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Geburtstag der Tennislegende: Einmal Rockstar und zurück: Andre Agassi wird 50

Für unseren Autor war er das Idol seiner frühen Jugend. Aber erst nach einem Sinnes- und Imagewandel wurde Andre Agassi einer der erfolgreichsten Sportler der Welt. Zum Geburtstag eines amerikanischen Tennishelden, der sich völlig neu erfand.

Andre Agassi

Andre Agassi bei den French Open 1991: In diesem Outfit stand auch unser Autor zu jener Zeit auf dem Tennisplatz

Picture Alliance

Dieser Text kann nicht jeden journalistischen Maßstab einhalten, denn der Autor ist vorbelastet. Er soll die Lebensleistung der US-amerikanischen Tennislegende Andre Agassi zu deren 50. Geburtstag würdigen, aber mit der gebotenen Nüchternheit ist ihm das nicht möglich.

Denn schon kurz nachdem Andre Agassi als exzentrischer Jungstar, wie die Fans des weißen Sports noch keinen vor ihm gesehen hatten, die Tour aufmischte, trug der Autor auf dem Tennisplatz das gleiche grelle Outfit wie Agassi zum Beispiel hier im Jahr 1991: 

Andre Agassi
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Andre Agassi: Idol der globalen Tennisjugend

Das Stirnband, die farbigen Ärmel, die verwaschenen Jeans-Shorts und die markante Radlerhose: So stand seinerzeit nicht nur der Autor als Zehnjähriger bei Jugendmedenspielen auf den Centrecourts der Stadtteilvereine im Düsseldorfer Süden, Agassis beidhändige Rückhand imitierend – so sah damals die ganze Tennisjugend rund um die Welt aus. Denn Agassi war eine Erscheinung, und der kühne Plan seines Ausrüsters Nike, ihn zum Rockstar des Tennis hochzujazzen, ging aber so was von auf.

"Image is everything", sagte Agassi in einem berüchtigten Werbesport für Canon im Jahr 1989, und rückblickend könnten die frühen Jahre seiner Karriere kaum treffender beschrieben werden. Damals hasste der Newcomer, für den der überstrapazierte Begriff des "Paradiesvogels" wie erfunden schien, den Tennissport und seine staubigen Konventionen, und diese Abneigung brachte er mit bunten Farben und langen Haaren zum Ausdruck.

Das machte Eindruck auf zehnjährige Tenniskinder von Düsseldorf bis Dnipropetrowsk, aber auch wenn Image alles ist, war das Auftreten des jungen Agassi nichts als Fassade, weshalb er sich in seiner so eindrucksvollen wie abgründigen Autobiografie "Open" schon vor Jahren höchstpersönlich als ehemaligen Rebellen ohne Grund entlarvte, der nur ein weiteres Wunderkind war, das vom rücksichtslosen Vater zur Weltkarriere getriezt wurde.

Agassi war eine Ikone, lange bevor er zum Gewinner wurde. Über Jahre galt er als überschätztes Talent, dem in entscheidenden Matches die Nerven flattern. Drei Grand-Slam-Finals hatte er verloren, bevor er nach einem Fünf-Satz-Erfolg über Goran Ivanisevic im dramatischen Wimbledon-Endspiel 1992 seinen ersten großen Pokal entgegennehmen durfte. Ein Jahr zuvor war er beim traditionsreichsten aller Turniere erstmals im blütenweißen Outfit aufgetreten und hatte sich damit der Etikette der Veranstaltung, die er zuvor für mehrere Jahre wegen ebenjener Kleiderordnung boykottiert hatte, unterworfen. 

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Agassi hatte sich völlig neu erfunden und gehörte nun zum Tennis-Establishment. Nach und nach entpuppte sich das Rockstar-Image, das eben doch nicht alles war, als Marketing-Gag. Fortan war er auch kein Idol mehr für den jungen, dummen Autor – nicht zuletzt, weil dessen anderer Held Boris Becker nun über Jahre keine Chance mehr gegen Agassi haben sollte.

Andre Agassi: 101 Wochen die Nummer eins der Welt

Aber in Wirklichkeit begann die bewundernswerte Phase des Andre Agassi natürlich erst, als er die Neonklamotten abgelegt und die Zottelhaare abgeschnitten hatte. Bis Mitte der 90er gehörte Agassi zu den dominierenden Spielern des Zirkus, bevor er 1997 aufgrund von Verletzungen und Motivationsproblemen in eine schwere Krise schlitterte, während der er aus den Top 100 des Rankings fiel.

Beinahe zwei Jahre dauerte es bis zum Comeback, das zu den erfolgreichsten und langlebigsten der Tennisgeschichte gezählt werden muss: Fünf seiner acht Grand-Slam-Titel gewann das geläuterte Idol zwischen 1999 und 2003, insgesamt 101 Wochen führte er die Weltrangliste an. Bei den French Open 1999 sprang zudem der Funke zwischen Agassi und seiner Kollegin Steffi Graf – heute Ehefrau und Mutter seiner Kinder – über. Keine Frage, auf den späten Metern seiner Karriere machte der Mann aus Las Vegas kaum noch einen Fehler.

Und weil man erst als Erwachsener einschätzen kann, wie eindrucksvoll der Tennis-Rockstar a. D. erwachsen geworden ist, wie er Rückschläge auf und neben dem Platz verarbeitet hat und wie gut und geräuschlos ihm der Übergang in sein zweites Leben als Ex-Profi gelungen ist, dient Agassi dem Autor heute durchaus wieder als Vorbild. Lange Haare und Radlerhosen braucht es dafür nicht mehr. Das nennt man wohl den Lauf des Lebens.

Herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag, Andre Agassi! Danke für die beidhändige Rückhand – und so manch andere Erkenntnis in den Jahrzehnten danach.

tim

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