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Madonna "Hard Candy": Keine Experimente

Mit ihrem neuen Album "Hard Candy" setzt Madonna ihren Weg in die Future Disco fort, trotzdem scheint die Zeit der Experimente vorbei zu sein. Statt neue Talente zu entdecken, holt sich die "Queen of Pop" lieber Erfolgsproduzenten ins Haus. Madonna ist nicht mehr up to date.

Von Jens Maier

Fürchtet euch nicht! Das ist die Botschaft, die Madonna mit ihrem neuen Album "Hard Candy" in die Welt schickt. Fürchtet euch nicht vor der bösen 50. Die kommt im August auch auf die Disco-Queen zu und trotzdem sieht sie so heiß aus wie 1983 auf ihrem Debütalbum "Madonna". Auf dem neuen Cover zeigt sie makellose Haut und anrüchiges Schwarz. Nein, vor Falten scheint die Disco-Queen keine Angst zu haben. Dafür offenbar umso mehr vor allzu großen Musik-Experimenten.

Das Erfolgsrezept Madonnas ist es seit über 25 Jahren, sich die richtigen Produzenten ins Studio zu holen. Bei "Like a Virgin" war das 1984 Nile Rodgers, der schon Michael Jackson zu starken Rhythmen verholfen hatte, danach folgten Star-Produzenten wie Dallas Austin (1994, "Bedtime Stories"), William Orbit (1998, "Ray Of Light") oder Mirwais Ahmadzaï (2000, "Music" und 2003, "American Life"). Manchmal hatten die Produzenten bereits vor ihrer Zusammenarbeit mit Madonna Erfolg, häufig aber stellte der sich erst danach ein. Das zeigte, wie experimentierfreudig Madonna war.

Eine Amerika kritische Madonna floppt

2003 aber passierte, was einer Madonna nicht hätte passieren dürfen und was offenbar tiefe Narben im Gemüt der Disco-Queen hinterlassen hat. Ihr Album "American Life" floppte - zumindest in den USA. Das lag nach einhelliger Kritiker-Meinung nicht an der Musik, schließlich war das Album eine konsequente Fortführung des bis dato erfolgreichsten Madonna-Albums "Music", sondern an der politischen Botschaft der Single-Auskopplung "American Life". Die kam mitten im dritten Irak-Krieg, die Welt schien sich gegen die USA und George W. Bush verbündet zu haben, und so auch die in London lebende Sängerin Madonna.

Ihr Musikvideo zu "American Life" war ein massives Statement gegen den Irak-Krieg: Am Schluss des Clips war ein George-W.-Bush-Double zu sehen, das sich mit einer Handgranate eine Zigarre anzündet. In Europa und Asien war das Video erfolgreich, nur in den USA nicht. Die patriotischen Amerikaner nahmen Madonna ihren Landesverrat übel, viele Radiostationen weigerten sich deshalb, das Lied zu spielen - die Platte war ihr größter Flop in den USA.

Schon zwei Jahre später, 2005, bastelte Madonna deshalb an einem neuen Album, das ihr endlich zu altem Ruhm verhelfen sollte. Sie konzentrierte sich wieder auf die Musik, mit der ihre Karriere angefangen hatte: Dance-Pop - eine klare Abkehr vom Elektro/Folkpop der Jahre davor. Die vorab veröffentlichte Single "Hung Up" belegte in 41 Ländern Platz eins der Singlecharts und zählt damit zu ihren größten Hits. Nur in den USA haperte es erneut. Zwar war "Confessions On A Dancefloor" auch in den Billboard-Charts Platz 1, doch weigerten sich immer noch viele Radiosender im mittleren Westen Madonna zu spielen. Die Wunde mit der Bush-Karikatur sitzt im Bibel-Gürtel anscheinend besonders tief.

"Hard Candy" zum Erfolg verdammt

Mit "Hard Candy" war für Madonna deshalb von Anfang an klar: Die Platte muss auch in den USA knallen. Ein Blick in die Charts der letzten Monate genügte um zu wissen, mit welchen Produzenten die 49-Jährige dies erreichen könnte: Hip-Hop-Produzent Timbaland, der schon Missy Elliott, Nelly Furtado und Aaliyah zu Charterfolgen verholfen hat, und vor allem Pharrell Williams. Der hat bereits mit Snoop Dogg, Beyoncé, Justin Timberlake, N'Sync und Britney Spears zusammengearbeitet und jetzt sechs der zwölf neuen Songs auf "Hard Candy" zusammen mit Madonna geschrieben. Bereits im Vorfeld der Veröffentlichung betonte Madonna, dass sie seit Jahren ein großer Fan von Pharrell und Timbaland sei.

Und zur Sicherheit holte Madonna gleich noch Justin Timberlake mit ins Studio, der mit ihr zusammen auf der ersten Single-Auskopplung "4 Minutes" zu hören ist. In der Schweiz und in Deutschland sowie in England hat das stark Beat-lastige Duett sofort die Spitze der Charts gestürmt. Nur in den USA hapert es trotz Timberlake noch immer - dort schaffte sie lediglich den Sprung in die Top 10. Das reichte immerhin, um Elvis Presley zu überrunden: "4 Minutes" ist Madonnas 37. Top-10-Hit in den Billboard-Charts - mehr als der "King" hatte.

Dass sich Madonna von den angesagtesten Produzenten Amerikas helfen lässt, ist nur konsequent. Und das Ergebnis hat sich gelohnt. Obwohl viele ein "R'n'B"-Album erwartet hatten, kam mit "Hard Candy" eine Platte heraus, die ihre Wurzeln ganz klar im Pop hat - und damit auch zu Madonnas Anfängen zurückkehrt.

Enttäuschend ist allerdings, dass Madonna erst jetzt auf den Erfolgs-Dampfer Pharrell und Timbaland aufspringt. Früher hätte sie die beiden zwei Jahre vor allen anderen entdeckt. Der Titel "Queen Of Pop" gebührt ihr trotzdem. Aber nur so lange der Erfolgsmotor von Britney Spears und Co. stottert.