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Nach dem Tod von Amy Winehouse: Durchgekaut und ausgespuckt?

Wer ist schuldig am tragischen Tod von Amy Winehouse? Für viele ist es die Musikindustrie, die das Ausnahmetalent ausgequetscht und fallengelassen habe. Wie hoch ist der Druck auf Künstler wirklich?

Von Sophie Albers

"Ich liebe die Musik, aber ich hasse das Geschäft", sagt Siouxsie Sioux, ehemalige Punk-Ikone von Siouxsie and the Banshees. Und sie kennt das Geschäft seit einem Vierteljahrhundert. Mit 54 Jahren kann man sie eine Überlebende der Pop-Maschinerie nennen. Ihr ist es besser ergangen als Amy Winehouse.

Die Britin, die am 23. Juli mit gerade Mal 27 gestorben ist, war seit Jahren ein Sinnbild für die Gefrässigkeit des Popgeschäfts, das Künstler emotionslos verarbeitet. Keine andere gab der negativen Seite des Ruhms im 21. Jahrhundert ein so verzweifeltes Gesicht wie Amy Winehouse. Eine Sängerin mit Ausnahmetalent, deren Album "Back to Black" bereits als zeitloses Meisterwerk gilt, die in den vergangenen Jahren jedoch ausschließlich als Drogenopfer außer Kontrolle in Klatschblättern wahrgenommen wurde.

Ein Großteil der Schuldzuweisungen geht an die Musikindustrie. "Amy Winehouse ist sehr talentiert, aber sie ist in der Industrie gefangen, und ich frage mich, wie lange sie noch durchhält", fragte sich Siouxsie Sioux bereits vor vier Jahren. "Es gibt viele talentierte Leute, bei denen man weiß, dass sie eingesaugt und nach einem oder zwei Alben wieder ausgespuckt werden. Und das war's."

Also: Wie groß ist der Druck der Industrie wirklich?

Falsche Schuldzuweisung

"Was soll die Industrie denn tun, wenn ihr ganzes Umfeld, Eltern, Freunde und auch Liebhaber nicht in der Lage sind zu helfen?", fragt <lin kadr="http://www.thomasmstein.de/">Thomas Stein, der seit 40 Jahren im Musikgeschäft ist und 16 davon in der Chefetage von BMG saß, im Gespräch mit stern.de. "Die Industrie ist ab dem Punkt fordernd, wenn Erfolg zu noch mehr Erfolg gemacht werden soll. Aber der Druck kommt auch vom Künstler selbst. Er will ja nicht vor leeren, sondern vor vollen Hallen auftreten. Es ist zu einfach gedacht, der Industrie Schuld zu geben", so der 62-Jährige. Die Industrie habe viele Künstler aufgebaut und stehe auch in schwierigen Zeiten zu ihnen. "Amy Winehouse hat seit fünf Jahren keine Platte gemacht. Da kann der Druck von der Industrie nicht so wahnsinnig groß gewesen sein."

"Ich hatte nicht das Gefühl, dass der Druck bei Amy Winehouse so groß war", meint auch ein ehemaliger Branchen-Insider, der Winehouses Aufstieg miterlebt hat. "Bei zehn Millionen verkauften Alben ist man gnädiger." Er sagt aber auch, dass das Geschäft mit der Musik schon eine Maschine sei, "die einen fertigmachen kann". Die Terminkalender der Künstler - Konzerte, Promo-Touren, Foto-, Video- und Interviewtermine - seien häufig vollgestopft. Dazu kommt der Druck, kreativ zu sein, damit zu gefallen und schließlich der Druck der Berichterstattung: "Man kann sich nicht davon frei machen, was die Klatschpresse erzählt". Es sei ein "hartes Geschäft", weniger glamourös als angenommen, "wenn man eine Platte nach der anderen machen muss, um im Geschäft zu bleiben".

Ausgeflippt bis um fünf Uhr morgens

Das eigentliche Problem beginne, so Stein, wenn der Star nicht mehr im Mittelpunkt steht. "Nach der Show, nach der Tour." Dann könne es nämlich passieren, dass er Ausflüchte suche. "Ich habe mal einem Künstler ein Applausband geschickt, weil er nach einer erfolgreichen Tour ziemlich aggressiv war. Das hat dann er abends, wenn er sonst auf die Bühne ging, eingelegt, um sich zu entspannen. Das Loch danach ist viel tiefer, als der Motivationsschub, den der Erfolg bringt."

Ein gefährlicher Augenblick, sagt auch Siouxsie Sioux: "Es ist mühsam und verdammt schwierig wieder runterzukommen. Deshalb gibt es auch diese ganzen verwirrten, kaputten Leute. Du kannst nicht einfach sagen: Okay und jetzt gehe ich schlafen, während deine Energie unter der Decke hängt". Deshalb habe sie sich damals "taub getrunken", sei ausgegangen, ausgeflippt bis fünf Uhr morgens. "Aber irgendwann kriegst du eben mit, dass du dich um deine Stimme kümmern musst, dein Instrument. Du musst dich selbst runterholen. Touren ist hart. Wenn du reif genug bist, kapierst du, dass du dich nach der Show disziplinieren musst. Du kannst nicht auf dem Level weitermachen, sonst machst du dich kaputt."

So wie Amy? "Ja, so wie Amy."

Vertragsklausel für Problemfälle

Aber die Industrie hat Winehouse auch Hilfe angeboten. 2009 verkündete Marc Marot, Ex-Chef von Island Records, wo Winehouse ihre Karriere begann, jedenfalls dass es ein vertragliches "Sicherheitsnetz" für problematische Künstler geben solle. Die entsprechende Klausel erlaube dem Label einzugreifen, wenn Stars Probleme mit Drogen, Magersucht oder Depressionen hätten. Aber man könne nichts tun, wenn ein Künstler nicht selbst damit aufhöre, sich zu zerstören, sagt der Musikmanager heute.

"Wenn ein Kranker sich nicht heilen lassen will, dann will er das nicht", sagt auch Stein. "Amy Winehouse war 27, da darf sie über sich selbst bestimmen. Die Lehre aus all dem kann nur sein: Wenn dir geholfen werden soll, musst du dir auch helfen lassen."

Zwei Gedanken habe er im Kopf gehabt, als er von Winehouses Tod erfuhr, sagt Stein: "Es ist verdammt traurig, dass eine solche Ausnahmekünstlerin so früh von uns gegangen ist" und "Jetzt hat sie es hinter sich".

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