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Konzert-Kritik

Start der Europa-Tournee: Rolling Stones in Hamburg: Der größte Jahrmarkt der Welt

Bringen die alten Kerle es noch einmal? Oder waren die teuren Tickets nurmehr eine Zugangsberechtigung zu einer Halbtoten-Messe? Die Rolling Stones starteten in Hamburg ihre Europa-Tournee - ein populärer Song wurde nicht angestimmt.

Von Oliver Creutz

Die Rolling Stones, Ron Wood (links nach rechts), Mick Jagger, Charlie Watts (verdeckt) und Keith Richards stehen im Stadtpark in Hamburg beim Start der Rolling Stones-Europatour "Stones - No Filter" auf der Bühne.

Die Rolling Stones, Ron Wood (links nach rechts), Mick Jagger, Charlie Watts (verdeckt) und Keith Richards stehen im Stadtpark in Hamburg beim Start der Rolling Stones-Europatour "Stones - No Filter" auf der Bühne.

Am Samstag war ein Wetter, dass viele Hamburger ihre Heizungen hochdrehten. Ältere Herrschaften sollten bei dieser (zermürbender Nieselregen, 13 Grad) nicht allzu lange draußen bleiben, vor allem dann nicht, wenn sie an den Atemwegen erkrankt sind.

Ron Wood, der mit 70 durchaus in die Kategorie "älterer Herr" fällt und dem ein Teil seiner Lunge entfernt werden musste, nachdem im Mai Krebs bei ihm diagnostiziert worden war, hat diesen gut gemeinten Gesundheits-Hinweis in den Wind geschlagen. So wie auch seine Band-Kollegen schon seit Jahrzehnten nicht viel auf ärztliche Ratschläge gegeben haben. Hätten sie, dann ruhten sich Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood längst auf einer karibischen Insel aus und stünden nicht an diesem kühlen Abend auf einer zugigen Bühne im Stadtpark von Hamburg. Vor 82.000 Menschen, von denen einzelne so husten, als hätten sie das Tour-Motto der vor langer Zeit schon auf ihre Nikotin-Präferenzen angewendet: No Filter.

Bringen die alten Kerle es noch einmal?

Der Regen aber stoppte am Abend. Eine Stunde vor Konzertbeginn war der Himmel so rein, als hätten die Musiker-Kollegen der Stones im Himmel die Wolken beiseite geschoben, um den alten Freunden da unten besser zuhören zu können. Die Wiesen des Stadtparks waren matschig, ein Becher kostete 8,50 Euro (inklusive Pfand), die Sitze auf den Tribünen mit kleinen Pfützen gefüllt. Im Publikum eine Anspannung, wie sie auf Rock-Konzerten selten ist: Was würde da gleich geschehen? Bringen die alten Kerle es noch einmal? Oder waren die teuren Tickets nurmehr eine Zugangsberechtigung zu einer Halbtoten-Messe? Ein Gefühl wie im Wahlkampf 1998: Einmal noch Kohl sehen, bevor es ihn nicht mehr gibt.

Aber hallo. Nicht mit den Stones, dem größten der Welt, in dem es alles zu bestaunen gibt, was die Menschen aus ihren Häuser lockt: Freaks, Artistik, unfassbare Unfälle, allerschönstes Glücklichsein.

Die Unverwüstlichkeit der Stones ist außerordentlich

Etwas Wunderbares und Unheimliches umgibt die Rolling Stones: Die Unverwüstlichkeit dieser vier Herren ist so außerordentlich, dass ihr ein Pakt zugrunde liegen muss, den , Keith, Charlie und Ron in ihrer Jugend eingegangen sind. Mit wem wohl? Hope you guess my name. "Sympathy for the Devil" gleich zu Beginn, jenes Stück, das letztgültig erklärt, warum der Rock'n'Roll der Stones von Generation an Generation weitergereicht wird. Sein diabolisches Funkeln verführt jeden 16-Jährigen, egal, ob er 1950 oder im Jahr 2000 auf die Welt kam.

Der Gig ist zugleich eine Modenschau

Der erste Unfall folgt sogleich: Als die Gitarren einsetzen, klingt es, als stehe da vorn eine Schülerband, in welcher der eine Gitarrist den anderen übertönen will. Kann mal jemand den Sound runterdrehen? Mick Jagger tänzelt unbeeindruckt im silbernen Andy-Warhol-Jäckchen. Er wird sich in den kommenden zwei Stunden so oft umziehen, wie man es von Beyoncé-Auftritten erwarten könnte. Mitunter wirkt es, als habe er mitten im Lied das Oberteil gewechselt. Einmal trägt er ein Shirt, auf dem schlicht und klein "stones" steht. Falls jemand vergessen haben sollte, wo er hier ist.

Auch Ron Wood wechselt eifrig. Der Gig ist zugleich eine Modenschau: die Herren-Trends der Saison (Bomberjacken sind immer noch sehr angesagt). Nur Charlie Watts behält stoisch sein weißes Architekten-Hemd an. Als er am Ende der Show hinter seinem Schlagzeug aufsteht, muss er sich kurz aufstützen, wirkt aber weitgehend unverschwitzt.

Die optische Sensation jenseits allen Tands bildet natürlich Keith Richards – ein Gesicht wie ein greiser korsischer Ziegenhirte. Lebte Michelangelo noch, könnte er diese Falten in Marmor verewigen. Weltkulturerbe.

Die Rolling Stones ohne "Angie"

Nach den ersten Hits zu Beginn folgt ein kurzer Einschub mit Songs aus dem letzten Album "Blue and Lonesome": Zur Blues-Revue setzen sich die Zuschauer auf den Tribünen erst mal wieder hin. Wird kurz gemütlich jetzt. Noch ein Bier jemand? Es scheint, als hätten die Musiker vor der Tour noch einmal ihr Werk sortiert, sich einzelne Songs unter der Lupe angeschaut wie Diamantenhändler. Sie haben ein paar Kostbarkeiten zu Tage gefördert: "Play with fire" von 1965 ist die schillerndste davon. 

Jagger wuschelt im Vorbeigehen durch die Haare von Ron Wood, versetzt ihm einen Klaps. "Alter, bin heilfroh, dass du noch da bist", scheint die Botschaft.

In den Standards, den Songs, die zu jeder Stones-Show dazu gehören ("Miss You", "Brown Sugar", "Start me Up"), sind die Herren solide. Das ist der Las Vegas-Teil: Auch die Leute auf den teuren Plätzen sollen nichts zu meckern haben. Auf "Angie" haben sie verzichtet; sie wollten sich wohl nicht in den deutschen Wahlkampf einmischen.

Und zum Schluss "Satisfaction"

Gigantisch gut werden sie in den Songs, die ihnen tatsächlich etwas zu bedeuten scheinen. Etwa "Midnight Rambler" von 1969: Da ist immer noch dieses lässig-böse Vorwärtsdrängen, die Lust, Straßen in Feuer zu versetzen. Jagger kreiselt wie eine Raubkatze, schnurrend, fauchend. In diesem Lied, dem längsten des Abends, sind sie jung geblieben, ist jetzt keine Show mehr, das ist der größt- und bestmögliche Stones-Zustand. Gleiches ist bei "Gimme Shelter", ebenfalls von 1969, zu erleben, der ersten Zugabe. Wenn Jagger singt, dass der Krieg und Totschlag nur einen Schuss weit entfernt seien, zeigt er: Nichts ist vergangen, auch das Böse in der Welt hält an. "Gimme Shelter" ist wie eine Bach-Fuge: Wird für immer bleiben.

In diesem Moment sind die Stones den Gesetzen des Irdischen enthoben. Ihr Geist ist konserviert in klapprigen, runzeligen Körpern. Sie sind für immer 25; egal, was noch kommen mag. Der Preis für diesen faustischen Pakt? Ist vielleicht, dass sie nicht aufhören dürfen. Sie spuken durch das Haus des Rock'n'Roll; drehen in ihrem Band-Flugzeug unablässig um die Welt, und wo immer sie auch landen, müssen sie früher oder später "Satisfaction" spielen. In Hamburg ist es um 22.27 Uhr so weit. Und am wolkenlosen Himmel leuchten die Sterne.

Oliver Creutz leitet das Kultur-Ressort des stern. Es war sein erstes Stones-Konzert, wusste er doch: Jetzt oder nie. 

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo