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Interview

Leslie Mandoki: Was macht eigentlich der Dschinghis-Khan-Typ heute?

Leslie Mandoki ist einer der erfolgreichsten deutschen Musikproduzenten und gerade mit neuem Album auf Tour. Mit dem stern sprach er über seine Musik, das politische Versagen seiner Generation, die Zeit bei Dschinghis Khan und den Eurovision Song Contest.

Leslie Mandoki (Mitte) bei einem Fernsehauftritt mit Dschinghis Khan 1979

Leslie Mandoki (Mitte) bei einem Fernsehauftritt mit Dschinghis Khan 1979

Picture Alliance

Im Tourbook zu seinem neuen Album "Living in the Gap / Hungarian Pictures" nimmt er sich selbst auf die Schippe: Leslie Mandoki zeigt sich auf einem Foto 1979 bei einem Konzert mit Ralph Siegels Retorten-Gruppe in der Münchner Olympiahalle. Mandoki trägt eine goldenen Hose und ist oberkörperfrei. Wenige Wochen zuvor wurde die Band beim Eurovision Song Contest Vierte. "Das war es jetzt für alle, die sich fragen: Was macht eigentlich der Dschinghis- Khan-Typ heute?", steht darüber. Früher war es ihm peinlich, auf seine Zeit bei Dschinghis Khan angesprochen zu werden. Heute steht er darüber.

Mandoki ist einer der erfolgreichsten deutschen Musikproduzenten. Er hat Hits für Engelbert, die No Angels, Jennifer Rush, Lionel Richie oder Phil Collins produziert. Außerdem macht er Musik für die Industrie – unter anderem Audi und VW. Wer in einen A8 steigt, hört eine Meldodie, die aus seiner Feder stammt. Auch Wahlkampflieder für die CDU und die FC-Bayern-Hymne verfasste Mandoki. Doch seine Leidenschaft gilt Rock und Jazz. Gerade ist sein neues Album "Living in the Gap / Hungarian Pictures" erschienen.

Herr Mandoki, wir sind hier im Hotel Atlantic, in dem Udo Lindenberg wohnt. Haben Sie sich schon mit ihm verabredet?
Wir haben uns heute leider knapp verpasst, aber wir sehen uns regelmäßig und telefonieren häufig.

In Ihrem Handy sind die Kontakte von Musiklegenden wie Lionel Richie und Phil Collins gespeichert, für Ihr neues Album "Living in the Gap / Hungarian Pictures" haben Sie mehr als 20 Größen aus Rock und Pop zusammengeführt, darunter Bobby Kimball von Toto, Ian Anderson von Jethro Tull oder Jesse Siebenberg und John Helliwell von Supertramp. Sie sind der am besten vernetzte Musikproduzent der Welt, oder?
Ich arbeite mit vielen Weltstars zusammen, das stimmt. Wenn sie in mein Studio in Tutzing am Starnberger See kommen, sind es aber keine Stars, sondern Musiker. Viele wohnen dann auch bei mir. Wir quatschen zusammen und wir arbeiten an dem, was uns Freude macht – unseren Songs. Es geht dabei sehr familiär zu. Die Mandoki Soulmates sind eine musikalische Wertegemeinschaft, ein Haufen idealistischer Rebellen mit unbändiger Spielfreude.

Leslie Mandoki

Leslie Mandoki, 66, in seinem Tonstudio in Tutzing am Starnberger See. Der gebürtige Ungar, der 1975 nach Deutschland flüchtete, ist gut im Geschäft. Er besitzt eines der besten Tonstudios Europas. Nur einen Kilometer entfernt wohnt er mit seiner Frau Eva, einer Ärztin. Hier wuchsen auch die drei Kinder auf. Und Mandoki ist ein fleißiger Netzwerker. Die Telefonnummern von Literaturnobelpreisträger Imre Kertész und dem ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow finden sich ebenso in seinem Handy wie die von Größen aus Wirtschaft und Kultur. Mandokis Leidenschaft gilt Rock und Jazz. Gerade ist sein neues Album "Living tn the Gap / Hungarian Pictures" erschienen. Ab Ende Oktober ist er mit den Mandoki Soulmates in Hamburg, München, Dortmund und Berlin zu sehen.

DPA

Wie kam es zu der Idee, nach zehn Jahren ein neues Album mit den Mandoki Soulmates zu machen?
Die Organisatoren der Grammy Awards haben uns Anfang 2018 eingeladen, im Umfeld der Verleihung zu spielen. Das Publikum war total begeistert, spendierte uns standing ovations, die New Yorker Presse hat uns gefeiert und ich dachte: Was soll jetzt noch kommen? Ich sagte meinem Sohn Gabor, wenn ich nochmal ein neues Album machen würde, dann müsste es das beste meines Lebens sein. Also habe ich mich lieber hinter anderer Arbeit versteckt. Als ich nach der musikalischen Gestaltung einer Show in Peking auf dem Weg zurück zum Flughafen war, rief mich Gabor an und erzählte mir, dass ich statt nach Hause nach Bali fliegen würde und das beste Album meines Lebens schreiben solle.

Er hat Sie ins Exil geschickt?
Ja, ich war 15 Tage in der Einöde. Und dafür bin ich ihm dankbar. Ich hab täglich 20 Stunden Songs komponiert und Texte geschrieben. Ich wollte, dass dieses Album mein künstlerisches Vermächtnis wird. Das Statement eines Europäers, der in der Welt zuhause ist. Das Album bricht mit allem. Es ist rebellisch und unglaublich kraftvoll.

Es ist ein sehr politisches und kämpferisches Album geworden. Sie sprechen in Ihren Songs viele aktuelle Probleme an.
Hier geht es um die Verantwortung des Künstlers. Und um die Frage, was ich mit Musik bewegen kann. Ich war immer fasziniert von der Idee, dass Kunst, vor allem Rockmusik, ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft ist. Sogar sein muss. Beim Schreiben des Albums habe ich die letzten 30 Jahre reflektiert und kam zu dem Ergebnis: Meine Generation hat versagt. Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, regnete es Glück vom Himmel und wir hatten die Chance eine humane, achtsame, tolerante, bunte Republik zu bauen. Stattdessen haben wir durch grenzenlosen Egoismus ein extremes soziales Ungleichgewicht geschaffen und die Natur nachhaltig zerstört. Unsere Gesellschaft in Deutschland und in Europa ist gespalten, nicht nur von Ost nach West, auch von Nord nach Süd. Ich will mit meinen Songs wieder das Verbindende in den Vordergrund stellen anstatt das Trennende.

Helene Fischer hat zusammen mit Kerstin Ott das Lied "Regenbogenfarben" gesungen, in dem es um eine offene und tolerante Gesellschaft geht. Haben Sie schonmal daran gedacht, Ihre Botschaften auf Deutsch rüberzubringen?
Nein. Wir sind eine anglo-amerikanische Band, in der auch einige Deutsche sind. Deshalb singen wir auf Englisch.

Viele kennen Sie noch als den einen, der damals bei Dschinghis Khan mitgesungen hat, obwohl das inzwischen 40 Jahre her ist. Ärgert es Sie, wenn Sie darauf angesprochen werden?
Nein. Bei Ralph Siegels Label Jupiter Records hatte ich mich als Rockmusiker beworben, aber er brauchte mich für Dschinghis Khan. Heute denke ich mir, ich hätte die Zeit einfach mehr genießen sollen. Damals habe ich das nicht so entspannt gesehen.

Es war Ihnen peinlich.
Mir ist Dschingis Khan heute nicht mehr peinlich, es ist so lange her und spielt keine Rolle in meinem Leben. Aber ich hatte in dieser Zeit auch viele wertvolle Begegnungen, aus denen Freundschaften fürs Leben wurden, wie zum Beispiel zu Peter Maffay und Thomas Gottschalk.

Haben Sie noch Kontakt zu den Bandmitgliedern?
Wir wollten uns immer mal treffen, so eine Art Abiturtreffen. Dazu ist es aber nie gekommen. 

Sie haben damals mit Dschinghis Khan beim Eurovision Song Contest teilgenommen und wurden Vierte. Verfolgen Sie den Wettbewerb noch?
Ich kenne ein paar Songs aus den vergangenen Jahren. Den deutschen Teilnehmer 2018, Michael Schulte, fand ich unglaublich gut. Auch interessiert mich, wen Ungarn zum ESC schickt. Aber es ist nicht so, dass ich vorm Fernseher sitze und mitfiebere.

Würde es Sie reizen, mit einem eigenen Song daran teilzunehmen?
Beim Eurovision Song Contest steht aus meiner Sicht mehr das Fernseh-Spektakel im Vordergrund, als die echte musikalische Relevanz. 


Die Mandoki Soulmates sind ab Ende Oktober in folgenden Städten auf Tour:

- Hamburg, 31. Oktober, Laeiszhalle

- München, 7. November, Circus Krone Bau

- Dortmund, 8. November, Konzerthaus Dortmund

- Berlin, 9. November, Konzerthaus Berlin

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