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Vorne kurz, hinten lang: Vokuhilas sind zurück: Warum ich froh bin, dass Haare auch wieder wachsen

Wer hätte das gedacht: Der Vokuhila ist zurück, "Stranger Things" sei Dank. Fluch oder Segen? Unsere Autorin hat dem Haarschnitt eine Chance gegeben.

Ivy mit Vokuhila

Vorne kurz und hinten Lang – ist der Vokuhila zurück?

Business in the front, party in the back – es war die Frisur der 80er-Jahre: der Vokuhila. Ob David Bowie, Andre Agassi oder Rudi Völler - sie alle trugen damals den ikonischen Haarschnitt. Und dann galt der Trend ziemlich lange als sehr, sehr uncool. Doch was vor wenigen Jahren in zahlreichen Comedy-Formaten noch belächelt und als asozial abgestempelt wurde, feiert jetzt sein Comeback.

Genderfluid und Anti-Schönheitskonvention

Spätestens nach der dritten Staffel "Stranger Things" hat der Vokuhila seinen Weg zurück ins Rampenlicht geschafft. Frauenschwarm Billy rockt den Haarschnitt in der Netflix-Serie so souverän, dass nicht nur die Muttis am Pool immer sehnsüchtig auf den Auftritt des Bademeisters warten, auch vielen Zuschauern ging es ähnlich.

Die britische Zeitschrift "Guardian" befragte kürzlich Fashion-Experten zu dem Phänomen. Die einhellige Meinung:  Nie sei ein Haarschnitt so ein großes Statement gewesen. Ein Statement für Geschlechtsfluidität, ein Protest gegen das gängige Schönheitsideal, das gerade von Frauen oft erwartet wird und auch durchaus politisch. "Es hört sich komisch an, aber es ist mit einer langen Tradition verknüpft, alles zu nutzen, sei es ein Haarschnitt oder das Tragen von Lippenstift, um eine bestimmte Identität widerzuspiegeln" , sagte etwa Dominic Johnson, Referent für Performance und visuelle Kultur der Queen Mary Universität in London. Lasst es diese Beweggründe oder einfach nur eine spontane Idee gewesen sein - aber auch ich habe mich getraut. Ich habe mir einen Vokuhila schneiden lassen.

Ist der Vokuhila alltagstauglich?

Anfang des Jahres habe ich mich dazu entschieden, meine über 60 cm langen Haare zu spenden und einen Kurzhaarschnitt zu tragen. Als ich danach das zweite Mal zur Friseurin ging, schlug sie mir begeistert vor, mir einen Vokuhila zu schneiden. Ganz ehrlich, mein erster Gedanke war: "Bloß nicht!" Doch dann überkam mich der Mut: Warum sollte ich nicht doch mal ein Statement setzen? Schließlich kämpfe ich immer wieder gegen Schönheitsideale an. Gesagt, getan. Und dann war er da, der Hartmut-Engler-Gedächtnis-Haarschnitt.

Mit jeder Haarsträhne, die vorne fiel und hinten blieb, gefiel mir das Ganze immer mehr. Doch so ganz in der breiten Masse angekommen scheint der Haarschnitt noch nicht zu sein.

Sätze wie, "Ja, ist speziell" oder "Du kannst es tragen", begleitet von "Es gibt nur einen Rudi Völler"-Gesängen, fielen immer öfter. Auch mein Freund konnte sich nicht so richtig damit anfreunden. Er hat dazu zwar nichts gesagt, aber nach über vier Jahren Beziehung kann man Blicke ganz gut lesen. Irgendwann rückte er dann aber doch mit einem "Du bist immer schön, egal welchen Haarschnitt du trägst" raus. Daraufhin steckte ich mir nur noch stolzer meine kurzen Seitenhaare hinter die Ohren, um den Look noch krasser zu machen. Ich fühlte mich gut mit dem Vokuhila.

Zum Glück wachsen Haare wieder

Auch in der Wartung ist der Vokuhila unglaublich pflegeleicht. Morgens mache ich die Haare kurz nass und gut ist. Das Problem: Mir wird der extreme Haarschnitt zu langweilig. Ich sehe jeden Tag gleich aus und das nervt. Klar, sieht man (zumindest bis jetzt) kaum ähnliche Haarschnitte auf den Straßen, aber das Leben mit Vokuhila ist unglaublich eintönig. Vor allem, weil der Schnitt so langsam rauswächst.

Eine Freundin schlug mir kürzlich nicht ganz ernst gemeint vor, ich solle doch hinten mal einen Zopf machen. Abgelehnt, ein halber Pferdeschwanz mit drei Zentimeter Länge kommt mir nicht ins Haus - so groß ist mein Drang zum Statement dann doch nicht. Nun habe ich angefangen, mir die Haare vorne mit Spängchen nach hinten zu stecken, um zumindest etwas Abwechslung haben. Aber immer wieder kommt mir morgens beim Zähneputzen ein Gedanke in den Kopf: "Zum Glück wachsen Haare auch wieder."

Quelle: "The Guardian"