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Interview mit Marcus Staiger: "Nur wer gefickt wird, ist schwul"

Marcus Staiger hat Ende der Neunziger das Label "Royal Bunker" gegründet, das mit sexuell-aggressiven Texten bekannt wurde. Staiger schreibt gerade an einem Buch über HipHop, in dem ein Kapitel von Sex handelt. Erstaunlicherweise gehe es darin fast ausschließlich um Homosexualität, sagt er im Gespräch mit stern.de.

Von Johannes Gernert

Sido hat ihn einmal eine Schlange genannt. Der Rap-Star gehörte zu den ersten Künstlern von Marcus Staigers Label Royal Bunker. Er fühlte sich nicht genug gefördert und ging deshalb zur damals neuen Plattenfirma Aggro. Als dessen erster Manager hat Staiger den Berliner Kool Savas Ende der Neunziger durch die Republik gefahren, als der mit seinen politisch unkorrekten Reimen für einiges Aufsehen sorgte und eine Stilrichtung mitbegründete, die Frauen verbal zu Sexobjekten degradiert und andere Rapper als "schwul" beschimpft. Savas machte später sein eigenes Label auf und um den Bunker wurde es zunehmend still. Im vergangenen Jahr ist das Label mit der pornographisch-ironischen Formation K.I.Z. in die Top-Ten der Charts vorgestoßen und hat das deutsche Rap-Geschäft neu belebt. Mit seiner langjährigen Erfahrung kann Staiger stern.de genau erklären, was am deutschen Rap "schwul" ist.

Vor etwa zehn Jahren hat Kool Savas andere MCs in Wortgefechten ständig als "schwul" beschimpft. Weil er etwas gegen Homosexuelle hatte?

Damals haben das Wort auch schwule Freunde von mir benutzt: "Du bist ja schwul". Damit war "tuntig" oder "tuckig" gemeint. Das war zunächst gar nicht pauschal auf die Gruppe der Homosexuellen bezogen. Auch die meisten Rapper haben das anfangs als neutrales Schimpfwort verwendet, ohne an Schwule zu denken. Aber je massiver es in der Szene benutzt worden ist, desto mehr hat sich die Bedeutung geändert. Dabei haben die Protagonisten die aggressive amerikanische Homophobie übernommen. Das hat sich dann in den Berliner Bezirken mit dem Schwulenhass aus dem arabisch-türkischen Raum gemischt. So dass man mittlerweile sagen muss: Das bezieht sich durchaus auch auf das Sexuelle. Die Leute kennen allerdings oft gar niemanden, der offen schwul ist. Das ist ein bisschen wie mit dem Ausländerhass – der ist auch da am größten, wo es gar keine gibt. Im Übrigen gilt die etwas seltsame Regel: "Nur wer gefickt wird, ist schwul."

Gibt es in Deutschland wohl Rapper, die heimlich zu schwulen Sex-Parties gehen, so wie das Terrance Dean für die USA in seinem Buch "Hiding in HipHop" beschreibt?

Das weiß ich nicht. Ich kenne jedenfalls keine schwulen Rapper. Ich glaube, es gibt einen ganz wesentlichen Unterschied zwischen Deutschland und den USA. Hier finden die sexuelle und die musikalische Sozialisation etwa zur selben Zeit statt, vielleicht mit 13 oder 14 Jahren. Man wird sich also als Teenager, der gerade seine homosexuelle Orientierung entdeckt, nicht für eine Musikrichtung entscheiden, die aggressiv gegen Schwule Stimmung macht. In den USA setzt die musikalische Sozialisation deutlich früher ein. Da ist man also HipHopper und merkt dann, dass man andere Jungs toll findet. So erklärt sich vielleicht, dass daraus dieses versteckte schwule Sexleben entsteht. Das ist ein interessantes Paradox. Ich würde nämlich sagen, dass HipHop zu den homoerotischsten Musikrichtungen dieses Jahrhunderts zählt.

Ach ja?

Nirgendwo sonst wird ein vergleichbarer Männer-Körperkult betrieben. Man muss sich nur einmal ansehen, wie etwa ein 50 Cent halbnackt seine Muskeln spielen lässt. Ich kenne jede Menge Typen, die das gut finden, aber keine einzige Frau. Auch die Pimp-Mode, mit der die Gangstas auftreten, hat doch etwas Schwules – mit diesen breitkrempigen Hüten und den Federboas.

Gangbang - mehrere Typen fallen über eine Frau her - ist eine der meistgebrauchten Phrasen im deutschen Rap. Sie sagen: Wer davon schwärmt, hat homoerotische Neigungen. Warum?

Man ist mit fünf Männern und einer Frau zugange. Wer bei solchen Orgien mitmacht, nimmt es billigend in Kauf, dass er die Penisse anderer Männer berührt und deren erigierte Genitalien sieht. Da hat die Frau am Ende vielleicht nur noch eine Alibi-Funktion. Auch wer so etwas in Pornos betrachtet, muss die ganzen Schwänze ja irgendwie anturnend finden. Die Bilder der Sexindustrie gehen über ins kollektive Unterbewusstsein. Das drückt sich dann in den Stücken der Rapper wieder aus.

Sind Männer, die vom Gangbang rappen, auch tatsächlich bei solchen Orgien dabei?

Ich würde mal sagen: Bei allem, was in Deutschland über Sex gerappt wird, stammt maximal 20 Prozent aus dem eigenen Erfahrungsschatz.

Auch ein deutscher Rapper, Bushido, erzählt in einem Youtube-Video, er habe seinen Konkurrenten Sido einmal Backstage beim Knutschen mit einem anderen Mann beobachtet.

Das muss ihn so sehr traumatisiert haben, dass er es erst sechs Jahre später schafft, darüber zu reden. Aber im Ernst: Ich finde beispielsweise, Sidos "Arschficksong" ist eine Ode an die homosexuelle Liebe. Ganz unabhängig davon, ob diese Bushido-Story stimmt oder nicht. Grundsätzlich glaube ich: Je aggressiver homophob einer sich gebärdet, desto mehr hat er zu verbergen. Wenn beispielsweise Leute sagen "Mir wird ganz anders, wenn ich mir zwei Männer beim Küssen vorstelle", frage ich mich schon. Warum stellst du dir das so genau vor?

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