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Geständnis Jane Birkin - "Liebe ist, wie drogenabhängig zu sein"

Serge Gainsbourg und Jane Birkin waren das It-Paar einer Epoche.
Serge Gainsbourg und Jane Birkin waren das It-Paar einer Epoche.
© Luc Fournol / Picture Alliance
Sie war schön, talentiert und liebte ältere Männer. Jane Birkin spricht über ihre Tagebücher und ihr obsessives Liebesleben.

Die 1960er und 1970er-Jahre waren alles andere als wohlgesittet. Jane Birkin – Sängerin und Schauspielerin – gehörte zu den wildesten Frauen einer wilden Zeit. Und dokumentierte die Eskapaden. Birkin führte ihr ganzes Leben lang Tagebuch. Schon früher konnte man kleine Kostproben daraus bekommen, etwa wenn sie sich über die Gemeinheit unter Schulmädchen äußerte. Zum Erscheinen des ersten Teils der Tagebücher in englischer Sprache, gab die Schauspielerin dem "Telegraph" ein Interview. Auf Deutsch erschienen die "Munkey Diaries" über das Leben der schönen Schauspielerin zwischen 1957 und 1982 im vergangenen September.

Falsche Scham kannte Birkin noch nie, in den Auszügen kann man ihre ersten Liebesabenteuer hautnah miterleben. Mit 15 verliebte sie sich in den deutlich älteren Nachbarn Alan. Seine Küsse raubten dem Mädchen den Verstand.

"Gott, es ist schrecklich, nicht an jemand anderen denken zu können, nicht einmal an Cliff Richard." Beim Abendessen in seinem Haus füllte der Herr das Mädchen mit Ratatouille und "viel Rotwein" ab, dann gab es noch mehr Whisky und er versuchte, "auf mich draufzusteigen". Birkin "fand das ein bisschen ekelhaft" und lief weg. Zuhause kassierte sie eine Ohrfeige der Mutter und schluckte den ganzen Tablettenschrank.

Das war ihre erste Liebe im Jahr 1962. Ihr obsessives Verhältnis zu älteren Männern und ihr ewiger Wunsch, ihnen zu gefallen, begleitet sie bis in die 1980er. Auch heute trägt sie Nachbar Alan nichts nach. "Oh, er war reizend, Alan." Sie hoffe, dass er Kontakt zu ihr aufnehme, sollte er das Buch lesen, sagte sie dem "Telegraph".

Die erste Ehe 

Mit 17 lernte sie den Komponisten John Barry kennen.

"Er war der größte Filmkomponist seiner Zeit, und er war schrecklich attraktiv. Er hat mich sehr schnell gefragt, ob ich ihn heiraten möchte. Mein Vater wollte vor Gericht gehen, um es mir zu verbieten, weil ich noch minderjährig war. [...] Drei Monate später war ich 18, und wir waren Mann und Frau."

Mit Antonionis "Blow-up" wurde Birkin endgültig berühmt und berüchtigt – denn sie spielte vollkommen nackt. "Es war anscheinend das erste Mal, dass man in einem Film völlig nackte Mädchen sah. Es war ein großer Skandal in den Zeitungen. Sie nannten mich Jane 'Blow-Up' Birkin." Die Rolle habe sie vor allem angenommen, weil ihr Mann gesagt habe, sie würde sich nicht trauen.

Heute würde die Szene – der Fotograf reißt dem Mädchen die Kleider vom Leib - als Vergewaltigung gelten. Doch Birkins Einträge versprühen die Lust am Skandal. Privat trübte sich das Leben ein. Jane Birkin ist in jeder Beziehung lebenshungrig und liebesgierig – aber ihr Mann schien sie nicht mehr zu begehren. Dazu muss sie erkennen, dass je berühmter sie als Sex-Symbol wird, umso weniger Kontakt nehmen die Männer zu ihr in der Wirklichkeit auf. Dazu empfindet sie die Diskrepanz zwischen ihrem Image und den eher bescheidenen erotischen Erfahrungen.

"Manchmal liege ich wach und frage mich einfach, wie es wäre, im Stehen oder in der Badewanne Liebe zu machen. (…) Ich habe nie auf einem Feld oder am Meer Liebe gemacht. Ich habe immer nur im Bett oder auf dem Boden geschlafen. Wie schäbig das klingt, aber ich will es wissen, ich will, dass mich jemand so sehr will, dass er es kaum erwarten kann."

1968 ist die Ehe am Ende – heute urteilt sie hart über sich. "Ich muss so langweilig gewesen sein und darauf gewartet haben, dass er nach Hause kam und fragte, wo er gewesen war, ob ich ihm ein Bad mache sollte." 

It-Paar einer Epoche

Dann beginnen die Jahre Serge Gainsbourg – als Schauspielerin hatte Birkin schon den Olymp erklommen, als sie den Franzosen kennenlernte. Sie spielte in den Filmklassikern "Swimmingpool" mit Alain Delon und Romy Schneider, in Antonionis "Blow Up" und die junge Evelyn in "Slogan", die sich in einen älteren Mann – Serge Gainsbourg – verliebt. Der damalige Liebhaber von Brigit Bardot, der absoluten Sex-Ikone der Zeit.

Sie schreibt über ihn.

"Er sieht sehr seltsam aus, aber ich liebe ihn; er ist so anders als alles, was ich kenne - und ziemlich degeneriert - aber gleichzeitig rein.

Er war einfach der letzte Mensch, mit dem ich mir auf den ersten Blick vorstellen könnte, dass es funktionieren würde, aber jetzt kann ich mir keinen anderen mehr denken. Ich finde ihn so schön; ich fand ihn nie hässlich, eigentlich nur seltsam. Er ist so sanft und weich und dann so stark, und sinnlich und sexuell wunderbar - und doch habe ich das Gefühl, dass er so viel mehr ist als nur ein sexy Mann."

Birkin sagt, sie sei selbst eigentlich ziemlich konformistisch gewesen. Sie habe nur das Glück gehabt, nonkonformistische Menschen kennenzulernen. "Ich hätte es nie gewagt, all die Dinge zu tun, die ich getan habe, wenn ich in England geblieben wäre."

Der Komponist Gainsbourg macht Birkin zur weltweiten Ikone mit seinem Song "Je T'aime". Durch das Stöhn-Epos mit seinem kaum verhüllten sexuellen Text werden die beiden zu dem It-Paar der Epoche. Dabei hatte Gainsbourg "Je T'aime" eigentlich noch für Brigit Bardot geschrieben – doch die fürchtete den Skandal, war sie doch mit einem anderen verheiratet.

Ohne Gainsbourg wäre ihre Karriere nach der Mädchenphase zu Ende gegangen, sagte sie der Zeitung. Birkins Tagebuch führt durch eine große Liebe – aber auch durch ein Leben im Schatten eines übermächtigen Mannes. Als Gainsbourg 1991 starb, wurde er vom französischen Präsidenten zum Baudelaire und zum Apollinaire der Gegenwart erklärt. Und das war nicht als Witz gemeint. Birkin hat einmal gesagt, Serge sei ein Genie gewesen, sie habe nur gut ausgesehen.

Macht sich immer klein

Bei der Überarbeitung des Tagesbuchs sei sie entsetzt gewesen, sagt sie heute, wie ohnmächtig sie durch ihr Leben gegangen sei. Ihre eigene eindrucksvolle Arbeit fand sie nicht der Rede wert und wertete sie permanent ab. Die Tagebücher zeigen, wie eine Frau, der die Welt buchstäblich zu Füßen lag, sich zur Geisel männlicher Anerkennung machte. Bei allen Fehlern des besitzergreifenden Gainsbourg, Birkin befreit sich nicht von ihm, sondern von sich selbst. Erst nach zwölf Jahren mit Mitte 30 wird sie erwachsen, nach zwölf Jahren zerstört Jane Birkin die Beziehung zu Gainsbourg.

"Für Serge ist es ein Albtraum. Ich sehe ihn an wie jemand, der gerade ein kostbares Wesen verstümmelt hat. Ich verweigere ihm seine mächtige Liebe, seine Befehle, seine Überlegenheit. Ich will wissen, wie das Leben mit mir ist. Ich muss es wissen.

Ich habe Serge so tief verletzt, dass ich nicht glaube, dass das Leben jemals wieder so sein wird, wie es war."

Mit 72 ist die Zeit der Leidenschaft vorbei. Für Birkin ist die Liebe immer anstrengend, gewalttätig und leidenschaftlich gewesen. Sie sagt: "Es ist eine große Erleichterung, nicht in einer Beziehung zu sein, um ehrlich zu sein. Liebe ist, wie drogenabhängig zu sein. Besser, die Finger davon lassen."

Quelle: Telegraph 

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