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Leslie Mandoki "Wir müssen Gier durch Achtsamkeit ersetzen - wenn Merz Kanzler wird, haben wir nichts gelernt"

Leslie Mandoki
Leslie Mandoki hat sich während der Ausgangsbeschränkungen in sein Haus am Starnberger See zurückgezogen.
© Mandoki Soulmates
Er hat Angela Merkels Telefonnummer: Leslie Mandoki ist ein einflussreicher Musikproduzent. Im Interview mit dem stern spricht er über seinen neuen Song, die Lehren aus der derzeitigen Krise und warum er Friedrich Merz nicht wählen würde.

Herr Mandoki, Ihr neuer Song heißt "Thank you". Sie danken darin Ärzten, Krankenschwestern und Polizisten. Sind das die neuen Helden in Deutschland?

Ja. Doch nicht nur sie. Alle Menschen, die das Leben in dieser Krise aufrechterhalten, sind Helden. Angefangen von der Kassiererin im Supermarkt bis hin zu den Helfern bei der Müllabfuhr oder dem Mechaniker bei den Wasserwerken. Sie machen ihren Job. Und das ist in dieser Zeit heldenhaft.

Leslie Mandoki
Leslie Mandoki, 66, in seinem Tonstudio in Tutzing am Starnberger See. Der gebürtige Ungar, der 1975 nach Deutschland flüchtete, ist gut im Geschäft. Er besitzt eines der besten Tonstudios Europas. Nur einen Kilometer entfernt wohnt er mit seiner Frau Eva, einer Ärztin. Hier wuchsen auch die drei Kinder auf. Und Mandoki ist ein fleißiger Netzwerker. Die Telefonnummern von Literaturnobelpreisträger Imre Kertész und dem ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow finden sich ebenso in seinem Handy wie die von Größen aus Wirtschaft und Kultur. Mandokis Leidenschaft gilt Rock und Jazz. 2019 ist sein neues Album "Living tn the Gap / Hungarian Pictures" erschienen.
© Tobias Hase / DPA

Ihre Frau ist Ärztin, hat eine eigene Praxis. Wie hat sich ihr Job verändert?

Sie ist die erste Anlaufstelle für die Sorgen und Nöte der Menschen. Sie hält ihre Praxis offen, obwohl Schutzkleidung bis Anfang der Woche gefehlt hat, sie hat also sogar ohne richtigen Mundschutz gearbeitet, weil es keinen gab. Ich bewundere ihren Einsatz und das Engagement aller Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Wenn wir den Wahnsinn hinter uns haben, werden wir aber darüber sprechen müssen, was sich in Deutschland verändern muss.

Wie meinen Sie das?

Müssen Krankenhäuser wirklich in AGs verwandelt werden, um Profite für Fonds zu erwirtschaften? Oder sollten sie nicht in der Hand der Allgemeinheit sein? Wie früher, bevor der Neoliberalismus beziehungsweise die Liberalisierung der Finanzmärkte die soziale Marktwirtschaft bedrängte. Das Gleiche gilt für Wasser- und Stromwerke. Dieser Wahnsinn, alles zu Profit machen zu wollen und mit allem spekulieren zu dürfen, muss aufhören.

Viele Krankenhäuser waren davor unrentabel.

Ja, aber ein Krankenhaus sollte nicht wie ein Unternehmen geführt werden, sondern wie eine Heilanstalt. Es sollte keine Gewinne erwirtschaften müssen. Die Folgen der Verkäufe der Krankenhäuser spüren wir gerade. Betten wurden abgebaut, alles wurde auf Effizienz getrimmt, Stellen gestrichen. Und obwohl viele Krankenhäuser mittlerweile Gewinne machen, sind die Gehälter von Krankenschwestern schlecht.

Sie haben die Wahlkampf-Songs für die CDU gemacht. Wie passt das mit Ihrer Haltung zusammen?

Wir transferieren Gemeinschaftsgeld in Zockerhand. Da war ich schon immer dagegen und werde es immer sein. Wir müssen aufwachen. Wir müssen aus dieser Krise so rauskommen, dass die Gier durch Achtsamkeit ersetzt wird. Uns dürfen nicht die gleichen Fehler wie nach der Lehman-Pleite und der Finanzkrise passieren, als nach wenigen Monaten das Spekulantentum munter weiterging. Wie kann es sein, dass wir immer noch zulassen, dass an der Börse auf sinkende Kurse gewettet werden kann? Die wetten auf unseren Untergang. Wahnsinn. Der Casinokapitalismus muss hier und jetzt ein Ende finden. Zurück zur Menschlichkeit.

Sie haben die Telefonnummer von Angela Merkel. Haben Sie Ihr das gesagt?

Ich habe sehr viel Respekt vor ihr und schätze Angela Merkel sehr. Es ist ein Glücksfall, dass wir in dieser Krise eine Naturwissenschaftlerin an dieser Position haben. Ich will mich jetzt nicht als ihr Ratgeber aufspielen und sie mit meiner Meinung belasten, nur, weil sie meine Arbeit als Künstler schätzt. Sie muss ihre ganze Kraft für uns einsetzen und das tut sie mit beeindruckender Charakterstärke. Aber ich bin mit vielen Menschen, auch Politikern, im Austausch.

Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen in Deutschland näher zusammenrücken?

Es gibt eine große Solidarität. Unter Nachbarn, unter Freunden und in der Familie. Die Menschen entdecken sich gerade neu. Jeder versucht irgendwas zu machen und zu helfen. Das ist großartig. Wichtig ist, dass wir diese neue Achtsamkeit in unser Leben und unsere Gesellschaft überführen.

Glauben Sie, dass nach der Krise andere Werte in den Vordergrund rücken und wir daraus lernen können?

Mein persönlicher Indikator dafür: Wenn Friedrich Merz Kanzler wird, der bei Blackrock Aufsichtsrat war und ein Vertreter des Finanzkapitalismus ist, haben wir nichts gelernt. Wir müssen den Spekulanten ihre Macht entreißen. Arbeit schafft gesellschaftlichen Mehrwert, und nicht die Spekulanten, so ist meine Vorstellung. Die Plattformen für Spekulationen dürfen wir nicht einfach irreführend Märkte nennen, und Spekulanten nicht Investment Banker, denn beide haben weder mit Investment noch mit den klassischen Bankern etwas zu tun.

Sie sind Musiker. Wie hat sich Ihre Arbeit in der Krise verändert?

Es ist eine neue Erfahrung. Auch wenn ich oft Gedichte schreibe und Bilder male, bin ich kein Schriftsteller und kein Maler, der alleine für sich arbeitet. Musik machen lebt von Gruppendynamik. Jetzt ist alles verändert. Mein Studio ist verwaist, da arbeiten normalerweise 16 Leute. Ich wäre normalerweise jetzt in Amerika und würde für die Mandoki Soulmates Interviews geben. Jetzt sitze ich zuhause für die Vorbereitung unserer Album-Veröffentlichung Dieser Zwang führt auch mich zu neuem Denken. Das ist auch für mich als Künstler wie für alle eine große menschliche Herausforderung.

Was wird das Erste sein, dass sie nach Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen machen?

Am ersten Montag danach werde ich mit allen Mitarbeitern, Musikern, Tonmeistern in mein Studio gehen – in Weihnachtsfeierbesetzung sage ich dazu. Wir werden alle zusammen Party machen und singen. Dass wir alle gesund geblieben sind.

Mit welchem Song?

Wir werden "Daydream" singen. Das ist normalerweise unser Schlusssong, unsere Zugabe. Aber er passt wunderbar. Und natürlich "Imagine" von John Lennon. Denn ich glaube, es ist an der Zeit, eine bessere Welt zu bauen. Nicht nur ich, wir alle miteinander.


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