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Interview Helen Mirren – "Die sexuelle Befreiung war nur ein großer Betrug"

Helen Mirren
Heute sagt Helen Mirren, dass ihr die erotischen Auftritte in Filmen wie "Excalibur" (r) und "Long Good Friday" sehr unangenehm waren 
© Excalibur/Long Good Friday / PR
Helen Mirren war berühmt-berüchtigt für ihre gewagten Nacktszenen. Doch sie hat sich dabei nicht schön oder lustvoll gefühlt, sagt die große Lady des britischen Kinos. Frei wurde sie erst, als sie eine eiskalte Ermittlerin spielen konnte.

Helen Mirren ist derzeit in einer Mini-Serie als Katherina die Große zu sehen. Sie spielte die Queen und trat in "Der Sturm" auf. In Deutschland wurde sie 1991 mit "Heißer Verdacht" ("Prime Suspect") berühmt, eine Serie, mit der sie als kühle Ermittlerin das Krimigenre neu definierte.

Doch in ihren jungen Jahren war Mirren für Sexszenen bekannt, die auch in den lockeren 1970er Jahren als tabubrechend galten. Etwa in der berüchtigten "Caligula"-Verfilmung, die man getrost einen gewalttätigen Porno nennen kann.

Keine Komfortzone

Luise Gannon sprach für die britische "Daily Mail" mit der berühmten Schauspielerin über ihre wilde Zeit. Glücklich ist sie damit nicht. "Die meiste Zeit meiner Karriere fühlte ich mich unglaublich unangenehm und bedrängt wegen jeder intimen Liebesszene, die ich drehen musste."

In Tinto Brass Kinoporno "Caligula" spielte Mirren die hemmungslose Milonia Caesonia.
In Tinto Brass Kinoporno "Caligula" spielte Mirren die hemmungslose Milonia Caesonia.
© Caligula / PR

Gezwungen wurde sie aber nicht, Mirren zwang sich selbst. "Ich habe mich dazu gedrängt. Für einen Schauspieler geht es darum, sich selbst herauszufordern, sich von Grenzen zu befreien. Ich wollte eine gute Schauspielerin sein." Also verließ sie ihre Komfortzone. "Aber fühlte ich mich dabei sexy? Nein. Schön? Nein."

Und dann gab es dabei immer noch das Moment, dass sie bevormundet und zum Sexobjekt gemacht wurde. "Ich habe mich immer nur unwohl gefühlt."

Stolz auf selbstbewusste Frauen

Heute haben sich die Zeiten geändert, sagt die Schauspielerin. Sie sehe eine ganz andere mutige Generation von Frauen, inspiriert von der #MeToo- bis zur Time's-Up-Bewegung. Mirren ist ein großer Fan der Serie "Fleabag". Sie kennt die Hauptdarstellerin Phoebe Waller-Bridge nicht persönlich, aber bewundert die Rolle. "Sie erzählt, wie es ist, eine Frau zu sein, schamlos, ungezügelt." Fleabag ist eine mit sechs Emmys ausgezeichnete britische Serie von und mit Phoebe Waller-Bridge in der Hauptrolle. Sie selbst hätte als junge Schauspielerin nie so eine freie, ungehemmte Frau spielen können, bedauert Mirren. "Gott, nein. Ich liebe sie, ich liebe diese Sendung, aber das wäre viel zu viel für mich gewesen. Ich wäre gelähmt gewesen, so peinlich wäre es mir gewesen."

Wegen ihrer Rollen wurde Mirren früher sexistisch angemacht. Sie wurde in einer BBC-Sendung gefragt, ob sie mit ihrer opulenten Ausstattung – gemeint war die Oberweite – überhaupt eine seriöse Schauspielerin sein könne. Kritisiert wurde nicht der Moderator, sondern sie, weil sie ihn selbstbewusst zusammenstauchte.

Eine Epoche des Sexismus

"Ich bin in den sechziger Jahren aufgewachsen. Es sollte sich alles um sexuelle Befreiung drehen, aber das war nur ein großer Betrug. Die Männer hatten immer das Sagen."

Ihre Rollen waren immer die Freundin, die Frau, die Partnerin. Anhängsel an die männliche Hauptrolle. Über die Zeit der freien Liebe und der sexuellen Befreiung hat sie heute eine sehr negative Meinung. In der Schule habe ihr jede Woche jemand unter den Rock gegriffen.

"Als die Empfängnisverhütung kam und die Pille für Frauen verfügbar war, nahm sie dir auch das Recht, nein zu sagen. Es gab viel mehr Druck, ja zu sagen, wenn man nicht ja sagen wollte."

Helen Mirren als DCI Jane Tennison in "Prime Suspect" - und ihr Team.
Helen Mirren als DCI Jane Tennison in "Prime Suspect" - und ihr Team.
© Prime Suspect / PR

Der Paukenschlag von "Prime Suspect"

Die Skandale in Hollywood hätten sie nicht betroffen, sagt Mirren. Als sie in die USA kam, sei sie schon zu erfahren und selbstbewusst gewesen. Wirklich befreit habe sie nicht das Swinging London oder die Drogen, die sie als junge Frau nahm, sondern eine Rolle, die sie spielte, als sie bereits 45 war: die Ermittlerin Jane Tennison in der Serie "Prime Suspect".

"Es war das erste Mal, dass ich so eine starke, brillante Frau spielte, die aus Dunkelheit und Licht bestand. Die so einen starken Antrieb hatte und sich nicht entschuldigen musste. Tennison war an niemanden gebunden. Ich liebte sie. Ich liebte es, dass wir diese Frau in die Welt hinausbrachten."

Quelle:"Daily Mail"


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