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Neues "Heino"-Album: Wenn das Edelweiß verdorrt

Gegen die Sonne half Heino bislang eine Brille, doch jetzt scheint sie ihm auch noch aus den Händen. Für sein neues Album hat sich der Schlagerbarde bei Rammstein und den Ärzten bedient. Herrlich.

Von Jens Wiesner

Natürlich ist es ein PR-Coup. Natürlich ist der Skandal nicht wirklich einer. Aber, heidewitzka, was für ein Spaß. Ausgerechnet Heino, der Godfather of Volkslied, der Mann, dessen Haselnuss die Omi so gern in Dauerschleife hört, covert auf seiner neuesten Platte Pop- und Punksongs. Schwarze Sonne statt schwarze Barbara. Totenkopf-Fingerring statt Enzian im Knopfloch. Was war da nur geschehen? Eine verlorene Wette mit Florian Silbereisen? Hatte die Sonne von Mexiko zu stark auf des Barden Haupt gebrannt?

Als "persönliche Hommage an die deutsche Rock- und Popmusik" bezeichnet der Troubadour der Bundesrepublik sein Album selbst - und kokettiert einmal mehr mit seinem Image als Urgestein der Volksmusik. Ist Heino jetzt also böse geworden? Oder zumindest ein bisschen evil, wie die Ärzte sagen würden? Vor allem: Darf der das? Um Erlaubnis fragen musste der 74-Jährige jedenfalls nicht für seine Interpretationen. So lange nicht wesentlich in Text und Harmonien herumgepfuscht wird, ist ein Cover in dieser Form in Deutschland erlaubt.

Aber, ganz abgesehen von der rechtlichen Lage, vergreift sich hier nicht ein Mann an den Klassikern einer ganzen Generation? An Liedern, die kraft- und protestvoll angetreten sind, all die seichten Melodaien der Nachkriegsgeneration niederzubrüllen? Erst einmal: Wenn die Toten Hosen (als Rote Rosen) sich an Weihnachtsliedern vergreifen und die Punk-Allstar-Band Me First and the Gimme Gimmes Wonders Schmalzballade "I Just Called to Say I Love You" ins Mikro rotzt, warum sollte es andersherum verboten sein? Punk per se als höhere Musikform abzutun, einer Interpretation im Schlagermantel nicht würdig, ist hochnäsig und einer echten Punkt-Attitüde ("Scheiß drauf!") unwürdig.

Wieviel Schmalz verträgt der Punkrock?

Warum also stoßen sich so vielen Menschen daran, wenn Heino ein paar Pop- und Rocksongs mit seinem unnachahmlichen Rrrrrr veredelt? Weil der Mann mit dem bürgerlichen Namen Heinz Georg Kramm uns mit exakt diesen Coversongs den Spiegel vorhält. Und plötzlich ploppt in unserem Hirn die unangenehme Frage auf: Ist das, was mittlerweile als Punk und Rock verkauft wird, eigentlich noch "the real thing"? Oder haben es sich unsere geleibten Protestbands von damals längst im Establishment bequem gemacht? Ironie als Ausrede, um ganz im Schlagersinne über das ganz große Gefühl zu singen? Hand aufs Herz: Die Texte der Endlich-singen-wir-wieder-deutsch-Post-Wir-sind-Helden-Generation sind längst näher dran am Edelweiß als an Claudias Schäferhund. "Rock 'n' Roll Realschule" statt "Rock 'n' Roll Highschool".

Beispiel gefällig? Hören wir mal in Heinos Platte. Peter Fox sang: "Und am Ende der Straße steht ein Haus am See. / Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg. / Ich hab 20 Kinder, meine Frau ist schön. / Alle komm'n vorbei, ich brauch nie rauszugehen." Und frei nach den Sportfreunden Stiller: "Ich wollte dir nur mal eben sagen, / dass du das Größte für mich bist. / Und sicher geh'n, / ob du denn dasselbe für mich fühlst?"

War das jemals Rock 'n' Roll?