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Herbert Grönemeyer: "Man ist Mensch und macht vieles falsch"

Als seine Frau Anna vor vier Jahren starb, zog sich Herbert Grönemeyer völlig zurück. Der Sänger über Verzweiflung und Zuversicht, über die Stärke seiner Kinder und die Kraft der Musik.

Von Sven Michaelsen und Hannes Ross, Fotos: Horst Diekgerdes

Herr Grönemeyer, vor vier Jahren starben binnen einer Woche Ihre Frau Anna Henkel und Ihr Bruder an Krebs. Fürchteten Sie, nie wieder Musik machen zu können?

Ja, denn wenn man so eine Katastrophe erlebt, ist man völlig hysterisch, zerrüttet und ängstlich. Musik ist für mich eine Form von Begeisterung und ein Ventil, das mein Leben in Balance hält. Sie ist mein privater Hochsicherheitstrakt. Mein Geheimnis, das mich überallhin begleitet und das mir keiner nehmen kann. Ich dachte: Wenn du dieses Zentrum deines Lebens auch noch verlierst, ist Schluss.

Ihr neues Album "Mensch" ist Ihr erstes seit damals. Wie lange war Ihre Kreativität gelähmt?

Nach einem Jahr habe ich sehr zaghaft erste Gehversuche unternommen. Die waren mühsam. Die Musik war sehr traurig und sehr balladig. Ein Jahr später habe ich mit meinem Koproduzenten Alex Silva in London einen kleinen Raum gemietet. Da haben wir uns 14 Monate lang in sehr langsamen Schritten vorgetastet, Takt für Takt. Oft haben wir auch gar nichts gemacht, nur zusammengesessen und geraucht und gequatscht. Letzten Sommer merkte ich endlich: Es wird etwas luftiger, so langsam kommt die Energie zurück, ich kenne mich wieder aus, ich sehe eine Ecke meiner alten Schatztruhe. Da habe ich zugepackt. Es war wie nach Hause kommen.

Wie findet Ihr 15-jähriger Sohn Felix Ihr neues Album?

Er geht an Musik energetisch ran. Balladen fand er schon immer relativ öde, weil sie keine Dynamik vermitteln. Er mag schnelle Nummern wie "Neuland" und "Viertel vor". Er sagte ganz nüchtern und cool zu mir: "Dein Song 'Zum Meer' ist sehr in Ordnung. Das ist die ultimative Nummer deines neuen Albums."

Hören Sie auf das musikalische Urteil Ihrer Kinder?

Der Song "Der Weg" ist extrem traurig. Da habe ich die Kinder gefragt, ob das vielleicht zu viel sei. Ihre Antwort war: "Du hast das so geschrieben, also musst du es auch gefälligst so singen." Ihre Mutter kam aus Hamburg und hatte diese hanseatische Nüchternheit. Ich höre meine Frau in meinen Kindern und denke: "Das klingt sehr nach dir, Anna. Auch du hast oft zu mir gesagt: 'Jetzt zöger hier mal nicht rum, Herbert, wenn es so ist, dann ist es eben so.'"

Als Ihre damals neunjährige Tochter Marie vom Tod ihrer Mutter erfuhr, war ihr erster Satz: »Papa, du hörst jetzt aber nicht auf zu singen!«

Dieser Satz war für mich sehr verblüffend. Ich denke, meine Musik repräsentiert für meine Kinder Lebensenergie. So sehen sie ihren Vater, so kennen sie ihn: Solange der singt, ist alles halbwegs okay. Solange der Musik macht, lebt der. Sie haben auch ganz genau geguckt, was für Lieder ich singe. Meine Angst war, ein Album zu machen, das ausschließlich aus Balladen besteht. Das hätte eine zu massive Trauer gezeigt, die für meine Kinder nicht auszuhalten wäre.

Können Sie Stimmungen Ihrer Musik erzwingen?

Ich hätte mich gern selber ausgetrickst nach dem Motto: Jetzt geht's wieder, ich blicke heiter nach vorne. Aber ich merkte, es ist nicht machbar. Eine Platte erzählt mir viel radikaler, wo ich stehe, als meine Selbstanalysen. Ich kann mich und andere belügen, meine Platten können das nicht. Ich weiß bei jedem Album, wie blasiert ich zu der Zeit war oder wann ich einen Neuanfang gesucht habe.

Welche Seelenverfassung spiegelt Ihr neues Album wider?

Eine Spannung zwischen nach wie vor starker Verzweiflung und Melancholie und Zuversicht. Ich bin nüchterner und präziser geworden und strenger mit mir selbst. Ich muss begreifen, dass Verlust Teil unseres Lebens ist und dass Traurigkeit wesentlich elementarer zu meinem Leben gehört als vor Annas Tod. Das schließt nicht aus, dass ich Glück empfinde - wenn auch fatalistischer als früher. Meine Zuversicht ist, dass man durch große Trauer Gefühle wie Glück, Zuwendung und Nähe intensiver empfindet.

Ihre neuen Texte sind frei von Selbstmitleid und Larmoyanz. Ist das eine Stilisierung?

Traue der Kunst, aber nie dem Künstler. Im Alltag habe ich schon manchmal Anflüge von Wehleidigkeit und finde, dass das Schicksal sich extrem unfair gegen mich gewandt hat.

Anna mochte Ihre Musik lange nicht. Sie mussten sich Sätze gefallen lassen wie: »O Gott, was schreibst du denn für 'nen Müsli-Schrott!«

Als wir uns 1978 bei Dreharbeiten kennen lernten, hatte ich lange rote Haare und war eine etwas anstrengende Frohnatur. Sie kam aus der Hamburger Hippie-Szene, wollte immer tief in die Emotionen einsteigen und hielt das Ruhrgebiet für Dunkeldeutschland. Da prallten zwei Welten aufeinander. Das hat uns aber auch ausgemacht. Zu meinem Album "Bleibt alles anders" sagte sie 1998: "Das ist die erste gute Platte, die du gemacht hast." Das löste bei mir nicht gerade Euphorie aus, aber Anna wusste immer, dass ich mich musikalisch weiterentwickle - auch wenn das bei mir meist in Sechs-Jahres-Schritten geht.

Gab es Zeiten, wo Sie glaubten, dass Ihr Erfolg Sie gegen Schicksalsschläge immunisiert?

Bewusst hatte ich nie das Gefühl im Kopf, so grandios zu sein, dass das Leben mir nichts mehr anhaben kann. Nur Ende der 80er gab es bei mir mal eine Phase von Blasiertheit und Unmäßigkeit. Ich schwebte auf einer Wolke von Erfolg, die Kinder waren da, und ich glaubte, wahnsinnig viel verstanden zu haben. Das hatte was von sehr viel Glück, und ich dachte: Jetzt hat das Leben seinen Lauf!

Ist es auch ein Stück Freiheit, so tief in den Abgrund geblickt zu haben?

So ein Schicksalsschlag macht einen weniger verbissen, weil man Ängste verliert. Wenn einem vieles weniger wichtig geworden ist, macht man sich nicht mehr so kirre. Ich lerne, wie beschränkt und schwach der Mensch ist. Wie wenig er das Leben kontrollieren kann. Das menschliche Gehirn ist zum Glück so limitiert, dass es solche Ereignisse erst mal gar nicht begreifen kann. Es ist auch eine Gnade und ein Segen, dass der Mensch verdrängen kann. Sonst würde er durch die dauernde Konfrontation mit übermächtigen Bildern zugrunde gehen.

Wovor können Sie noch Angst haben?

Es gibt nur eine Hauptangst: Wie werden die Kinder groß? Was haben sie für ein Bild vom Leben? Wie ordnen sie diese Tragödie in ihr Leben ein? Wie lebensbejahend, respekt- und rücksichtsvoll anderen gegenüber werden sie groß? Um mich habe ich weniger Ängste.

Drohten Sie nach Annas Tod zynisch und misanthropisch zu werden?

Man kriegt eine schräge Beziehung zum Leben. Aber auch wenn ich in Deutschland dieses grantelige Image habe: Ich war immer ein großer Menschenfreund - und das bin ich noch. Bis heute erfahre ich, wie enorm mich meine Freunde und andere Menschen unterstützen können. Es ist unfassbar, wie viele Leute mir seitenlange, einfühlsame Briefe geschrieben haben, um mir Mut zu machen. Dieses Ausmaß an Anteilnahme hat mein Weltbild bestätigt. Natürlich habe ich auch zynische Attitüden gekriegt, mir selbst und anderen gegenüber. In den ersten zwei Jahren habe ich eine ziemliche Ignoranz entwickelt. Ich war emotional abgeschottet und kalt in meinen Empfindungen. Das Gefühlspotenzial war zerschossen. Es hat lange Zeit gedauert, da überhaupt wieder empfänglich zu werden. Das Perfide ist: Sobald die innere Durchkühlung nachlässt, trifft einen der Schmerz wieder mit voller Härte. Das ist wie aus der Narkose aufwachen.

Haben Sie eine Trauertherapie gemacht?

Ich war kurze Zeit bei einem Londoner Therapeuten. Der sagte, ich sei nicht gefährdet, und fing an, mir von den Tragödien seines Leben zu erzählen. Das war ganz rührend. Ich war dann noch ein halbes Jahr bei einer Therapeutin, die mir sehr geholfen hat. Ein Vorteil war: Für sie als Engländerin war ich eine Person ohne Eigenschaften, über die sie kein Vorwissen hatte.

Was haben Sie gelernt?

Wenn so etwas passiert, lässt man die letzten Jahre im Schnelldurchlauf Revue passieren, um bestimmte Momente zu suchen. Dann fängt man an, alles zu sezieren - und dabei verheddert man sich. Man ist sauer und wütend und fühlt sich zurückgestoßen vom Leben und vom Schicksal betrogen. Ich habe gelernt, meinen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Die Dinge sind passiert. Man ist halt Mensch und macht vieles falsch.

Hatten Sie Phasen von Selbstzerstörung?

Das stand nicht zur Debatte. Der Song "Blick zurück" ist ein verklausulierter Brief an meinen Vater. Er verlor mit vier seinen Vater, im Krieg wurde ihm ein Arm amputiert, und vor vier Jahren starb einer seiner Söhne an Leukämie. Trotzdem war er immer einer, der zufrieden in sich ruht und so eine westfälische Genügsamkeit hat. Seine Haltung war: Es ist schon alles in Ordnung. Sein Beispiel habe ich mir immer wieder vor Augen gerufen.

Helfen Ihnen Ihre Pflichten als alleinerziehender Vater?

Dass die Kinder da waren, war ein wahnsinniges Signal nach vorn. Da kann das Gehirn noch so Amok laufen: Deine Kinder brauchen dich trotzdem.

Ihre Tochter reagierte sehr verhalten auf den Tod ihrer Mutter. Als dann ein Jahr später ihr Meerschweinchen starb, rastete sie völlig aus.

Ich denke, sie hat versucht, ihren Mut zusammenzuhalten. Das hat sie von ihrer Mutter abgeguckt, die sehr stark und stolz und aufrecht war. Anna zeigte nie einen Hauch von Resignation. Die Norddeutschen sind sehr stoisch. Es war ihr Ziel, auch die Kinder mit so viel Haltung zu befeuern. Wahrscheinlich dachte meine Tochter nach Annas Tod: Ich muss den Laden zusammenhalten. Da hat sie sich zu viel Verantwortung aufgehalst. Als ihr Meerschweinchen starb, konnte sie dann plötzlich nicht mehr an sich halten. Da brach alles aus ihr heraus.

Trauern Kinder lange?

Meine trauern heute noch. Gott sei Dank denken Kinder nach vorn. Diese Dynamik darf man ihnen auch nicht abschneiden.

Ist Anna für Ihre Kinder wie eine verblassende Fotografie?

Das zu beurteilen wäre anmaßend. Ich hoffe, sie haben ein präzises und vitales Bild ihrer Mutter. Wir reden viel über sie, die Kinder können viele Geschichten über sie erzählen und wissen genau, was sie bei kleinsten Sachen gesagt hat.

Kaum einer aus Ihrer engsten Umgebung wusste, dass Anna 1990 an Brustkrebs erkrankt war. Haben Sie Ihr Privatleben so abgeschirmt, um Ihrer Frau Schlagzeilen zu ersparen?

Das hätte ich sonst auch getan. Ich habe mit Medien einige schlechte Erfahrungen gemacht. Das hat bei mir zu einem gewissen Überprotektionismus geführt. Ich stelle meine Musik zur Debatte und gelegentlich meine politische Meinung. Mehr nicht. Wie es bei mir zu Hause aussieht, ist auch relativ langweilig. Branchen-Events, glamouröse Feiern: Das bin ich nicht, und das brauche ich nicht. Ich war in meinem Leben sehr selten auf einer so genannten Prominentenparty. Wenn ich mich mit Leuten wie Smudo oder Campino treffen will, gibt es andere Gelegenheiten.

Gibt es Tage, an denen Sie nicht an Anna denken?

Ich trage Anna nach wie vor in mir und setze immer noch alles in Beziehung zu ihr. Egal, was ich denke: Es kommt mir bedeutungslos vor, wenn ich nicht weiß, was sie davon hält. Das hat etwas sehr Positives, weil ich das Glück erfahren habe, 20 Jahre sehr liebevoll und eng mit ihr zusammen gewesen zu sein. Die Engländer sagen: Du kannst klagen, dass sie tot ist - du kannst dankbar sein, dass sie gelebt hat.

Kommt es Ihnen wie Verrat an Anna vor, wenn Sie mal Spaß haben?

Wenn man wieder nach dem Leben greift, macht man sich deswegen Vorwürfe. Trauer ist ein sicherer Raum, in dem man sich einschließen und zu Hause fühlen kann. Da hat man seine eigene Welt. Es ist aber egoistisch und unfair, die Tür nicht mehr aufzumachen und sich in seiner Trauer zu vergraben. Der, um den du trauerst, möchte nämlich, dass du rausgehst und gefälligst wieder glücklich wirst. Anna würde sagen: "Jammer nicht rum, Herbert, solange du mich in deinen Gefühlen in Erinnerung behältst, ist alles in Ordnung. Und jetzt lass dir mal wieder den Wind um die Nase wehen."

Gehen Sie wieder tanzen?

Vielleicht weniger tanzen, aber gern zu Konzerten, in Clubs oder mit Freunden essen. Ich will wieder normale Fehler machen und auch mal danebentreten dürfen.

Haben Sie sich seit Annas Tod verliebt?

Das ist noch nicht möglich. Ich würde es mir nicht verbieten, aber ich lege es auch nicht drauf an. Wenn das Leben will, dass da noch mal jemand um die Kurve kommt, dann soll es so sein. Wenn nicht, ist es auch okay. Wenn Anna die Liebe ist, die mein ganzes Leben bestimmt, dann ist das völlig in Ordnung.

Hilft es Ihnen, in London zu wohnen?

Sehr. Wenn wir Deutsche einmal auf etwas emotional einsteigen, dann bleiben wir ununterbrochen betroffen. Ich habe den Engländern abgeguckt, mir auch mal eine Auszeit zu gönnen und zur Vergangenheit zu sagen: "Ich lege dich jetzt mal beiseite." Trauern heißt bei denen auch nicht, dass man nicht mehr lacht. Das ist ihr schwarzer Humor. Als Oscar Wilde auf dem Sterbebett lag und eine hässliche Tapete entdeckte, sagte er: "One of us must go!" Diese Mentalität hilft mir. Außerdem ist es für den eigenen Kopf sehr heilsam, in einem Land zu leben, wo einen niemand kennt. Wenn man bekannt ist, ist man so bekloppt, dass man denkt, alle gucken, und man krampft sich unheimlich einen weg. Dabei guckt oft kein Mensch.

Was sprach nach Annas Tod gegen Berlin?

Ich wollte nicht unter Beobachtung stehen. Wenn man mal lacht, sollte es nicht heißen: "Oh, der lacht. Der trauert wohl nicht richtig. Kann der mal bitte schnell wieder ein schwerst betroffenes Gesicht aufsetzen."

Wie sieht Ihr Alltag in London aus?

Ich stehe morgens um sieben mit den Kindern auf, weil sie in die Schule müssen.

Eine heikle Uhrzeit für einen Rockstar.

Fatalerweise war ich schon immer ein extrem guter Frühaufsteher. Dass ich jeden Morgen unheimlich fröhlich in die Schule kam, ging meinen Mitschülern tierisch auf die Nerven. Wenn die mich sahen, hieß es: "O Gott, da kommt dieser Grönemeyer!" Meine Eltern dachten, ich wäre nicht ganz normal, weil ich fast nur gelacht habe.

Was machen Sie, wenn Ihre Kinder in der Schule sind?

Ich kümmere mich um mein Plattenlabel, gehe ins Studio oder treffe mich mit Freunden zum Kaffeetrinken. Dann sprechen wir alles durch, was das Leben so für Themen mit sich bringt. Wenn die Kinder nach Hause kommen, gucken wir, ob genug zu essen im Haus ist, und ich frage, ob sie mir erzählen wollen, was sie erlebt haben. Da sie 13 und 15 sind, kriege ich da aber nicht mehr viel zu hören. Zwischen sechs und acht habe ich dann immer ein Tief. Das kommt von meiner Zeit am Theater. In dieser Spanne ist man als Schauspieler wie ein Tier, dass seine Energien komplett runterfährt. Mein Tag endet dann meistens so gegen eins oder zwei.

Ihre Kinder kennen Köln, Hamburg, Berlin und London. Wo möchten sie später leben?

Felix und ich wollen nach Berlin. Marie will eher in London bleiben, weil sie das Leben dort bunter und schneller findet.

Wann gehen Sie wieder nach Berlin?

Mag sein, dass ich nächsten Sommer zurückgehe. Ich habe da ja noch ein Haus. Ich vermisse es massiv, deutsch zu sprechen. Deshalb telefoniere ich wie ein Wahnsinniger mit Leuten in Deutschland. Das ist Nahrung - wie Vollkornbrot geschickt zu bekommen.

Ihr Sohn macht ebenfalls Musik. Klingt er wie ein Grönemeyer?

Felix macht HipHop. Er schreibt Texte, programmiert und spielt Keyboard. Er hat eine ganz eigene Welt und ein völlig anderes Verständnis für Beat. Er kommt oft in mein Studio und sagt: "Eure Beats sind ziemlich dünn. Aber macht ihr das mal so. Ihr seid ja auch schon ein bisschen älter."

Warum singt Ihr Sohn nicht?

Er kann sehr gut singen. Ich vermute, er tut es nicht, weil dann ständig dieser Vater über ihm hängen würde. Ich kann nicht besonders gut programmieren. Vielleicht hat er sich gerade diesen Bereich ausgesucht, um gar nicht erst in Konkurrenzsituationen mit mir zu geraten.

Wovon handeln seine Texte?

Im Song "SOS" geht es um ein Mädchen, das eine Krise mit seinen Eltern hat. Der sehr erfahren und überlegen klingende Text erklärt ihr, wie sie da wieder rauskommt.

Nach Annas Tod haben wir Ihren Kollegen Marius Müller-Westernhagen getragt, ob er Ihnen kondoliert habe. Seine Antwort lautete nein. Er sei sich auch nicht sicher, ob das Management von Grönemeyer ihm dessen Telefonnummer geben würde. Warum sind die beiden größten deutschen Rockstars seit Jahren über Kreuz?

Als die Plattenverkäufe von Marius vor Jahren massiv runtergingen und einige Journalisten ihn niedermachten, habe ich ihn 1987 zu meinem Musikverlag geholt und selber Marketingkonzepte für ihn entwickelt. Innerhalb von wenigen Jahren war Marius wieder da, wo ein Mann mit seinen wunderbaren Fähigkeiten hingehört. 1990 fuhren Marius und seine Plattenfirma dann die Kampagne: Westernhagen, der größte und erfolgreichste deutsche Künstler. Das macht man nicht. Die Frage, wer der Größte ist, ist schon mal öde und langweilig. Außerdem stimmte die Behauptung von den Verkaufszahlen her nicht. Mein Gefühl war: Ich habe für den Erfolg von Marius mitgesorgt, und jetzt wird auf meinem Rücken diese Kampagne gefahren. Diese Unanständigkeit hat mir wehgetan. Das war für mich ein unheimlich brutaler Tritt. Und das steht zwischen uns.

Wollen Sie sich nach zwölf Jahren nicht die Hand reichen?

Ich bin versöhnungsfähig und schließe meinen Frieden mit Dingen. Aber im Ruhrgebiet sagt man auch: Das muss ich nicht haben, dafür ist das Leben zu kurz. Wir leben in komplett anderen Welten und machen völlig verschiedene Musik. Da muss es nicht sein, dass man sich zwangsweise umarmt.

Der Oasis-Chef Noel Gallagher sagt: »Rockmusiker jenseits der 30 bringen nur noch belangloses Zeug zustande.« Was sagen Sie mit Ihren 46 dazu?

Vielleicht ist meine Musik irgendwann weniger Rock und mehr Rollstuhl. Als alter Mann trete ich in der Helgoländer Kurmuschel auf und singe: "Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich ?" Mehr Tiefe im Gesicht werde ich dann ja haben.

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