder waren so häufig in den Charts, dass er hinter Peter Maffay Platz zwei der erfolgreichsten deutschen Sänger belegt. Nun kommt Hauptwerk Nummer 13, das ein bisschen anders ist als die vorigen, aber auch nicht zu anders. Elf Songs plus Bonustitel sind darauf, das Album klingt wie sein Titel: Ein Schiff auf stürmischer See, schwankend zwischen den Musikstilen - "Kreuz meinen Weg" mit hämmernden Bässen, Polkaeinflüsse bei "Fernweh", ein Hauch von Country bei "So wie ich".

Es sei "der druckvolle Versuch eine Neubeginns", sagt Grönemeyer, eine Mischung aus 80er-Jahre-Rock und dem Album "Bleibt alles anders" von 1998. Man könnte auch sagen: eine Stil-Collage. Grönemeyer beklaut sich selbst, auch er ist in der Postmoderne angekommen.

Die Stärke dieses Albums: die Balladen. Eindrucksvollstes Beispiel ist "Deine Zeit", der Song handelt von der an Demenz erkrankten Mutter Grönemeyers und wie diese Krankheit die persönliche Beziehung zerfrisst. Auch "Erzähl mir von morgen" ist aus der gefühligen Abteilung, der Einsatz von Streichern schon ein bisschen zu viel des Guten. Ist das nicht Kitsch? Grönemeyer hat keine Angst vor dem Begriff. Kitsch sei eine "sehr attraktive Stilform". Also wieder ein Album zum Kaminfeuer. Oder besser gesagt: Ein Album, das jedes Kaminfeuer ersetzt?

Die Farbe der Trauer

Nicht ganz. Grönemeyer versteht sich auch als politischer Mensch. Auf der Pressekonferenz im Haus der Kulturen spricht er über Japan, über Libyen, über Afghanistan. Die Bundeswehr sollte vom Hindukusch abziehen und den Rebellen in Libyen helfen, sagt er. In seinem Song "Auf dem Feld" thematisiert er das Grauen in Afghanistan - und das Desinteresse in Deutschland.

Es sind diese über das Persönliche hinausreichenden Blicke, die zeigen, dass Grönemeyer eine neue biographische Etappe erreicht hat. 1998 starb seine über alles geliebte Frau Anna an Brustkrebs. Ihr widmete er das Lied "Der Weg" auf dem Album "Mensch" von 2002. Wenige Wochen vor dem Tod der Ehefrau raffte der Blutkrebs seinen Bruder dahin. Grönemeyer pausierte ein Jahr, um die Schicksalsschläge zu verarbeiten. Seine zwei Kinder halfen ihm aus dem Tief, später auch eine neue Lebenspartnerin. "Trauern ist jetzt nur noch eine von vielen Farben in meinem Leben", sagt Grönemeyer dem stern. "Schiffe sind für mich ein Symbol von Freiheit und Aufbruch", verrät er bei der Präsentation seines neuen Albums.

Der Aufbruch wird zu besichtigen sein - Grönemeyer geht auf Tournee, er spielt unter anderem in Berlin, Frankfurt und Rostock, natürlich nur in den größten Hallen und Arenen. Das Symbol von "Mensch" war ein Eisbär, der tragikkomisch, tragiktraurig durch ein Video tappst. Nun ist es ein Schiff. Auf der Brücke: Kapitän Grönemeyer.

Mitarbeit: Lutz Kinkel