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Konzert-Kritik

Comeback in Hamburg: "Echt unglaublich": So emotional war das Reunion-Konzert der Jeremy Days

Vor 30 Jahren hatten sie mit "Brand New Toy" ihren größten Hit. Jetzt kehrten die Jeremy Days für einen einzigen Abend zurück auf die Konzertbühne in Hamburg. Am Ende waren nicht nur die Fans total aufgelöst.

Von Simone Deckner

Konzert-Kritik - "Echt unglaublich": So emotional war das Reunion-Konzert der Jeremy Days

Dirk Darmstaedter, Sänger der The Jeremy Days, auf einem Konzert (Archivbild)

Picture Alliance

Das Docks in Hamburg ist seit Wochen ausverkauft. 1400 Menschen sind gekommen, um die Jeremy Days zu sehen. Nicht übel für eine Band, die zuletzt vor 24 Jahren auf der Bühne stand. Damals, als die Menschen bei Konzerten noch Feuerzeuge statt iPhones schwenkten. Viele Pärchen sind da, noch mehr Männer mit angegrauten Haaren und Bärten, Mädelscliquen, Altersschnitt: um die 50. Sie sind aus der ganzen Republik angereist, haben sich zu Fahrgemeinschaften zusammen geschlossen, Busse gechartert, manche sind sogar in London und Oslo in den Flieger gestiegen, nur um heute hier zu sein. Die Stimmung: vorfreudig gespannt. "Hol‘ noch mal schnell Bier", ruft einer seinem Kumpel zu.

Als "the unlikely return", also eine eher unwahrscheinliche Rückkehr war das Konzert von der Band, die an den späten 80er-Jahren mit ihrem Hit "Brand New Toy" Stammgast im Radio und Musikfernsehen war, angekündigt worden. "Ich dachte, diese Band wird niemals wieder zusammen spielen", hatte Sänger Dirk Darmstaedter gesagt. Zu intensiv seien die Jahre von 1987 bis zur Trennung knapp zehn Jahre später gewesen. So richtig lieb hatten sie sich am Ende auch nicht mehr. "Wir haben uns nach der Trennung auch nicht auf einen Cappuccino getroffen. Das war immer ganz oder gar nicht", erinnert sich Darmstaedter.

Für Jeremy Days war es Zeit für eine Rückkehr

Für heute aber lassen sie sich noch einmal ganz darauf ein. Um Punkt 20 Uhr verdunkelt sich der Saal. Zu leisen Glockenspielklängen kommen sie auf die Bühne, man kann sie in gelben Nebelschwaden erst nur erahnen. Was aber sofort zu erkennen ist: Wie unverschämt schlank alle geblieben sind. Nur Darmstaedter hat seinen Brit-Pop-Topfschnitt gegen eine altersgerechtere "Ich kämm‘ die Haare jetzt nach hinten"-Frisur getauscht.

Mit "It Is The Time" starten sie – es ist, als wollten sie es sich und den Leuten da draußen noch mal vorbuchstabieren: Jetzt ist die Zeit, Leute! Wenn nicht jetzt, wann dann? "Die Zeit ist einfach reif gewesen", hatte Drummer Stefan Rager auf die Frage geantwortet, warum sich die Band noch einmal zusammen getan hat. "Es hat einfach gepasst."

Darmstaedter ist schon nach dem zweiten Song komplett durch: "Dass ich nach 24 Jahren wieder mit diesen Typen auf einer Bühne stehen darf", sagt er mit wackliger Stimme und vergräbt sein Gesicht in seinen Händen. Die Fans jubeln. Bis auf Bassist Christoph Kaiser, der als Filmmusikkomponist gerade den europäischen Filmpreis für "Drei Tage in Quiberon" bekommen hat, sind alle Originalmitglieder da: Drummer Stefan Rager, Gitarrist Jörn Heilbut und Keyboarder Louis C. Oberlander, der die weiteste Anreise hatte: Er lebt seit Jahren in Los Angeles.

Dass der als einmaliger Auftritt angekündigte Gig eine hochemotionale Sache werden würde, war Darmstaedter schon im Vorfeld klar: "Ich habe in all diese Jahren immer weiter Musik gemacht, auch mit vielen tollen anderen Musikern gespielt, aber meine Band sind die Jeremy Days", hatte er gesagt. Jetzt kann man ihn über die Bühne tänzeln sehen. Immer wieder winkt er ins Publikum, umarmt seine Bandkollegen – es ist, als wäre man bei einem Klassentreffen dabei. Die ersten Takte von "Brand New Toy" gehen im lauten Jubel der Fans unter. Sie spielen ihren größten Hit mitten im Set, nicht erst als letzte Zugabe. So entspannt sind sie mittlerweile.

"Sylvia Suddenly", "Rome Wasn‘t Build In A Day", "Good Morning, Beautiful" – die Songs mögen mehr als ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel haben, sie klingen jedoch alles andere als altbacken, wirken alterslos. Darmstaedter erzählt jetzt Schnurren von früher: Wie sie damals in der altehrwürdigen ZDF-Hitparade auftgetreten sind ("Unser Manager hat uns prophezeit, wir würden danach auf die Eins gehen. Wir sind dann auf Platz 36 in den Charts gerasselt") und von Costa Cordalis abgeklatscht wurden, wie sie "im Sommer 1953" ihren ersten Song aufgenommen hätten. Welche unglaubliche Freude es sei, jetzt hier heute zu stehen. Jetzt ist die Zeit. Sie vergeht wie im Flug.

Nach 90 Minuten verabschieden sie sich das erste Mal von der Bühne, nur, um direkt wieder zu kommen. Vier Zugaben werden es am Ende werden. Bei der letzten hat Dirk Darmstaedter ein weißes Handtuch um seinen Hals gelegt, er ist durchgeschwitzt, was für ein "echt unglaublicher Abend" das war, sagt er. "Ganz ehrlich: Ich glaube, das war das geilste Konzert, was ich seit 24 Jahren gespielt habe." Zum Schluss stehen sie alle Arm in Arm am Bühnenrand und verbeugen sich, wie es Theaterschauspieler tun. Die Fans wollen gar nicht aufhören mit dem Klatschen. Ob das jetzt wirklich alles war? Gut möglich, dass es sich die Jeremy Days nach diesem emotionalen Rückkehr noch einmal überlegen.

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