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"Sunday At Devil Dirt": Glockenstimmchen trifft Whiskeyröhre

Bis vor drei Jahren hatte die ehemalige Belle-And-Sebastian Sängerin Isobel Campbell noch keinen Ton von Mark Lenegan und dessen Band Queens Of The Stoneage gehört. Jetzt erscheint bereits das zweite Album des ungleichen Duos mit grandiosen Westernballaden.

Von Annette Stiekele

Serge Gainsbourg hatte eine, Lee Hazelwood auch: eine weibliche Gegenstimme. Mit seiner Gefährtin Jane Birkin hauchte die französische Chansonlegende Gainsbourg "Je t'aime... moi non plus" und die Hörer schmolzen dahin. Knisternde Erotik lag auch bei Lee Hazelwood und Nancy Sinatra zwischen den schwülen Klängen von "Some Velvet Morning". Der Faszination dieser musikalischen Erfolgspaare ist auch Isobel Campbell schon vor einigen Jahren erlegen. "Gainsbourg und Birkin sind ein Teil von mir", sagt sie.

Die Songschreiberin und Sängerin ist vor allem als Mitglied der schottischen Indie-Popper "Belle And Sebastian" bekannt. Jahrelang steuerte sie bezaubernde Cello- und Glockenklänge für die sieben-köpfige Band bei. 2002 verließ sie die Gruppe auf der Suche nach neuen Herausforderungen und veröffentlichte unter dem Titel "The Gentle Waves" mehrere Soloalben, die aber eher ein Nischenpublikum erreichten.

"In Western sind die Männer so männlich!"

Vor drei Jahren entstand schleißlich die Idee mit Mark Lanegan zusammenzuarbeiten, dem Sänger der Hardrockband Queens Of The Stone Age. "Es war Zufall", sagt Isobel Campbell mit starkem schottischen Akzent. "Wir wären uns im wirklichen Leben nie begegnet. Ich suchte einen Sänger mit einem tiefen Organ und ein Freund zeigte mir seine Songs." So fand Campbell, die zuvor noch nie einen Ton der Queens of The Stone Age gehört hatte, einen Duettpartner für ihre Songs. Das gemeinsame Album "Ballad Of The Broken Seas" wurde ein Überraschungshit. 2006 wurde Campbell sogar für den Mercury Prize nominiert, einem großen Föderpreis der britischen Musikindustire.

Nun legt das ungleiche Paar mit "Sunday At Devil Dirt" nach. Zwölf berückende Songs zwischen Country, Folk und Blues erbauen eine geisterhafte Südstaaten-Prärie, wo der Staub nur so unter den Schuhen knirscht. Der herbe Kontrast zwischen Campbells samtweicher Stimme und der gut geschmirgelten Whiskyröhre von Lanegan vervielfacht nochmals die Spannung der historischen Vorgängerpaare. "Ich liebe Westernfilme", sagt die Sängerin, "Die Männer sind so männlich und die Frauen so schön. Ich mag das Visuelle bei den Cowboys. Auch wenn das oberflächlich und vielleicht romantisch klingt." Von den lieblichen Klängen der Indie-Mukker Belle And Sebastian hat sie sich hiermit weit entfernt. "Ich mag ganz unterschiedliche Stile und Richtungen. Derzeit fühle ich mich sehr nah bei mir selbst", erklärt Campbell, "Ich reise viel und bin an vielen Orten auf der Welt zu Hause. Heute fühle ich, dass ich kein Symbol des Schottentums sein muss." Sie klingt erleichtert.

Eineinhalb Jahre hat Isobel Campbell allein die neuen Stücke geschrieben, arrangiert und produziert, und in neun Tagen mit Mark Lanegan im Studio eingesungen. "Das erste Album war schon sehr sinnlich. Diesmal wollte ich einfach noch weiter gehen. Es macht mir Spaß, dass Mark meine Sachen singt."

Für mich ist es wie ein Tennesse-Williams-Stück, etwa "die Katze auf dem heißen Blechdach". Diese Sommerhitze, die Spannung, die schwülen Träume. Wir übernehmen da beide eine Rolle." Sie selbst hält sich diesmal stark beim Gesang zurück. "Zuerst wollte ich gar nicht singen. Ich hatte irgendwie mein Selbstvertrauen als Sängerin verloren", bekennt sie.

Eine selbstbekannte Drama-Queen

Amerika taucht auf dem Album als Mythos auf. Nicht aber mit all seinen realpolitischen Verwicklungen. Natürlich hat sich Campbell schon lange vor "Sunday At Devil Dirt" mit traditioneller Americana-Musik befasst. Mit "The Harry Smith Anthology Of Folk Music" und natürlich mit Johnny Cash, sowie mit dessen Frau oder Leonard Cohen.

Musikalisch halten sich die getragenen Rhythmen eher zurück, mal blitzt eine schwelgende Geige auf, mal brummt eine Basslinie. Viele der erzählten Geschichten handeln von verschlungenen Pfaden des Unrechts. Doch am Ende steht die Erlösung. Das düstere "Back Burner" klingt wie eine typische Gangsterballade, handelt aber von einem Mann, der eine Beziehung auf kleiner Flamme köcheln lässt. "Salvation" hat den spirituellen Impetus von Johnny Cash.

Auch Campbell glaubt an eine göttliche Macht. "Das ist so viel Magie in der Welt", sagt sie, "da muss es einfach etwas jenseits des Sichtbaren geben." Sie sei eine sehr dramatische Person. Um das hervorzuholen müsse sie keine Filme anschauen - was sie aber sowieso dauernd tut. "Ich komme aus einer richtigen Drama-Familie. Wir sollten eigentlich Italiener sein. Ich bin sehr leidenschaftlich und spreche immer über Gefühle. Das treibt andere zum Wahnsinn", sagt Isobel Campbell und fügt hinzu "Mark hat zum Glück überhaupt keine Probleme, das alles zu singen".