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Eurovision Song Contest 2017: Kopfwackler, douze Points - so lief der ESC in Kiew

Durchmarsch für Portugal, Italien fällt und Moldawien überrascht. Deutschland schneidet erneut schlecht ab. Ein Flitzer sorgte für einen Schockmoment. Der ESC im Überblick.

 

Salvador Sobral

Salvador Sobral

Melancholische Ballade schlägt fröhlichen Italopop: Portugal ist der Sieger des Eurovision Song Contest 2017 in Kiew. Salvador Sobral berührte mit seinem Song "Amar Pelos Dois" Zuschauer und Jurys, holte insgesamt 758 Punkte. Der große Favorit Francesco Gabbani landete mit "Occidentali's Karma" nur auf Platz sechs. Eine Überraschung.

Geht der Sieg Portugals klar?

Und ob. Es ist der erste Sieg Portugals beim ESC - und er ist mehr als verdient. Salvador Sobral gelang ein Kunststück: Aus einer altmodischen, leicht angejazzten Ballade, die allenfalls im Fado Anklang fände, machte er ein Meisterwerk. Ohne Technikschnickschnack und Pyrogedöns stand der 27-jährige Lissabonner auf der Bühne und beeindruckte allein mit seiner Stimme und seiner außergewöhnlichen Performance. Wenn Sobral zu singen beginnt, ist er in seiner eigenen Welt: Wie er den Kopf verdrehte und mit den Händen wackelte - zauberhaft. Er ist ESC-Gewinner und Sieger der Herzen.

ESC Ergebnis 2017

Die Ergebnisse des ESC 2017 im Überblick

Was lief für Italien schief?

Wochenlang lag Gabbani bei Buchmachern und Fans in Führung, sah wie der sichere Sieger aus. Doch dem coolen Italiener flatterten ausgerechnet im Finale die Nerven. Er wirkte nicht so locker und entspannt, wie er das vorher war. Der Italiener eroberte die Herzen in Kiew im Sturm. Auch fürs hundertste Selfie posierte er bereitwillig mit Fans. Ein Sympath, ein Charmebolzen. Doch am Samstagabend patzte er. Der Funke mochte bei seinem Gute-Laune-Song "Occidentali's Karma" nicht so recht überspringen. Gabbani strahlte nicht. Klarer Fall von überperformt. Dass er aber auf den sechsten Platz zurückfallen würde, das hatte so keiner geahnt. 

Waren sich Jurys und Publikum einig?

Dieses Jahr ja. Sobral gewann sowohl bei den Jurys als auch beim Publikum. Insgesamt holte er 758 Punkte. Zum Vergleich: Jamala reichten im vergangenen Jahr 534 Punkte zum Sieg. Ein überragender Durchmarsch. 

Und Deutschland?

Nach den ESC-Katastrophenjahren 2015 und 2016 gibt's nur wenig Besserung. Levina landete mit "Perfect Life" auf dem 25. Platz. Vorletzter. Der talentlose Spanier ersparte uns die Schmach des Negativ-Triples. Verdient hat Levina das nicht. Die 26-Jährige strahlte in die Kamera und war stimmlich auf der Höhe. Nach dem Höllenwald-Desaster von Jamie-Lee stimmte auch die Inszenierung mit einer aufregenden Kamerafahrt von der Decke auf die liegende Levina. Einzig ihr Lied "Perfect Life" konnte da nicht mithalten. Es ist einfach kein Hit. Wie's besser werden könnte? Helene Fischer, übernehmen Sie.

Überraschung des Abends

Die gelang Moldawien. In der Jurywertung weit abgeschlagen, holten Sunstroke Project mit "Hey Mama" mächtig auf, wurden drittbeste der Zuschauer. Am Ende reichte das für einen dritten Platz. 

Schockmoment des Abends

Das war ein Flitzer, der während des Pausenauftritts von Vorjahressiegerin Jamala auf die Bühne stürmte und seinen nackten Hintern in die Kamera zeigte. Ein Eklat. Ob die Tat politisch motiviert war, um Jamala zu diskreditieren, war am Abend noch unklar.

Sonst noch Ausfälle?

Gleich drei. Ein schizophrener Opernsänger aus Kroatien. Jacques Houdek konnte sich nicht entscheiden: Will ich ein Tenor sein oder doch Popstar? So wählte er beides und intonierte seinen Song "My Friend" zweistimmig, abwechselnd entweder als Luciano Pavarotti oder als Bryan Adams. Schrill.

Auch die jodelnde Rumänin soll hier nicht unerwähnt bleiben. Ilinca Băcilă und Alex Florea gaben "Yodel it" zum Besten. Eine fantastisch absurde Jodel-Rap-Symbiose mit der Liedzeile "Jodeleihi, sing it up Baby, Jodeleiho".  Dazu rollten zwei Konfettikanonen auf die Bühne, die zum Refrain explodierten. Bombig, fand das Publikum: Siebter Platz, gleich hinter Italien.

Wurde es auch politisch?

Ja. Als die Punkte aus Litauen vergeben wurden. Die Moderatorin grüßte mit "Slawa Ukrainie , Gerojam Slawa", dem Schlachtruf der Revolution der Würde auf dem Maidan. Das Publikum in der Kiewer Arena quittierte das mit tosendem Applaus.

Unsere persönlichen 12 Punkte gehen an …

… Schweden. "I Can't Go On" geht zwar nur als mäßiger Popsong durch, doch Sänger Robin Bengtsson überzeugte mit einer perfekten Inszenierung. Er tanzte auf einem Laufband. Wie er und seine Begleiter  hin- und herfuhren, sah aus wie Synchronschwimmen auf dem Trockenen. Gute Show - und am Ende der fünfte Platz.

Und die Gastgeber?

Die Ukraine überzeugte als sympathisches Gastgeberland. Die Botschaft an Europa lautete: Wir wollen zu Euch gehören. Die Show mit dem Motto "Celebrate Diversity" (Feiere die Vielfalt) verkniff sich jegliche Anspielung auf den vorausgegangen Eklat zwischen Russland und der Ukraine. Die drei Herren, die uns durch den Abend führten, sollten allerdings nochmal auf die Moderatorenschule geschickt werden. Sehr aufgesagt wirkte das. Auch die Pausenshows waren eher mäßig. Da hätte man von Verka Serduchka mehr erwartet als "Sieben, sieben, ailulu". 

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