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Norah Jones: Weicher Jazz und Bio-Soul

Die Meisterin des sanften Lauschangriffes: Norah Jones liefert mit ihrer dritten CD wieder einmal den perfekten Klangteppich für Altbauwohnung, Hotel-Lobbys und WG-Küchen.

Kaum steht sie im Zimmer, schaut sie schon wieder zur Tür. Wäre das hier eine Wohnung, könnte man glauben, in der Küche brenne gleich etwas an. Nein, Norah Jones ist nicht gehetzt, aber na ja, reden heißt, nicht Musik machen zu können, und das hält sie irgendwie für Zeitverschwendung. Die junge Frau mit den dunklen Haaren und den sehr klaren Augen setzt sich hin, ganz vorn auf die Kante eines Sessels, und wartet.

"Miss Jones, wir wollen mit Ihnen über Musik sprechen." Kleine Erleichterung, sie rutscht in den Sessel hinein. Ihr neues Album ist da, "Not Too Late" heißt es und soll die ungewöhnliche Erfolgsgeschichte der 27-jährigen Sängerin fortsetzen. Ungewöhnlich? Das war sie zumindest 2002, als in all dem HipHop- und Pop-Gedröhne auf einmal eine leise, sommerregensanfte Stimme im Song "Come Away With Me", begleitet von spazierend leichtem Klavierspiel, in den Charts nach oben zog. Mehr als 18 Millionen Alben verkaufte die Texanerin mit ihrer musikalischen Melange aus weichem Jazz und Bio-Soul, geboren in den kleinen Klubs und WGs der New Yorker Lower East Side, wohin die Tochter einer US-Amerikanerin und des indischen Sitar-Meisters Ravi Shankar gezogen war.

"Not Too Late" kommt aus derselben Welt professioneller Hausmusik; zusammen mit ihrem Freund, dem Bassisten Lee Alexander, hat Jones das Album im Studio der eigenen Wohnung aufgenommen, und die Musik geht nicht das Risiko ein zu überraschen. Zwar sind manche Songs kratziger und mutiger als zuvor, und in den Texten erzählt Norah Jones Geschichten aus dem Alltag der USA im Krieg, doch die ganze Platte hat immer noch die Rieselfähigkeit, die den widersprüchlichen Erfolg einer Norah Jones ausmacht. Denn so intensiv, penibel und konzentriert sie jedes Lied geschrieben hat, so unintensiv und unkonzentriert wird auch "Not Too Late" hingenommen werden. Die seltsame Qualität ist, dass man ihre Musik hört, aber selten hinhört. Wie aus einem musikalischen Duftspender dürften die Songs wieder durch Coffeeshops, Hotelhallen, Fahrstühle und im Hintergrund von Dinnerpartys wehen.

Es gibt nun Künstler, die wären ob solchen Urteils beleidigt. Und es gibt Musiker wie Norah Jones. "Ist doch schön, wenn einem die Musik im Fahrstuhl gefällt", sagt sie. Und Musik in der Werbung? "Come Away With Me" als Reiseanbieter-Soundtrack? Na ja, sagt sie, "grundsätzlich habe ich nichts dagegen, ist doch besser, in der Werbung gute Musik zu hören als schlechte." So ist das, man kann mit Norah Jones nicht über akustische Umweltverschmutzung reden, weil Töne ihr Leben sind. Man kann mit dem Weltstar Jones aber auch nicht über den Weltstar Jones sprechen, weil sie findet, dass sie keiner ist. "Ich bin nicht berühmt, ich bin vielleicht bekannt, weil viele meine Musik kennen."

Ob sie denn spüre, dass Musik politisch sein könne, ob sie erschrocken gewesen sei, als die Country-Band Dixie Chicks wüst beschimpft wurde, weil sie gegen den Krieg im Irak protestierte? "Nein", sagt sie jetzt schnell, "die haben nicht protestiert, die haben gepöbelt, das war das Problem. Ein politisches Statement muss man gut überlegen und gut formulieren. Ich will ja, dass man mir zuhört und dass sich etwas verändert." Im vergangenen Jahr, sagt sie, ist sie zum ersten Mal wählen gegangen; nun denkt sie gar darüber nach, sich politisch zu engagieren. "Aber das muss man gründlich und genau überlegen." So wie einen Song zu schreiben. Norah Jones sitzt jetzt tief im Sessel, alle Eile ist gewichen. Heinrich Heine sagte einmal, Musik stehe als "dämmernde Vermittlerin zwischen Geist und Materie". Den Satz mag sie.

Jochen Siemens Mitarbeit: Hannes Roß / print
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