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Patti Smith: Die Patin des Punk

Obwohl Patti Smith sich nicht mehr auf Musik beschränkt, gilt sie als die "Patin des Punk". Nun wird die Frau, die es trotz oder vielleicht auch gerade wegen ihrer privaten Tragödien zum Idol schaffte, 60.

Als im legendären New Yorker Kultclub CBGB kürzlich die Lichter ausgingen, stimmte Patti Smith den Totengesang an. Die "Patin des Punk" hatte in dem schmuddeligen Kellerlokal in Manhattans Lower East Side über 30 Jahre immer wieder auf der Bühne gestanden. Dort trug sie ihren "Rock-and-Roll Nigger" vor, mit dem Refrain, der mehr über sie aussagt als jedes ihrer Prosa-Gedichte: "Outside of society/That's where I wanna be." (Außerhalb der Gesellschaft ist der Platz, den ich einnehmen will.)

Smith, die zierliche Amerikanerin mit den vielen Talenten, begeht an diesem Samstag ihren 60-jährigen Geburtstag. Sie wird auch in Deutschland als Rocksängerin und Songwriter, als Dichterin, Schriftstellerin und Künstlerin gefeiert. "Ich verstehe mich als Arbeiterin", sagte sie in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung", und zwar in der Verpflichtung jeder Sache gegenüber, ob ich auftrete, fotografiere, aufnehme oder male."

Veitstänze und Kinderlieder

Bei der Ruhrtriennale 2005 erwies sie sich als Romantikerin, die in Begleitung ihrer Band auf die eigene Biografie und die Geschichte des Rock'n'Roll anspielte. So präsentierte sie dem Bochumer Publikum zum Song "Ain't it Strange" vom Album "Radio Ethiopia" (1976) einen ihrer berühmten Veitstänze. Beim Literaturprogramm am anderen Tag las sie Gedichte von William Blake und Arthur Rimbaud und trug ihr liebstes Kinderlied nach einem Motiv von Hans Christian Andersen vor.

Ihr Debüt-Album "Horses" aus dem Jahr 1975 war wegen seiner poetischen Texte und der grobschlächtigen Gitarrentechnik bei Kritikern sensationell eingeschlagen. Zu diesem Zeitpunkt war Smith in New York jedoch längst bekannt. "Horses" folgten neun weitere Alben, das letzte, "Horses Horses" 2005. Das Fachmagazin "Rolling Stone" räumte Smith auf seiner jüngsten Liste der "100 größten Künstler aller Zeiten" Rang 47 ein. Obwohl Smith in ihrer langen Karriere nur einen einzigen Superhit produzierte - "Because the Night" aus dem Jahr 1978 und mitkomponiert von Bruce Springsteen - hat sie hunderte von Rock-Bands maßgeblich beeinflusst.

Schulabbrecherin unter Intellektuellen

In Chicago geboren und in New Jersey aufgewachsen, musste Patti schon mit 16 die Schule hinter sich lassen und in einer Fabrik arbeiten. Nach einem abgebrochenen Pädagogikstudium und einem Baby, das sie zur Adoption freigab, fand sie unter Intellektuellen und Musikern in New York endlich fruchtbaren Boden. Von ihren Alben brachte ihr "Easter" (1978) den größten kommerziellen Erfolg. In den 1980ern folgte Smith ihrem Mann Fred "Sonic" Smith, dem früheren Gitarristen der Rockband MC5, nach Detroit, hatte zwei Kinder mit ihm und produzierte "Dream of Life", ein weniger vom Punk als Mainstream geprägtes Album.

Fred erlag 1994 einem Herzinfarkt. Wenige Monate später starb auch Pattis Bruder Todd an einem Schlaganfall. Todd war es gewesen, der sie nach dem Tod ihres Mannes gedrängt hatte, wieder öffentlich aufzutreten. Smith folgte seinem Rat. Sie ging mit Bob Dylan auf Tour, trat auch mit Bruce Springsteen auf und nahm nach eineinhalb Jahrzehnten als "Hausfrau und Mutter" im klassischen Sinn das neue Album "Gone Again" auf. Ihre Fans waren begeistert.

Mit privaten Tragödien zum Idol

Düstere Walzer sind auf der Platte zu hören, Madrigale, Elegien und Rock-Balladen. Smith besingt nicht nur ihre toten engsten Angehörigen, sondern auch ehemalige Geliebte und Freunde wie den zu Lebzeiten stets skandalumwitterten Fotografen Robert Mapplethorpe, der 1989 an Aids starb. Die Tragödien in ihrem Leben und die Art, wie Smith sie überwindet, lassen sie im Ansehen ihres Publikums noch höher über sich hinauswachsen, machen sie zu einer Art Idol.

Provozierend steht sie heute wie damals auf den Bühnen. Sie will nicht nur wie viele der von ihr beeinflussten Bands, Wut und Kritik an der glatten Gesellschaft und an ihrem Publikum loswerden. Sie gibt regelrechte Ratschläge, in denen sich subversive Argumente mit mütterlichen Ermunterungen und dem Zorn der Jugend mischen: "Do you like the world around you? Then change it."

Gisela Ostwald/DPA / DPA