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MySpace-Stars: Mit Schlager-Rave in den Sommer

Was den Briten die MySpace-Wunder Arctic Monkeys und Kate Nash sind den Deutschen die Online-Hits von Alexander Marcus und Tobias Lützenkirchen - sie könnten zu den Schlager-Raves des Sommers werden. Aber wie funktioniert eigentlich der Weg von MySpace oder YouTube in den Plattenladen? stern.de erklärt es.

Von Julian Weber

"Ich liebe Euch!" lautet das Motto auf der MySpace-Seite von Alexander Marcus. Im dazugehörigen Foto ähnelt der Berliner Musiker frappierend Sascha Hehn zu besten "Traumschiff"-Zeiten. Wie der Serienheld aus den Achtzigern trägt Marcus weiße Lederslipper und hat einen rosafarbenen Pullover leger über die Polohemd-Schultern geworfen. Sein breites Grinsen wird von rötlicher Solariumsbräune unnatürlich betont. Und als wäre die Fassade nicht schon grell genug, blinken pastellfarbene Buttons auf, um für T-Shirts und Songs zu werben.

Die klingen wie "Lothar Matthäus", informiert die Website. Mit seiner Musik macht Alexander Marcus dann auch die größte anzunehmende Grätsche: Unten herum wummert lupenreiner Technobeat, darüber singt Marcus klischeetriefende Schlagertexte. Die Melodien sind eingängig, nur die Botschaften hat er bis zum Anschlag ins Absurde gedreht. "Hussassa, Hussassa" frohlockt Marcus, "heute brennt die Hütte die ganze Nacht, von Flensburg bis Garmisch und zurück". Dabei singt er nicht Schwiegersohn-kompatibel wie Roland Kaiser in der ZDF-Hitparade vor 30 Jahren, sondern klingt wie einer, der zu viele Happy-Pillen gefrühstückt hat. Doch genau diese schiefe Schnittmenge aus Bumm-Bumm und Hossa-Hossa begeistert landauf, landab die Fans.

Großes Vorbild Spongebob

Meint er es ernst, oder ist er einfach nur durchgeknallt? Man weiß es nicht. Klar ist allerdings: Während die Schlagersendungen im Fernsehen zunehmend an Zuschauern verlieren, wurden die Videos zu den Marcus-Songs "Papaya, Coconut, Banana", "1,2,3" oder "Ciao Ciao Bella" seit Januar bald zwei Millionen Mal auf YouTube angesehen. Und das, obwohl sie mit billigstem Equipment gedreht wurden: Mal taucht Marcus aus einem Baggersee auf, mit einer Schmuckkette aus Plastikhummern um den Hals. Mal hält er mit einer napoleonischen Uniform ein Auto voller Kinder an, stellt einen Weltkugel davor und tanzt wie besessen Breakdance.

Die Mischung aus Trash-Ästhetik und kindlichem Humor habe es ihm angetan, sagt Marcus, die Comicfigur Spongebob sei sein größter Held. Konzerte gibt er mit Vorliebe in Festzelten oder Landdiscotheken wie dem "Gambrinus" in Bad Homburg oder auch im Freizeitland "Fun Parc" in Trittau. Seine Fans singen dann jede Zeile mit, obwohl Marcus' Debütalbum "Electrolore" erst seit ein paar Tagen im Handel erhältlich ist. Den Künstlernamen hat er aus Vor- und Nachnamen anderer Schlagersänger zusammengesetzt. Und zusammengesetzt sei auch sein Stil, den Marcus "Electrolore" nennt, eine Kreuzung aus Electro und Folklore.

Helfende Hände

Der Mann mit dem Gelscheitel ist nach One-Hit-Wondern wie Mina einer der ersten deutschen Popstars, die ihren Erfolg dem Internet verdanken - wie die MySpace-Stars Arctic Monkeys oder Kate Nash in Großbritannien. Für seinen Online-Ruhm ist er aber natürlich nicht allein verantwortlich: Das alles funktioniert nur mit Multiplikatoren, Insidern, die gute Verbindungen haben. So einer ist der Berliner Musiker und Journalist Maurice Summen, der selbst eine kleine Plattenfirma führt und sich mit kleinen Produktionsetats und großen Gesten bestens auskennt.

Vor gut einem Jahr sei er auf Alexander Marcus aufmerksam geworden, erzählt Summen. Seither habe er dessen Videos immer wieder als Links verschickt. So hat wohl auch Kontor davon Wind bekommen, die Plattenfirma von Scooter, die nun Marcus' Debütalbum veröffentlicht hat. Und die Veröffentlichung zeigt, dass das CD-Geschäft noch lange nicht tot ist: Trotz Internet und Downloadplattformen kaufen die Fans das Album wie geschnitten Brot. Marcus, sagt Summen, habe begriffen, wie man in Zeiten nicht-existenter Werbebudgets virales Marketing betreibt: Man setzt auf die Flüsterpropaganda im Internet.

Flüstern und Trommeln

Inzwischen gibt es bei Studi-VZ zahlreiche Alexander-Marcus-Fangruppen. Der Musiker behauptet, mit der Schlagermusik seiner Oma groß geworden zu sein, aber auch längere Zeit in New York gelebt zu haben, wo er House und Techno aufgesogen habe, "wie die exotischen Früchte an der Spezialitätentheke im KadeWe". Schubladendenken sei ihm aber fremd.

Hinter seiner Kunstfigur versteckt sich jedenfalls ein gewiefter Musiker mit Tanzausbildung. Er agiert clever, wirkt dabei dennoch lustig, weil man sich nie sicher sein kann, ob und wie er seine Naivität spielt. Erstaunlich an dieser Karriere ist gerade auch, wie wenig man über Alexander Marcus tatsächlich in Erfahrung bringen kann - und das trotz Internet und Suchmaschinen. Die Fans scheint das jedoch überhaupt nicht stören. Im Gegenteil, sie spielen das Spiel mit.

"Drei Tage wach"

Ein anderer Künstler zeigt, wie man aus dem Internet direkt in die Charts katapultiert werden kann: Der Song "Drei Tage wach" sei zunächst nur als Partygag für seine Freunde gedacht gewesen, erzählt der Münchner Technoproduzent Tobias Lützenkirchen.

Anfang 2008 kam die Frohnatur mit rheinisch-kubanischen Wurzeln nach einer besonders ausgiebigen Clubnacht frühmorgens nach Hause und versuchte, die Erlebnisse und Sprüche der Nacht in einem "Großsstadt-Song" zusammenzufassen. "Bunte Pillen Fete, drei Tage wach/ Puls wie ne Rakete, drei Tage wach" singt Lützenkirchen mit seiner von einem Vocoder verfremdeten Stimme, angetrieben von einem turbogeladenen Schlagzeugbeat. "Es muss rollen", sagt Lützenkirchen über den Drive seiner Musik. Er sei dennoch komplett erstaunt gewesen, wie sein Umfeld von der Euphorie des Songs mitgerissen worden sei. Also schickte er den Song seinem Berliner DJ-Kollegen Oliver Koletzki, der ihn sofort auf Single veröffentlichte.

Koletzkis Mitbewohner, ein Animationskünster und Grafikdesigner, schlug vor, ein Video zu drehen. Eine Woche später liehen sie sich in einem Berliner Kostümverleih Hasenkostüme aus und filmten sich dabei, wie sie in Friedrichshain durch Kneipen und Imbissbuden ziehen. Im Internet ging es dann richtig los: In den ersten zwei Tagen gab es auf Youtube 8000 Hits, dann wurde das Video auf die Startseite von Youtube gestellt und ein Hype begann, der noch kein Ende gefunden hat.

"Ich flippe jetzt nicht aus"

Vor kurzem erschien das dazugehörige Album "Pandora Electronica" und stieg sofort auf Platz 82 in die deutschen Charts ein. "Drei Tage wach" ist inzwischen sogar vom Majorlabel Universal lizenziert worden, es gibt unzählige Remixe, die Radiostation Motor FM spielte den Song rauf und runter, auf Youtube existieren mittlerweile zahlreiche Videos, die Fans des Songs selbst gedreht haben.

Anders als Alexander Marcus ist Lützenkirchen kein Newcomer und "3 Tage wach" auch keine musikalische Eintagsfliege. Der Musiker hat eine lange Karriere als Dancefloorproduzent und DJ hinter sich. In wenigen Wochen bereist er zum fünften Mal Brasilien, wo er auf Technoparties ein Star-DJ ist. "Mir ging es nicht schlecht, ich habe mir bereits einen Namen gemacht und werde darum auch nicht nervös oder flippe jetzt aus." In Deutschland kannte Lützenkirchen vor "3 Tage wach" allerdings kaum jemand. Das hat sich dank Youtube inzwischen geändert.