Interview Kim Frank "Ich bin Rockstar"


Fünf Jahre nach der Auflösung seiner Band Echt meldet sich Kim Frank mit einem Soloalbum zurück. Im stern.de-Interview erzählt der Sänger, wie er den Sturz in die Bedeutungslosigkeit erlebt - und wie er sich wieder berappelt hat.

Für Kim Frank (24) und seine Band Echt hatte sich in den 90er Jahren der Traum jeder Schülerband erfüllt. Die fünf Flensburger stürmten vom Schulhof in die Charts und hatten für ein paar Jahre den Status inne, den heute Tokio Hotel genießen: Superstars der Kinderzimmer.

Auf ihrem dritten Album "Recorder" übernahmen die Jungs 2001 die kreative Verantwortung und schrieben ihre Songs selbst. Das Teenie-Publikum interessierte sich jedoch für den künstlerischen Reifungsprozess von Echt wenig - das Album floppte. Ein Jahr später löste sich die Band auf - von ihrem Publikum in Vergessenheit geraten. Zur gleichen Zeit zerbrach die Beziehung zwischen Kim Frank und seiner Freundin Enie van de Meiklokjes. Der Echt-Sänger fiel daraufhin in ein tiefes Loch und verschwand für einige Zeit in der Versenkung. Jetzt meldet sich Frank mit seinem ersten Solo-Album "Hellblau" wieder zurück.

Herr Frank, wie haben Sie das Ende von Echt gemeistert?

Das Ende von Echt hat mich gar nicht so mitgenommen. Es hat sich schon länger abgezeichnet und die Trennung kam für mich auch nicht überraschend. Schlimm war die Trennung von meiner Freundin, die mich völlig aus der Bahn geworfen hat.

Wie sind Sie damals aus der Krise wieder rausgekommen?

Das Schlimmste an Depressionen ist, wenn man nichts mehr will und keinen Antrieb hat. Manchmal geht es einem schlecht und manchmal gut. Sonnenschein und Regen halt. Mir geht es lieber mal richtig schlecht und dann wieder ganz großartig, als immer in so einem Mittelding zu stecken. Ich habe mir ein Ziel gesteckt und mich darauf konzentriert. Ich bin aufgestanden und habe Songs geschrieben.

Haben Sie über ein Echt-Revival nachgedacht?

Wir haben uns sogar alle getroffen, und ein Comeback stand zur Debatte. Wir wollten aber nicht alle zurück ins Rampenlicht. Echt gibt es nur in einer Besetzung. Wir wollten niemanden austauschen.

Treffen Sie sich noch oft?

Nicht immer in voller Besetzung, aber ich treffe die Jungs regelmäßig, wir sind schließlich befreundet.

War es für Sie komisch, plötzlich alleine im Studio zu stehen?

Nein, erstmal war es toll, keine langen Diskussionen zu führen. In der Gruppe ging es um uns, demokratische Entscheidungen und auch Kompromisse. Das muss ich jetzt nicht mehr machen. Ich entscheide alles alleine. Ich habe immer wieder gute Songs verworfen, auch Songs, die der Produzent großartig fand und kopfschüttelnd auf mich eingeredet hat. Aber ich wollte, dass alles perfekt wird.

Lassen Sie sich reinreden?

Nein, wenn es mich nicht überzeugt, dann mache ich es nicht. Ganz egal, wer versucht, mich zu überreden.

Können Sie gut mit Kritik umgehen?

Nein, ich lasse Kritik gar nicht zu. Kritik ist nichts für Kunst. Kritik ist was für Politik und Wirtschaft, aber doch nicht für Kunst.

Sie glauben nicht an konstruktive Kritik?

Nein.

Haben Sie sich überlegt, musikalisch eine andere Richtung einzuschlagen? Vielleicht auf Englisch zu singen?

Ich singe deutsch, und das wird sich auch nie ändern. Ich habe verschiedene Sachen ausprobiert und auch versucht, in eine etwas tanzbarere Richtung zu gehen, so George-Michael-Pop. Aber die Idee habe ich schnell wieder verworfen. Melodische Popmusik liegt mir mehr.

Für Ihr Soloalbum haben Sie sich fast fünf Jahre Zeit genommen. Wie haben Sie sich immer wieder motiviert, wenn Sie nicht weitergekommen sind?

Mit dem Gefühl, wenn ein Song richtig gut ist und ich auch mit Gewissheit sagen kann, dass das andere genauso sehen werden. Außerdem war meine Rolle in Leander Haußmanns "LVA" Gold wert. Ich konnte einfach loslassen und etwas anderes machen. Der Abstand zu dem Album tat gut.

Brauchen Sie Bestätigung von anderen?

Ich brauche Erfolg. Ich will so erfolgreich sein, dass ich eine weitere Platte aufnehmen darf. Eine Platte wie "Hellblau" aufzunehmen kostet viel Geld. Ich will mich nicht hetzen lassen und mit denselben Leuten wie jetzt zusammen arbeiten. Anders will ich keine Musik mehr machen.

Glauben Sie, dass Sie an die großen Echt-Erfolge nahtlos anknüpfen können?

Ich hatte gestern eine Diskussion mit einem Freund, der mir sagte, dass es mir doch reichen muss, wenn ich einen Menschen erreiche und den mit meiner Musik glücklich machen kann. Aber mir reicht einer nicht. Je mehr, desto besser. Ich bin Rockstar. Wenn ich vor 600 Leuten spiele, ist alles okay. Aber vor 50 Leuten will ich einfach nicht mehr spielen. Ich will nicht wieder bei Null anfangen. Ich habe mit Echt in Kindergärten gespielt und finde, dass ich das hinter mir habe. Es ist doch nichts schlimmer, als einen Schritt zurück zu gehen.

Was machen Sie, wenn "Hellblau" kein großer Erfolg wird? Wieder zurück in die Anonymität wie die anderen Echt-Mitglieder?

Darüber denk ich nicht nach. Es klappt schon.

Haben Sie keinen Plan B? Oder einfach jede Menge Gottvertrauen?

Ich habe lang genug und auch hart genug daran gearbeitet. Da schaffe ich mit Zweifeln doch nicht schlechte Stimmung. Wenn ich ein Album veröffentliche soll alles stimmen. Ich wollte bei allen Songs das Gefühl haben, dass es großartige Songs sind. Man merkt so etwas einfach wenn man Musik macht. Ob ein Song auch großartig ist, wenn die anfängliche Euphorie verflogen ist. Ich bin mit "Hellblau" sehr zufrieden.

Was haben Sie sich für dieses Jahr vorgenommen?

Ich arbeite daran, zufrieden zu werden. Ich erwarte von mir, dass ich kontinuierlich arbeite. Ich merke gerade wieder, wie gut es tut, viel zu tun zu haben. Davor habe ich gelebt wie im Urlaub. Ich bin aufgestanden, wann ich wollte, und bin viel schwimmen gegangen. Aber ich glaube fest daran, dass die Seele glücklicher ist, wenn man sie nicht baumeln lässt.

Haben Sie sich mal ausgerechnet, wie lange Sie noch von dem Echt-Geld leben können?

Natürlich nicht. Es war toll, viel Geld zu haben. Ich habe es mir richtig gut gehen lassen. Aber Geld ist für mich kein Antrieb. Ich habe das große Haus verkauft und lebe jetzt in der Wohnung von einem Freund.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie Ihre größten Erfolge bereits hinter sich haben?

Nein, dann hätte ich ja keinen Antrieb mehr. Wie traurig wäre das denn? Ich habe meine Jungend hinter mir, vielleicht einen meiner schönsten Lebensabschnitte, alles andere liegt vor mir.

Wirklich viel hatten Sie von Ihrer Jugend ja nicht.

Natürlich habe ich mich nicht mit Apfelkorn auf einem Spielplatz betrunken, aber das finde ich auch nicht so geil. Ich habe mich in der Hotelbar in netter Begleitung betrunken. Ich hatte doch eine Jugend, um die mich viele beneidet haben.

Was für Ziele hat man, wenn man mit 24 Jahren alles erreicht hat?

Ich sehne mich nach einer Familie. Nach einer Frau und Kindern. Am liebsten so schnell wie möglich. Ich möchte dieses Jahr wahnsinnig viele Konzerte geben und gleich im Januar ein neues Album aufnehmen.

Dann verschieben Sie die Familienplanung wohl doch noch um ein Jahr.

Die Leute glauben gar nicht, wie viel Freizeit man hat. Wenn wir im Studio sind, fangen wir vor zwölf nicht an und nach acht oder neun Uhr gehen wir wieder nach Hause. Dazu kommt, dass das Studio kein Büro ist. Kinder und Frauen sind jederzeit willkommen. Abgesehen davon schafft man alles, was man auch wirklich will.

Interview: Yasmina Foudhaili

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