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25. Jahrestag: MTV Unplugged: Warum Nirvanas legendäres Konzert beinahe zum Desaster geworden wäre

Vor 25 Jahren wurde "Nirvana Unplugged in New York" auf CD veröffentlicht – ein einzigartiges Konzertdokument. Doch dass dieser Auftritt der Band um Kurt Cobain in die Geschichte eingehen würde, danach sah es zunächst gar nicht aus.

Kurt Cobain singt und spielt auf einer akustischen Gitarre bei MTV Unplugged

Kurt Cobain beim MTV-Unplugged-Konzert am 18. November 1993 in New York City. Am 31. Oktober 1994 erschien die Aufnahme des Nirvana-Konzerts auf CD.

Getty Images

Kaum ein Konzert genießt immer noch einen solchen Kultstatus wie die MTV-Unplugged-Show von Nirvana. In New York sollte eine der damals wichtigsten Bands der Welt ihre Hits neu interpretieren und ihnen in einem intimen Setting eine andere, unbekannte Note geben. Das war das Konzept der MTV-Unpluggeds, seit Paul McCartney 1991 zum ersten Mal im Rahmen der Reihe ein Konzert ohne Strom gespielt hatte.

Lange musste der Fernsehsender Geduld haben, dann ließen sich Nirvana schließlich doch erweichen: Am 18. November 1993 spielten Sänger Kurt Cobain, Krist Novoselic, Pat Smears und Dave Grohl eine exklusive Show vor ausgewählten Fans. Am 31. Oktober 1994, vor 25 Jahren, wurde der Mitschnitt als Album veröffentlicht – da war Kurt Cobain schon fast sieben Monate tot. Nicht nur deshalb hat das Konzert musikhistorischen Wert. Doch beinahe wäre einer der legendärsten Auftritte der jüngeren Musikgeschichte in einem Desaster geendet.

Dass der Auftritt zustande kam, war alles andere als selbstverständlich

Dass das Nirvana-Unplugged-Konzert innerhalb kurzer Zeit eine solche Bedeutung gewinnen würde, war zunächst nicht abzusehen. Schon dass der Auftritt überhaupt zustande kam, war alles andere als selbstverständlich. Die Grunge-Band stand dem mächtigen Musiksender MTV eher kritisch gegenüber, Kurt Cobain hatte sich schon zuvor ein kleines Privatduell mit dem Sender geliefert. Bei den MTV Video Music Awards 1992 hatten Nirvana zunächst ihren Song "Rape Me" live performen wollen, das wurde von MTV wegen des expliziten Titels abgelehnt. Cobain stimmte schließlich zu, stattdessen "Lithium" zu spielen, ließ es sich aber auf der Bühne nicht nehmen, zumindest die erste Zeile von "Rape Me" zu singen.

Und auch das Set, das Nirvana für ihre Unplugged-Show einreichten, kam zunächst einer Provokation gleich. Hits wie "Smells Like Teen Spirit" vermisste man dort gänzlich, mit "Come As You Are" war lediglich ein bekannter Song der Band dabei. Überhaupt sollten von den 14 Liedern an dem Abend nur acht von Nirvana selbst stammen, der Rest waren Cover-Versionen von ebenfalls relativ unbekannten Songs – zum Beispiel "The Man Who Sold The World" von David Bowie oder des alten Folk-Songs "Where Did You Sleep Last Night" aus dem 19. Jahrhundert. Als Gaststars brachten Nirvana die Band Meat Puppets mit auf die Bühne, die ebenfalls damals lediglich in der Grunge-Szene bekannt war. 

Dave Grohl: "Wir hatten nicht geprobt"

Beide Seiten – Produzent MTV und die Band – gingen mit einem eher unguten Gefühl in den Abend. "Diese Show hätte eine Katastrophe werden müssen", erinnerte sich Schlagzeuger Dave Grohl Jahre später. "Wir hatten nicht geprobt. Wir waren es nicht gewohnt, akustisch zu spielen. Wir hatten ein paar Proben und die waren furchtbar." Dennoch hatten sich Nirvana einiges vorgenommen. Ihren Lieder einen akustischen Anstrich zu geben war eine echte Herausforderung für eine Band, die sich einiges darauf zugute hielt, bei ihren Shows so durchzupowern, dass kaum noch Zeit blieb, um die Gitarren zu stimmen. Nun versuchten Nirvana etwas ganz Neues, etwas, das ihnen wenige zutrauten.

Wie das aussehen sollte, davon hatten Cobain und seine Mitstreiter klare Vorstellungen. Dem Druck des Senders, ihren größten Hit zu spielen, gaben sie nicht nach. "Es gab keine Chance, dass wir ‘Smells Like Teen Spirit’ mit Akustikgitarren spielen", sagte Grohl rückblickend in einem Interview. "Es hätte nicht funktioniert." Trotzdem war die Unsicherheit auch bei der Band groß. Bei den Proben übertönte Grohl mit seinem Schlagzeug die Akustikgitarren, Novoselic kam mit der Basslinie von "The Man Who Sold The World" nicht zurecht. Und Kurt Cobain, das geniale Enfant terrible, kokettierte bis zuletzt damit, die Show einfach abzusagen. Als er sich dann doch dazu durchrang, die Unplugged-Sache durchzuziehen, bat er seine engsten Vertrauten, sich in die erste Reihe zu setzen – "damit ich nicht so nervös bin", erinnert sich eine Freundin.

Ein Konzert für die Ewigkeit

Heute weiß man, dass darauf ein Konzert für die Ewigkeit folgen sollte. Nirvana hatten die Bühne in einem morbiden Stil mit Kerzen und Lilien dekorieren lassen, fast wie bei einer Beerdigung. Cobain ließ sich in seiner fleckigen Strickjacke, die später mehrmals teuer versteigert wurde, auf einem Bürostuhl nieder und schwenkte darauf während der Songs hin und her wie ein gelangweilter Teenager, Text und Akkorde vor sich auf einem Notenständer. Und trotzdem: Wohl bei keinem anderen Konzert gaben Nirvana im Allgemeinen und Kurt Cobain im Besonderen so viel von ihrer Seele, ihrer Identität preis wie bei jenem MTV Unplugged in New York.

Vor allem die Interpretation seines Songs "Pennyroyal Tea" gilt vielen Nirvana-Fans als das Intimste, was je von Kurt Cobain zu hören war. Vor dem Lied wandte sich Cobain an seine Kollegen und sagte: "Spiele ich den allein?" Schlagzeuger Dave Grohl antwortete: "Spiel ihn allein", und steckte sich eine Zigarette an. Mit geschlossenen Augen spielte Cobain dann das Stück, das von seiner Depression und Krankheit handelt, so allein, wie er sich vielleicht auch innerlich fühlte – auch auf den 26 Jahre alten Video-Mitschnitten noch ein Gänsehautmoment. Wie überhaupt viele andere Momente an jenem Abend. "Man wusste ganz genau, dass gerade Geschichte geschrieben wurde. Kein Zweifel", erinnerte sich MTV-Musikchefin Amy Finnerty. "Man kann sich glücklich schätzen, wenn man einmal im Leben so etwas erlebt."

Biograf: "Man denkt, das war es jetzt"

Dazu gehörte auch der letzte Song des Sets, "Where Did You Sleep Last Night". Cobains Stimme scheint am Ende zu brechen. "Man denkt, das war es jetzt. Alles ist vorbei. Nicht nur die Unplugged-Show, auch Kurt Cobain selbst ist vorbei. Die ganze Karriere von Nirvana ist vorbei", beschreibt Cobains Biograf Charles R. Cross den Moment. Doch Cobain fängt sich noch einmal, die letzte Zeile heult er fast hinaus, dann verlässt die Band die Bühne. Anwesende, die damals backstage dabei waren, berichten, dass MTV-Verantwortliche Nirvana zu einer Zugabe drängen wollten. Aber Cobain antwortete nur: "Ich glaube nicht, dass wir diesen letzten Song toppen können."

Knapp ein Jahr danach, am 31. Oktober 1994, erschien ein Mitschnitt des Abends als Album. Kurt Cobain hatte sich bereits im April das Leben genommen. Eine Veröffentlichung der Unplugged-Session auf CD war zunächst gar nicht vorgesehen gewesen, nach Cobains Suizid aber war das Interesse an der Band noch einmal sprungartig gestiegen. Bis heute gilt "MTV Unplugged in New York" als eines der eindrucksvollsten Konzert-Dokumente.

Quellen: "The Ringer", "The Atlantic",  CBC