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Musikalische Erkenntnisse: Leichter leben mit Mozart

Mozart ist nicht nur in seinem Jubiläumsjahr allgegenwärtig. Als Ikone des Bildungsbürgertums wird er ständig und überall gespielt. Das macht es manchmal schwer, seine Musik zu mögen.

Von Carsten Heidböhmer

Bei uns Zuhause lief ständig Mozart. Vor allem an Sonntagen. Sicher, da war bestimmt auch mal Beethoven dabei, oder Haydn. Vielleicht auch Brahms, Bach oder Schumann. Als Kind war mir der Unterschied noch nicht ganz klar. Für mich war das damals alles das Gleiche: Mozart eben. Und der - so schien es mir damals - war der willige Erfüllungsgehilfe der elterlichen Ordnung und des gediegenen bürgerlichen Wohnzimmers. Damit verkörperte der Komponist alles, was ein junger Heranwachsender ablehnen musste. Und genau darin lag der Grund für meine lang anhaltende Ablehnung seiner Musik gegenüber. Mozart passte einfach nicht meine Welt: Er zwar ganz nett anzuhören, aber doch viel zu sehr auf Konsens getrimmt - und das machte ihn verdammt langweilig.

In diesen Jahren war Rockmusik natürlich deutlich spannender. Aber es war ja nicht so, dass ich klassischer Musik grundsätzlich abgeneigt gewesen wäre: Beethoven, das war ein Kerl! Seine Musik hatte Feuer, da war Zug hinter. Hier hatte ich es mit einem Mann zu tun, der eine Botschaft hatte, der mit seiner Musik etwas ausdrücken und bewegen wollte, auch gegen Widerstände.

Berauschende Wirkung

Mozart dagegen ging es immer nur darum zu gefallen, es allen Recht zu machen. Das konnte natürlich für einen jungen Menschen, der seinen Platz in der Welt erst noch erkämpfen musste, nicht das richtige Vorbild sein. Und so strafte ich Mozart mit Ignoranz. Ich ging ihm aus dem Weg, soweit dies möglich war. Mit dieser Haltung ließ sich sogar das Musikwissenschafts-Studium trefflich überstehen. Schließlich gab es so viele Komponisten, die aufregender waren: Gustav Mahlers berauschende Weltengemälde oder Igor Strawinskys intelligente rhythmische Verschiebungen blieben tagelang im Kopf und lieferten viel Stoff zum Nachdenken. Mozart hatte dagegen die Wirkung eines Feuerwerk: berauschend und schnell verpufft.

Dass es mit Mozart und mir doch noch zu einem Happy End gekommen ist, liegt an seiner Kammermusik: Das himmlische Streichquintett in g-moll eröffnete mir neue Welten: Diese Musik hatte scheinbar unendliche Tiefe, und besaß doch gleichzeitig eine attraktive Oberfläche; sie war in ihrem Innersten unbequem, brachte dies aber auf eine geschmeidige Art zum Ausdruck. Ganz offensichtlich hatte ich mich in Mozart getäuscht: Gerade weil die Musik in so einer hübschen Verpackung daher kommt, ist sie einen zweiten Blick wert! An dieser Musik gab es viel zu lernen, und das nicht nur in musikalischer Hinsicht.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Man muss nicht immer mit dem Kopf durch die Wand gehen. Im Leben erreicht man viele Ziele einfacher, wenn man sein Anliegen charmant hervorbringt! Oder anders gesagt: Der Ton macht die Musik. In der Hinsicht gab es von dem Salzburger Komponisten viel zu lernen. Und so profitieren auch meine Mitmenschen seit Jahren von meiner späten Liebe zu Wolfgang Amadeus Mozart.