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Mando Diao: Die schwedischen Oasis

Sie sind großmäulig wie Liam Gallagher, spielen Gitarre wie der junge Keith Richards und schreiben packende Songs wie die Kinks. Jetzt ist das dritte Album der schwedischen Band Mando Diao erschienen.

Von Kathrin Buchner

"Wolfsstunde" ist in Schweden die Zeit des Morgengrauens zwischen drei und sechs Uhr. Wenn in dunklen Birkenwäldern Ronja Räubertochter auf die Brüder Löwenherz trifft. Eine Zeit zwischen Träumen und Wachwerden, in der das Licht im nordischen Sommer nie ganz verschwindet. Verewigt in Ingmar Bergmans gleichnamigen Film. Für die Bandmitglieder von Mando Diao war die Dämmerstunde fast zwei Jahre lang die Phase reinen Irrsinns: Wenn sie nach den Gigs zu aufgekratzt waren, ins Bett zu gehen, und zu euphorisch, um klar zu denken. Und skurrile Gestalten trafen, mit denen sie wilde Geschichten erlebten.

"Ochrasy" nennt Frontman Björn Dixgard diesen Zustand. Ein Wort, das ihm im Traum erschienen ist, ebenso wie der Name der Band "Mando Diao". Und so heißt ihr drittes Album "Ode to Ochrasy". Darin sind all die Erlebnisse in Songtext und Melodien gepackt. All die Sachen, die ihnen in den vielen Wochen und Monaten on the road passiert sind.

Mit "Lady" im Höhenflug

137 Konzerte, mehr als eine Million Zuschauer, 500 Flüge kreuz und quer durch Europa in fast 18 Monaten. Seit E-Plus vor drei Jahren ihren Song "Lady" in einem Handyspot verwendete, ging es steil bergauf mit Mando Diao. Sie wurden zu den Überfliegern der sowie schon exzellenten schwedischen Gitarrenrockszene, die Bands aus London, Liverpool oder Leeds in nichts nachsteht.

Kindheit in Bullerbü-Idylle

Der Werdegang von Mando Diao ist die klassische Von-der-Schülerband-zu-Headlinern-in-Sportstadien-Geschichte: Aufgewachsen in einer Bullerbü-Idylle mit rot angestrichenen Blockhäuschen im Provinz-Nest Borlänge. Als Teenies klampften sie sich die Finger wund und spielten in jedem Jugendclub. Irgendwann landete ihr Demotape auf dem Schreibtisch von MTV-Moderator Tommy Gärdh, der ebenfalls aus Borlänge stammt. Er wurde ihr Manager und unterschrieb einen Vertrag mit der Plattenfirma EMI. 2002 erschien ihr erstes Album, "Bring 'Em in", aufgenommen im Bandkeller ihres damaligen Keyboarders Daniel Haglund.

Oasis gegen Blur in Schweden

Knarzig, rockig, wild und rotzig. Björn Dixgard Stimme hört sich an wie die von Otis Redding. Nicht glatt gebügelt durch zuviel Technik-Schnickschnack. Authentisch und erdig. Dabei sind die Jungs alles andere als naive Landeier. Sie lernten die Regeln des Showbiz und kapierten schnell, dass es mehr braucht als markante Gitarrenriffs, stylisch-zottelige Haare und schwarze Röhrenjeans, um berühmt zu werden. Also machen sie auf Rock'n'Roll-Poser und glänzen mit markigen Sprüchen. Spielen das alte Rolling Stones-gegen-Beatles, Oasis-gegen-Blur-Spielchen in Schweden.

"Besser als die Who und die Kinks"

Ihr Gegenpart ist schnell gefunden: die bis dato noch erfolgreicheren Hives, vom Sound ähnlich, beim Auftritt aber ungleich manierierter als Mando Diao, nämlich in weißen Smokings mit aalglatt-gegeltem Pomadenhaar. Sie seien "Mannequins", witzeln Mando Diao. Gustav Norén, der Gitarrist mit dem Cindy-Crawford-Muttermal über der Lippe, erzählt gerne Räubergeschichten über die Drogendealer und den Bandenkrieg in Borlänge, und tönt in bester Liam-Gallagher-Hochstaplerei, ihr Debütalbum klänge besser als alles von den Kinks und den Who. Für das Dritte setzten sie noch eins drauf an Prahlerei: Besser als Beethovens Neunte sei "Ode to Ochrasy".

Gutbezahlte PR durch VW-Auftritt

Frechheit siegt. Als der VW-Konzern eine Band suchte, die dem Rebellen-Image ihres Sciroccos gerecht wird, erwies sich Mando Diao als die perfekte Besetzung. Auf der Bühne peitschten sich Björn und Gustav gegenseitig mit ihren Gitarren auf, Mats bearbeitete die Orgel wie ein Berserker und Samuel drosch mit breitem Grinsen auf das Schlagzeug. Und so schwebte die Band passend zum Veröffentlichungstermin des neuen Albums auf einer Plattform in den in grünem Neonlicht erstrahlten Hangar des Berliner Flughafen Tempelhofs ein. Ein genialer Coup: Schließlich waren bei dieser Präsentation der Kult-Auto-Neuauflage etliche Pressevertreter am Start. So reichte es für die eine oder andere Erwähnung in den Hauptnachrichten der TV-Anstalten.

Gutbezahlte PR für ein Album, das unter kuriosen Umständen zustande kam: Als Produzent Björn Olsson erfuhr, dass das Album seiner Schützlinge auch außerhalb Schweden veröffentlicht werden soll, bekam er kalte Füße und schickte ihnen Instruktionen nur noch per SMS. Also produzierten sie selbst. Fürs Abmischen engagierten Mando Diao dann den Engländer Owen Morris, der die ersten drei Oasis-Alben gemacht hatte. Allerdings ohne Vertrag, so dass auch Morris bald das Studio verließ.

Jugendlichen Überschwang erhalten

Die unfreiwillige Eigenproduktion entpuppt sich als Volltreffer. Frisch, empathisch, intensiv. Wie ein Wüstensturm bohrt sich "Ode to Ochrasy" sofort in den Gehörgang, mit dem richtigen Touch Melancholie und einer feinen Süße. Um Klassen besser als das zweite Album "Hurricane Bar": Ein klassisches Nachfolge-Album, bei dem der jugendliche Überschwang des Erstlingswerks verloren gegangen war. Ein bisschen zu glatt, kein rechter Biss mehr.

18 Monate nonstop on the road

Ihrer wachsenden Popularität tat das aber keinen Abbruch. Die Singleauskopplung "Down in the Past" lief rauf und runter in den Gitarrenrock-Clubs von Berlin bis Birmingham. Mittlerweile halten Mando Diao Autogrammstunden in Elektromarkt-Filialen ab und spielten als Headliner bei Musikmagazin-Parties in Stuttgart, Köln und Berlin. Eine ruhelose Zeit in Nightlinern, Flughafenabfertigungshallen und Hotellobbys.

Und so kam massenweise Stoff zusammen für das dritte Album. Aus ihren Begegnungen formten die Jungs von Mando Diao Songtexte: Von "Josephine", einem schwedischen Junkie-Mädchen in London, von Herrn Horst ("Good Morning, Herr Horst"), einem Obdachloser in Schweden, von Killer Kaczynski, der sich ihnen nach einem Gig in München als muslimischer Terrorist vorstellte. Dinge, die einem eben nur in der Wolfsstunde passieren. Die Jungs sind echte Schweden - auch zu später Stunde noch fähig, skurrile Geschichten zu speichern und nicht im Drogennirwana zu enden. Borlänge ist eben doch nicht Brixton.