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MTV Europe Music Awards 2009: Der Pop ist gerettet

Pünktlich zum Mauerfall-Jubiläum haben die europäischen MTV Awards die Hauptstadt übernommen. Während U2 am Brandenburger Tor spielte und Tokio Hotel fast die Bühne abfackelte, machte der Abend vor allem eines klar: Die Zukunft des Königshauses Pop ist gesichert.

Von Sophie Albers

Stoppt die Druckpressen, und holt die Spähtrupps zurück. Die 16. MTV Europe Music Awards haben vor allem eines bewiesen: Wir müssen uns um das Königreich Pop keine Sorgen machen. Ja, der König ist tot. (Natürlich wurde Michael Jackson auch an diesem Abend mit einer Hommage geehrt. Die war sogar lustig und schön: Leute von der Straße sangen seine Hits.) Doch wer es nicht eh schon geahnt hat, dem sei es noch einmal gesagt: Bill Kaulitz hat sich die Krone geholt. Der Sänger von Tokio Hotel wirkt ebenso mysteriös und androgyn wie König Michael in seinen besten Zeiten. Nur für den Moonwalk muss sich das Pop-Volk jemand anderen suchen.

Und dann dieses verzweifelte Fahnden nach einer Nachfolgerin für Madonna. Dabei ist die neue Königin längst da, eingearbeitet, und sie regiert in prachtvoller Schönheit, wenn auch mit strenger Hand: Beyoncés Auftritt in einer monströsen Pralinenschachtel hat die Katy Perrys und Lady Gagas auf ihre Plätze verwiesen. Das war Pomp, Protz und Pop in Vollendung.

Überhaupt Katy Perry. Trotz Strapsen, Herzchen auf der zur Schau gestellten Unterhose, Bettstiefeln und dem ewig zum O geformten Mund hatte das Sternchen, das den Abend moderieren durfte, ungefähr so viel Sexappeal wie der dicke, lederbejackte Einheizer, der in den alle 20 Minuten die Show zerschneidenden Werbepausen auf die Bühne sprang, um die rund 9000 Zuschauer bei Laune zu halten. Nein, eine Frau ist nicht frech und sexy, nur weil sie die beiden Worte pausenlos wiederholt. Perrys Witze waren langweilig und nervig. Zuweilen wirkte die perfekte Show wie abgewickelt, weil ja uninteressant für den US-Markt.

Beyoncé wollte ihren Preis für die beste Künstlerin gleich an Shakira weitergeben. Sie hatte ja schon zwei. Viele der Stars schienen gar nicht richtig da zu sein. Aber das war wohl auch der kurzen Aufmerksamkeitspanne der TV-Kameras geschuldet.

Kollektive Hysterie bei Tokio Hotel

Zwei Höhepunkte hatte der durchwachsene Abend: den Auftritt von Tokio Hotel und die Live-Schalte zum Gratiskonzert von U2 am Brandenburger Tor.

Das Schöne an Tokio Hotel sind neben der Steigerungsfähigkeit der ehemaligen Schülerband aus Magdeburg die Fans. Als die Jungs kurz vor 22.30 Uhr auf die Bühne kommen, plaudert Katy Perry wichtig mit Pete Wentz, Placebo und Juliette Lewis. Doch das interessiert in der riesigen O2-Arena niemanden. Das Tokio-Hotel-typische Schreien fängt an. MTV Awards? Egal? U2? Egal. Wiedervereinigung? Egal! Schließlich wartet Bill Kaulitz in schwarzem Leder und mit Sonnenbrille auf seinen Einsatz. Als er endlich singen darf und hinter ihm auch noch Flammensäulen aufsteigen, ist der dünne Junge wirklich ein König des Pop. Da fängt sogar das Schlagzeug Feuer.

Die Könige des Rock sind es wiederum, die mal eben die deutsche Geschichte kapern. U2 dürfen, was Barack Obama verwehrt blieb: vor der Kulisse des Brandenburger Tors auftreten. Berlin wird zum Stadion, und das Leuchten von Telefondisplays ersetzt die Feuerzeuge, als die Rock-Veteranen zum Abschluss "Sunday, Bloody Sunday" spielen. Jay-Z ist auch mit dabei und ließ sich von historischer Bedeutungsschwere zum Pathos hinreißen: "Ich freue mich auf die Zeit, wenn alle Mauern fallen und es nur noch um Musik geht". Aber es geht doch nur ums Geld, Dummkopf, möchte man sagen. Lässt man dann aber doch, denn in dieser Blase aus Pop, Opulenz und Wir-Gefühl hat die Realität gerade Pause.