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No Angels beim Grand-Prix: Nackte Haut gegen Stimmgewalt

Es war ein Herzschlagfinale: Mit 50,5 Prozent der Stimmen konnten sich die No Angels in der allerletzten Runde beim nationalen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest gegen die Musicalsängerin Carolin Fortenbacher (49.5 Prozent) durchsetzen. stern.de war live in Hamburg dabei, als sich Deutschlands erfolgreichste Castingband halbnackt das Ticket nach Belgrad sicherte.

Von Julia Stanek

Der Wind bläst den vier Engeln ins Gesicht, pastellfarbene Seidentücher flattern um ihre Körper. Es glitzert und funkelt. Dazu die eingängige Melodie des neuen No Angels-Ohwurms "Disappear". Liebreizend trällern die vier Sängerinnen ihre Passagen, die Choreographie sitzt perfekt. Gut so. Denn die "No Angels" werden Deutschland dieses Jahr beim Eurovision Song Contest (ESC) vertreten. Dafür stimmten knapp eine Million Zuschauer, während Thomas Herrmanns, Erfinder des "Quatsch Comedy Clubs", zum dritten Mal in Folge, verbindlich wie eh und je, den Grand-Prix-Vorentscheid moderierte.

Gegen die professionelle Darbietung der No Angels war zumindest die männliche Konkurrenz chancenlos. Die Latino-Band Marquess aus Hannover wäre gerne nach Belgrad geflogen, konnte aber mit ihrem spanischen Popsong "La Histeria" nicht an den Erfolg ihres Sommerhits "Vayamos Compañeros" (2007) anknüpfen. Sowohl musikalisch als auch in Sachen Performance war ihr Beitrag fade - ein lateinamerikanischer Standard-Rhythmus macht eben noch keinen Grand-Prix-Hit. Zweifelhaft ist auch, wie viel "ritmo permanente" die vier Nordlichter überhaupt vertragen.

Die Glamrock-Band Cinema Bizarre wollte zwar die "georgischen Hausfrauen" mit ihrer Mischung aus Pop, Elektro und Rock überzeugen, hätte sich aber lieber überlegen sollen, wie man das deutsche Grand-Prix-Publikum auf seine Seite holt. Mit zittriger Stimme und Manga-Optik jedenfalls nicht, Jungs. Dabei machen die Newcomer nichts anderes als einen Trend aufzugreifen: Während des Auftritts baute sich im Hintergrund eine futuristische Stadt im Stil des Anime-Films "Metropolis" auf. Und mit Einflüssen aus der japanischen Jugendkultur hat schon die Teenie-Band Tokio Hotel große Erfolge gefeiert. Gewöhnungsbedürftig. Durchaus.

Bemerkenswert ist allerdings: Mit ihren 18 bis 22 Jahren gingen die Jungs von Cinema Bizarre beim diesjährigen nationalen Vorentscheid als jüngster Act an den Start. Es ist jedoch fraglich, ob am dürftigen Auftritt der Band tatsächlich bloß die mangelnde Erfahrung und die vorgeblich angeschlagenen Stimmbänder des Sängers Strify schuld waren.

Kann eine Liebeserklärung kitschiger sein?

Als Einzelkünstler ist beim Grand-Prix-Vorentscheid Tommy Reeve angetreten. Der 27-jährige Sänger und Songwriter wollte mit seiner souligen Schnulze "Just One Woman" vor allem die Herzen - und die Stimmen - des weiblichen Publikums erobern. Bei seinem Auftritt am Konzertflügel kam der Münchner als stilsicherer Musiker rüber mit grauen Turnschuhen zum Anzug.

Und weil sich mehr als "nur eine Frau" in Tommys braune Augen verlieben sollte, wurden Nahaufnahmen des Charmeurs auf großen LED-Bildschirmen gezeigt. Während der letzten Takte rieselte Goldregen von der Decke - kann eine Liebeserklärung kitschiger sein? Reeves Monogamie-Ballade jedenfalls wollte bei den Zuschauern nicht so richtig einschlagen. Auch er schaffte es nicht in die zweite Abstimmungsrunde.

Mit dem No Angels-Ohrwurm "Disappear" konnte es nur eine Kandidatin aufnehmen: Die stimmgewaltige Musicalsängerin Carolin Fortenbacher. Die 43-jährige Hamburgerin war der älteste Hase im Musikbiz - immerhin steht sie seit über 20 Jahren auf der Bühne und spielte in den letzten fünf Jahren die Hauptrolle im ABBA-Musical "Mamma Mia".

Mit ihrem Beitrag "Hinterm Ozean" setzte Fortenbacher den dramatischen Akzent des Vorentscheids. Für ihre Fünf-Oktaven-Stimme ist die Sehnsuchtsballade zwar fast anspruchsloser Singsang. Dennoch gab der von Pe Werner geschriebene Titel über eine Fernbeziehung Carolin Fortenbacher die Möglichkeit, ihre Ausdruckskraft zu beweisen. Im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg hatte die Musicaldarstellerin und Mutter einer zwölfjährigen Tochter übrigens mit Abstand den größten Fan-Club: Es gab schrilles Gekreische, Leuchtstäbchen während ihrer Darbietung sowie Standing Ovations und einen tosenden Applaus.

Für alle Kandidaten hatten sich im Vorwege prominente Paten gefunden, die live bei der Show mitfieberten: Moderatorin Kim Fisher schmachtete für Tommy Reeve, das Grand-Prix-Urgestein Katja Ebstein unterstütze Carolin Fortenbacher, Entertainer Oliver Pocher feuerte - mehr oder weniger ernsthaft - Marquess an, der Tagesschau-Sprecher Marc Bator kam für die No Angels aufs Promi-Sofa, und Schauspieler Tetje Mierendorf warb während der Show für Cinema Bizarre um Stimmen. In Wahrheit waren sie da, um ein bisschen Grand-Prix-Nostalgie zu versprühen. Gemeinsam überraschten die Musik-Paten und Moderator Hermanns Katja Ebstein mit einem Schlager-Medley aus ihren Hits "Diese Welt", "Wunder gibt es immer wieder" und "Theater". Immerhin zählt Ebstein zu Deutschlands erfolgreichsten Grand-Prix-Teilnehmerinnen aller Zeiten.

"Die Frauen haben die Männer heute von der Bühne gepustet"

Gleich zu Anfang der Live-Show sollte die Ukrainerin Ruslana, Siegerin des Eurovision Song Contests 2004, dem Publikum mit wilden Tänzen und Pyrotechnik einheizen. Mehr als ein schwefeliger Geruch blieb jedoch nicht im Schauspielhaus hängen. Dann kam die Schwedin Charlotte Perrelli Nielsson, Siegerin von 1999, auf die Bühne gehopst. Und schließlich gab die Gewinnerin von 2007, Marija Serifovic aus Serbien, ihren Grand-Prix-Hit zum Besten. Letztere lockte Oliver Pocher wenigstens einen Witz aus dem Ärmel - ihn erinnerte die Serbin an ein Playmobil-Männchen.

Ein echter Höhepunkt des Abends war der Auftritt des deutschen ESC-Teilnehmers 2007: Roger Cicero. Der Swingsänger verzauberte den Saal noch einmal mit seinem Erfolgshit "Frauen regier'n die Welt". Und genau genommen trifft zumindest an diesem Abend der Text ein bisschen zu. Thomas Hermanns fasst es so zusammen: "Die Frauen haben die Männer heute von der Bühne gepustet."

Die "No Angels" galten zwar bereits vor dem Grand-Prix-Vorentscheid als Favoriten. Sandy, Jessica, Nadja und Lucy legten eine professionelle Performance auf der Bühne hin, ihre perlmuttfarbenen Glitzeroutfits ließen viel Platz für nackte Haut. "Wir haben nichts zu verbergen", rechtfertigt Sängerin Lucy die freizügigen Kostüme. "Wir lieben es Frau zu sein. Und wir lieben es, zu zeigen, was wir können." Stimmlich überzeugte Deutschlands erfolgreichste Castingband zwar nicht, aber wen stört das schon: Sex sells.

Am 24. Mai in Belgrad wird sich zeigen, ob die "No Angels" auch das europäische - und vor allem das osteuropäische Publikum - für sich gewinnen können. Gegenüber der Presse entgegnete Lucy: "Man sollte Europa nicht in Ost und West teilen. Diese Zeiten sind vorbei." Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Außerdem, ergänzt sie, sei ein Teil der "No Angels" auch osteuropäisch - Lucy selbst ist gebürtige Bulgarin, Nadja hat eine serbische Großmutter.

Wie die "No Angels" ihre Chancen im Mai einschätzen? "Darüber denken wir jetzt gar nicht nach. Erstmal sind wir glücklich, dass wir nach Belgrad schweben dürfen." Für Oliver Pocher jedenfalls steht eines fest - Völkerverständigung hin oder her: "Mit diesen knappen Paillettenkostümen werden die No Angels in Osteuropa beste Chancen haben."