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Stuttgart 21 Im Wohnzimmer des Widerstands


Wieder haben Zehntausende gegen den Neubau des Stuttgarter Bahnhofs protestiert. Vermittlungsgespräche wollen sie nur, wenn es einen sofortigen Baustopp gibt, ohne wenn und aber.
Von David Weyand, Stuttgart

Noch sieht alles aus wie ein wenig besuchtes Musikfestival am frühen Morgen: Norah Jones säuselt aus den Lautsprechern neben der Bühne, Kinder mit Luftballons tollen über die niedergetrampelte grüne Wiese und die Baumstämme sind geschmückt mit bunten Transparenten. Wenige hundert Menschen schlendern am Samstagmittag durch den Stuttgarter Schlossgarten. Dass schon wenige Stunden später wieder Zehntausende hier dicht an dicht stehen werden, wirkt in diesem Augenblick unvorstellbar.

Und dennoch ist der Protest gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 allgegenwärtig. Junge Pärchen, Familien mit Kindern und Senioren flanieren bei Sonnenschein am massiven Bauzaun entlang, der in einer Ecke des Parks steht. Gegenüber der Südflügel des Hauptbahnhofs. Viele bleiben vor den angehängten Plakaten der S-21-Gegner stehen oder betrachten die in der Wiese steckenden symbolischen Kreuze. Sie erinnern an die gewaltsame Eskalation einer Schülerdemonstration vor einer Woche. Spontan entwickeln sich entlang des Zauns Diskussionen über den rohen Einsatz der Polizei und die grundsätzlichen Zweifel an dem Megaprojekt. Ganz offensichtlich haben die Leute ein großes Bedürfnis, miteinander zu sprechen.

Wenige Hundert Meter entfernt, am Nordausgang des Bahnhofs, ist es mit der Ruhe vorbei. Hier herrscht kurz vor 15 Uhr großes Gedränge. Aus allen Richtungen, den Unterführungen und aus der Bahnhofshalle strömen die Menschen herbei. Sie schwenken ihre Fahnen, blasen wild in die Trillerpfeifen und können den Beginn der heutigen Großdemonstration gegen Stuttgart 21 kaum erwarten. Man kann die Emotionen und Aggressionen gegen das verhasste Bauprojekt förmlich heraus hören.

Voran die Drahtesel-Demonstranten

Viele scharren schon mit den Hufen, Vorfahrt haben aber zunächst die Drahtesel-Demonstranten. Einige Tausend sind mit ihren Rädern zur ersten Fahrrad- und Inlineskaterdemo gegen S-21 gekommen. Punkt 15 Uhr klingeln sie mit ohrenbetäubender Lautstärke zum Start. Ob mit Alu-, Klapp- oder Liegefahrrad, mit oder ohne Helm, alle wollen zeigen, dass sie gegen die Tieferlegung des Bahnhofs sind. Laut skandieren sie immer wieder: "Oben bleiben! Oben bleiben!", dann rauschen sie davon.

Direkt im Anschluss formieren sich die Fußtruppen. Ganz vorne weg ein großes Banner mit dem Motto der heutigen Demo: "Sofort Baustopp, dann Gespräche". Wieder schwillt ein enormer Lärmpegel an. Trommeln, Pfeifen, Kuhglocken – alles durcheinander und so stark wie möglich. Der Kopf des Zuges setzt sich in Bewegung. Von weitem sieht es aus als ob eine riesige, behäbige Schlange, die eben noch zusammengerollt vor dem Bahnhof lag, sich langsam entknotet und sich durch die Straßen der Stuttgarter Innenstadt schlängelt. Die Schlange, das sind Menschen aller Altersklassen und Schichten. Da steht der Rockkabilly-Rocker mit akurat gegeltem Haar, neben der früheren 68er-Aktivistin in rosa Jeans. Die junge gutbürgerliche Familie mit zwei Kindern, neben dem Punk in der schwarzen Lederkutte mit Nieten. Auch Linken-Chef Klaus Ernst steht ganz unscheinbar mit zwei Begleitern am Straßenrand und schaut dem Treiben zu. Es dauert eine halbe Stunde, bis sich auch die Letzten in Bewegung gesetzt haben.

Ironie als Waffe gegen Mappus

Einer, der sein Rad in der Fußgängerdemo schiebt, bezeichnet sich selbst als "Berufsdemonstrant". Das steht zumindest auf den Aufklebern an seinem Gepäckträger. Dies sei allerdings eher ironisch als Antwort auf den Vorwurf des Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) zu verstehen, wonach nur die üblichen Verdächtigen, eben die "Berufsdemonstranten", aber nicht die Stuttgarter Bürger an sich, an den Protesten teilnähmen. Er selbst sei lange nicht mehr auf einer Demonstration gewesen, aber der Polizeieinsatz vor einer Woche, habe ihm gezeigt, dass S-21 von den Politikern wohl nur noch mit Gewalt durchzusetzen sei. "Unsere Demokratie ist in Gefahr".

Was sie von der Politik halten, das kann man auf den vielen Plakaten lesen: "CDU – ich möchte meine Stimme zurück", "Stuttgart 21. Wahltag = Zahltag" oder "Wir sind das Volk". Noch deutlicher klingt die Kritik aus ihren Kehlen: "Lügenpack!", "Mappus weg!" oder "Baustopp jetzt!". Trotz der deutlichen Aussagen ist der Umzug absolut friedlich. Es ist ein Protest des Bürgertums, nicht der Krawallmacher.

Sie tragen den Widerstand gewaltfrei auf die Straße, obwohl es in ihnen brodelt. Zwar ist der Ministerpräsident den Gegnern von S-21 vergangene Woche erstmals entgegengekommen, als er Heiner Geißler (CDU) als Vermittler präsentierte. "Den hat er aber gleich wieder diskreditiert", schimpft eine ältere Frau, "weil es keinen wirklichen Baustopp gibt". Darüber ärgern sich heute viele der Anwesenden. Für sie heißt Baustopp auch tatsächlich ein vorübergehendes Einstellen der Bauarbeiten. Mappus will aber die Arbeiten rund um das Grundwassermanagement auch im Schlosspark weiter zulassen.

Dorthin strömen die Menschen jetzt wieder nach dem etwa 90-minütigen Rundlauf durch Stuttgart. Die Polizei spricht von 63.000 Teilnehmern, die Veranstalter von rund 100.000. Der Park ist jetzt jedenfalls wieder voll gefüllt. Auf der Bühne spielt eine Ska-Band, ein Zaun trennt die Massen von der Bühne ab. Jetzt könnte man wirklich meinen, dies sei ein Festival. Nur, dass keine kreischenden Teenies in der ersten Reihe stehen und der eigentliche Höhepunkt nicht die Musiker sind. Es sind die Redner auf die alle warten. Es ist eben doch kein gewöhnliches Konzert, schon eher eine Politparty.

Ex-Bahnmanager als Experte des Widerstands

Nachdem die Abschlusskundgebung mehrmals verschoben wird, weil noch immer Tausende vor dem Gelände im Demostau festsitzen, betreten gegen 17 Uhr verschiedene Redner die Bühne. Der Star ist heute Karl-Dieter Bodack. Der ehemalige Bahnmanager und heutige Professor gilt als einer der besten Bahnkenner in Deutschland. Als er spricht, wird es still. Konzentriert lauschen sie seinen technischen Detailerklärungen. Zustimmendes Kopfnicken in der Menge, man hat den Eindruck als spreche Bodack zu seinen Fachkollegen. Dann macht er ihnen noch etwas Hoffnung: Direkt aus dem Bahntower in Berlin habe ihn die Nachricht erreicht, dass die Gegner von S-21 jetzt eine 50-Prozent-Chance hätten, den Bahnhof tatsächlich zu verhindern. "Mit friedlicher Hartnäckigkeit und hartnäckiger Friedfertigkeit können wir diese Chance noch erhöhen", ruft er dem Publikum zu. Tosender Beifall brandet auf.

Zum Schluss wird’s nach den technischen Details noch einmal gesellig. Unter Anleitung des "Wortakrobaten" Timo Brunke singen alle zusammen das Lied "Freude schöner Kopfbahnhöfe" zu Beethovens Original-Melodie. Extra dafür wurden 30.000 Zettel mit dem Liedtext verteilt. Offenbar haben die Protestler aber zuvor schon auf der Demo alles herausgebrüllt, denn es ist vor allem Brunke, der singt, während der Rest mitnuschelt. Da kommt eine süffisant vorgetragene Geschichte des Autoren Heinrich Steinfest über die S-21 Befürworter wohl allen gerade Recht. Er vergleicht sie mit den Aristokraten in Versailles, die auch nicht mehr mitbekamen, was die Bürger außerhalb ihrer Schlösser wirklich wollten.

Bevor die Menge auseinandergeht, ruft eine Sprecherin noch dazu auf, dass jeder seinen Müll mitnehme, denn "der Schlosspark bleibt auch für die nächsten Wochen unser Wohnzimmer".


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