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New Yorker Geschichten: Zwei Engländer in New York

Eric Clapton und Steve Winwood bespielen den Madison Square Garden. Sie haben eine gemeinsame Geschichte, aber sie haben seit fast 40 Jahren keinen gemeinsamen Abend mehr auf einer Bühne verbracht. Was bringt sie nun dazu?

Von Ulrike von Bülow

Wie einfach es sein kann, ein grandioses Konzert zu veranstalten. Im Madison Square Garden steht an diesem Abend eine Bühne, auf der ein Teppich liegt, der mit seinem biederbraunen Muster an das erinnert, was man aus dem Wohnzimmer seiner Großmutter kennt. Die Bühne ist nach allen Seiten offen, es gibt keine Leinwand, auf der Lichtfeuerwerke gezündet werden, und keinen Podest, auf dem sich Tänzer ganz toll verbiegen. Es ist nichts zu sehen von dem ganzen Bohei, das Weltstars sonst um ihre Konzerte machen, wenn sie sich in Arenen wie diese begeben. Kürzlich sind die Spice Girls hier aufgetreten, bei denen jede Bewegung perfekt choreographiert ist und jeder Designer-Fummel perfekt sitzt, und da geht es vermutlich nicht mehr um Musik, sondern nur noch darum, möglichst gut auszusehen.

Bei Eric Clapton und Steve Winwood scheint es andersrum zu sein. Die Herren stehen nebeneinander auf der Bühne im Madison Square Garden, dreimal treten sie in dieser Woche hier in New York City auf, und Mr. Clapton, 62, trägt heute Abend ein blaues Hemd, das über seiner blauen Jeans hängt, und auf der Nase seine immer gleiche Brille, Modell: randloses Kassengestell. Mr. Winwood, 59, trägt ein schwarzes Hemd, das über seiner grauen Jeans hängt, und beide Herren blicken ziemlich unaufgeregt auf ihre Gitarren, auf denen sie "Had To Cry Today" spielen, den ersten Song des Abends. So sehen wohl Musiker aus, die einfach ihrem Job nachgehen. Und das können sie ja. Clapton, Gitarren-Gott, ist dreimal in der "Rock and Roll Hall of Fame" vertreten, einmal mit den Yardbirds, einmal mit Cream und einmal ganz für sich. Winwood, ein Mann mit der Stimme eines Chorknaben, hatte mit der Spencer Davis Group Hits wie "Keep On Running" und er erhielt für sein Solo-Werk "Higher Love" zwei Grammys.

Blues und Rock und Bluesrock

Es ist das erste Mal seit fast 40 Jahren, dass Eric Clapton und Steve Winwood einen ganzen Abend gemeinsam auf einer Bühne verbringen. "Had To Cry Today" ist der erste Song des Albums "Blind Faith", das die gleichnamige Band 1969 aufnahm und mit dem sie dann auf Tournee ging. Ihre Mitglieder hießen Clapton und Winwood, die sich in dieser Band zusammen fanden, nach dem sich ihre jeweiligen Bands aufgelöst hatten. Das Album bestand aus nur sechs Liedern, und es war das einzige, das Blind Faith je aufgenommen hat - danach trennte sich auch diese Band. Clapton und Winwood waren so oder so erfolgreich, als Bandmitglieder und allein, und nach all den Jahren stehen sie nun hier: Zwei Engländer in New York. Und die Zuschauer im ausverkauften Madison Square Garden jubeln und tanzen und applaudieren.

Diese beiden sind Musik-Geschichte, Clapton noch ein bisschen mehr als Winwood, der aus Birmingham kommt und seinen Weg verhältnismäßig geradeaus und aufrecht gegangen ist. Clapton aber war lange Zeit Genie und Wahnsinn, er war Rock'n Roll, wie man sich ihn vorstellte. Geboren als uneheliches Kind wuchs er bei seinen Großeltern in Surrey auf, sie erzogen ihn in dem Glauben, seine Mutter sei seine Schwester; sie war erst 16, als sie ihn bekam. Er war ein hochbegabtes Kind, später brach er sein Kunststudium ab, um Musiker zu werden. Er war Heroinsüchtig, Alkoholabhängig, er lebte hier und dort und schien nur bei seiner Gitarre wirklich zuhause. Nach diversen Entziehungskuren fand er seine Ruhe, aber dann starb sein kleiner Sohn Conor 1991 bei einem Sturz aus dem 53. Stock eines Hochhauses hier in Manhattan. Seine Trauer verarbeitete Clapton in der Ballade "Tears In Heaven", einem seiner größten Hits, aber der ist an diesem Abend in New York City nicht zu hören, denn das hier ist ein Gemeinschaftsabend, eine Reise in die 60er und 70er Jahre, es geht vor allem um Blues und Rock und Bluesrock.

"Ich sollte wohl mal etwas sagen"

Clapton und Winwood spielen - begleitet von einem Schlagzeuger, einem Keyboarder und einem Bassisten - ihre Blind Faith-Songs, und sie spielen Songs wie "Tell The Truth" und "Crossroads", die Clapton Anfang der 70er Jahre mit Derek and the Dominos aufnahm, und "Pearly Queen", einen Song von Winwood und Traffic, aufgenommen Ende der 60er Jahre. Und sie spielen eine scheinbar endlose Version von Jimi Hendrix's "Voodoo Child". Clapton und Winwood singen mal im Duett, mal wechseln sie sich ab mit dem Gesang, und sie klingen so, als haben sie ihr ganzen Leben miteinander musiziert: Weltklasse. Manchmal lächeln sie sich an, es schaut so aus, als haben sie Spaß miteinander, aber sie verschwenden keine Sekunde mit überflüssigem Gerede: Hier ein "Thank You", da ein "Thank You", that's it. Bis Clapton für ein Stück allein mit seiner Gitarre auf der Bühne sitzt.

"Ich sollte wohl mal etwas sagen", sagt er. Kleine Pause, dann folgt: "Es ist schön, wieder mit Steve zusammen zu spielen." Dann spielt er "Rambling On My Mind", danach verlässt er die Bühne und Winwood tritt allein auf. Er sagt: "Ich sollte wohl auch mal etwas sagen: Es ist schön, wieder mit Eric zusammen zu spielen." Grinsen, dann spielt er am Keyboard "Georgia On My Mind", und danach kommen Clapton und die anderen Herren zurück und es wird noch ein bisschen gerockt. Winwood bringt demnächst ein neues Album heraus und Clapton eine vierstündige Live-DVD, natürlich geht es bei dieser Wiedervereinigung auch um ein bisschen PR, aber die beiden reden weder von einem Album noch von einer DVD, sie machen einfach zweieinhalb Stunden Musik, und das ist heute ja nicht unbedingt Usus. Als alles vorbei ist, denkt man an eine Band wie Coldplay, die ihre Konzerte auch mal nach 59 Minuten beendet, weshalb die Fans dann gewaltig fluchen. An diesem Abend aber sieht man beim Hinausgehen nicht einen schlecht gelaunten Menschen.

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