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Phil Spector: "Ich habe Teufel in mir"

In den 60er Jahren war Phil Spector das egozentrische Wunderkind unter den Musikproduzenten. Er arbeitete mit Tina Turner und den Beatles. Nun steht Spector wegen Mordes vor Gericht. Der Aufstieg und Fall eines waffenfanatischen Popgenies

Von Christine Kruttschnitt und Hannes Ross

Mit 40 weiß man, dass der Ruhm nicht mehr über Nacht kommt. Lana Clarkson musste es wissen. Fast 20 Jahre lag ihr Filmdebüt zurück. Seitdem krebste sie durch B-Movies und Fernsehwerbungen, jobbte als "Hostess" in einer Musikbar auf dem Sunset Strip. Aber der Traum vom Ruhm war noch nicht ausgeträumt. Vielleicht ließ Lana Clarkson sich deshalb mit dem Lokalbesucher ein, den sie nur etwa eine Stunde zuvor kennengelernt hatte. Ihre Kollegen vom "House of Blues" in Los Angeles erinnern sich, wie die beiden mitten in der Nacht auf dem Parkplatz standen und quatschten. Sie eins achtzig groß, eine Blondine mit breitem, bereitem Lächeln, langen Beinen und einem Busen, in dem kleine Männer ertrinken können. Er so um die eins fünfundsechzig, mit vorspringenden Augen und wirrem Haar.

Gegen halb drei verschwand Lana Clarkson mit dem einst weltberühmten Musikproduzenten und Multimillionär Phil Spector auf dem Rücksitz seines schwarzen Mercedes. Ein Chauffeur brachte die beiden nach Alhambra im Nordosten von Los Angeles. Und dort, in Phil Spectors 30- Zimmer-Villa, geschah es, dass Lana Clarkson über Nacht berühmt wurde - auf die scheußlichste Weise, die sich denken lässt. Die Kugel eines 38-Millimeter-Colts zerfetzte ihren Kopf, Blut und Zähne spritzten auf den italienischen Marmor. Sie war sofort tot, "konnte sich nicht mehr bewegen, nicht mehr schreien", wie ein Pathologe vergangene Woche im Saal 106 des Strafgerichtshofs von Los Angeles ausführte.

Vorerst auf freiem Fuß

Seit dem 25. April läuft der Prozess wegen Mordes an Lana Clarkson gegen Phil Spector, der für eine Million Dollar Kaution vorerst auf freiem Fuß bleibt. Unter flirrenden Neonlichtern sitzt da zwischen seinen bulligen Anwälten der kleine Mann, der Lana Clarkson als Letzter lebend gesehen hat. Phil Spector, 67, ist des Mordes an der Schauspielerin angeklagt: Der berüchtigte Waffennarr soll sie in jener Februarnacht des Jahres 2003 erschossen haben. Er selbst hat es zugegeben, als er morgens um fünf, mit Blutspritzern bedeckt, aus dem Haus zu seinem wartenden Chauffeur eilte. Sagt der Chauffeur. Spector stand unter Schock, sagen seine Anwälte, was immer er damals stammelte - die Entzugserscheinungen nach dem Absetzen diverser Psychopharmaka hätten ihn verwirrt. Lana Clarkson habe "aus Versehen Selbstmord begangen".

Spätestens jetzt ist klar, dass der Fall Phil Spector zu jenen Spektakeln zählt, in die Amerika Verfahren gegen seine VIPs unweigerlich ausarten lässt. "Selbstmord aus Versehen?", höhnt der Kolumnist der "Los Angeles Times". "Wir danken Gott für Star-Prozesse! Sonst würden wir nie von so einem Quatsch erfahren." Täglich live schaltet der Kabelsender "Court TV" in die Verhandlung - es ist der erste Prominentenprozess seit der Doppelmordanklage gegen O. J. Simpson 1995, der wieder im Fernsehen übertragen wird. Zwischen Reklamen für Haarwuchsmittel und Seniorenrollstühle laufen der attraktive Staatsanwalt auf der einen und Spectors Chef-Verteidiger Bruce Cutler auf der anderen Seite zu theatralischer Höchstform auf; Cutler, der berühmt wurde als Advokat eines New Yorker Mafiabosses, hat gar Kino-Erfahrung: Er spielte mal eine kleine Rolle neben Robert De Niro. Eine seiner Kolleginnen schreibt Kriminalromane, und der vorsitzende Richter, so kommentiert die Sachverständige auf "Court TV", sehe aus wie Bruce Willis - eigentlich mutet die Verhandlung jetzt schon an wie die Seifenoper, die einmal aus ihr gemacht wird.

Kunsthaar ist seine Leidenschaft

Einzig die Hauptperson scheint sich über die mediale Aufmerksamkeit nicht zu freuen. Spector verfolgt reglos das Geschehen. Der Künstler - Kunsthaar ist seine Leidenschaft - trägt seit Prozessbeginn vor sechs Wochen die gleiche Perücke, eine honigblonde Hausfrauenfrisur, mit der er aussieht, als bereite er sich auf eine Geschlechtsumwandlung vor. Sein Blick ist starr, die Hände zittern. Wenn er das Gerichtsgebäude betritt - auf sieben Zentimeter hohen Absätzen -, ist die 26-jährige Blondine Rachelle Short Spector an seiner Seite, die er vor neun Monaten geheiratet hat und die ihn, wie das Toupet, milde und menschlich erscheinen lassen soll.

Ein Mann, der, wie Spector in jener verhängnisvollen Nacht, bei einer 55-Dollar- Rechnung im Lokal 500 Dollar Trinkgeld gibt, hat entweder einen großen Knall oder eine große Geschichte. Spector hat beides. Eine Ewigkeit ist es her, mehr als 40 Jahre, da galt er als Goldjunge des amerikanischen Rock'n'Roll. Mit 26 war der Sohn jüdisch-russischer Einwanderer bereits Millionär und hatte massenhaft Hits produziert: orchestrale Pophymnen wie "Be My Baby", "You've Lost That Lovin’ Feeling" oder "Unchained Melody".

Er arbeitete mit den Beatles, Tina Turner, Leonard Cohen; er kreierte, was die Welt zuvor noch nie gehört hatte: die sogenannte Wall of Sound. Dazu mischte er den Klang von Bläsern, Hornisten und Streichern mit allerlei Echos und Halleffekten zu fast Wagnerianischer Wucht. Ließ seine Musiker hundertmal denselben Akkord spielen, seine Sänger hundertmal dieselbe Strophe singen, bis er das hatte, wonach er suchte: "Symphonien für Teenager." Seine eigene Teenager-Zeit ist alles andere als eine Symphonie. Vater Ben, ein Stahlarbeiter aus Brooklyn, nimmt sich 1949 das Leben. Bertha Spector, eine Näherin, schnappt ihren 13-jährigen Sohn und zieht mit ihm nach Los Angeles. Ein Teil von Spector ist immer dieses zornige, aus seinen Gewissheiten herausgerissene Kind geblieben. Der hochmusikalische Junge entwickelt unberechenbare Züge, Waffen faszinieren ihn, sie machen ihn größer, mächtiger. "Ich fand ihn vollkommen faszinierend", schreibt der Autor Dominick Dunne, "und ziemlich furchteinflößend. Er hatte immer eine Waffe bei sich."

Spector ist gerade mal 17, als er seinen ersten Nummer-eins-Hit "To Know Him Is To Love Him" komponiert, einen melancholischen Abschiedsgesang auf seinen Vater Ben. 1963 ist sein Jahr, er ist jetzt der mächtigste Musikproduzent in den USA. Innerhalb von 18 Monaten landete er zehn Top-40-Hits. "Tycoon der Teenager" nennt ihn der Schriftsteller Tom Wolfe andächtig. Doch die panische Angst vor der Einsamkeit bleibt. Nachts lässt sich Spector manchmal mit dem Rolls-Royce durch Hollywood kutschieren und schaut Mädchen an. Wenn ihm eines gefällt, schickt er seine Bodyguards vor. "Mr Spector möchte Sie zu einem Drink in seinem Haus einladen."

Er wurde ein verrücktes Genie

"Ich glaube, Phil war zu Beginn seiner Karriere ein ziemlich normaler Mensch", sagt Veronica "Ronnie" Bennett, Sängerin der Ronettes und von 1968 bis 1974 Spectors Ehefrau. "Aber dann fingen sie an zu schreiben, er sei ein Genie. Da sagte er: Yeah, ich bin ein Genie! Und dann hieß es: Er ist ein verrücktes Genie. Also wurde er ein verrücktes Genie." Wie eine Gefangene hält Spector seine Frau in der Villa in Beverly Hills. Er versteckt ihre Schuhe, damit sie nicht aus dem Haus kann. Und für den Fall, dass es doch mal sein muss, lässt er eine lebensgroße Phil-Spector- Puppe anfertigen. "Verstehst du, Ronnie, die sitzt auf dem Beifahrersitz, damit dich niemand fickt." Sie flüchtet sich in Drogen und Alkohol. Als Spector seiner Frau eines Tages im Keller einen gläsernen Sarg präsentiert, schleicht sie sich barfuß aus dem Haus. Die adoptierten Söhne Donte, Gary und Louis - damals, 1972, drei und sechs Jahre alt - lässt sie zurück. "Ich brauchte meine Freiheit, sonst wäre ich gestorben."

Als waffenfanatischer Kontrollfreak ist er jetzt bekannt, nicht mehr als Produzenten-Genie. Nur John Lennon hält Spector die Treue und muss das fast mit seinem Leben bezahlen. 1973, sieben Jahre bevor er vor seinem Haus von einem irren Fan niedergeschossen wurde, stirbt er beinahe an einer Kugel aus Spectors Pistole. Sie schlägt über Lennons Kopf in die Decke des Studios. "Du kannst mich abknallen, Phil! Aber lass mir meine Ohren, die brauche ich noch!", schreit Lennon, einer der letzten Musiker, die sich mit dem immer exzentrischeren Popfürsten Spector ins Studio trauen.

Bach statt Rock'n'Roll

Spector wird immer mehr zum Außenseiter. Seit den 80er Jahren gibt er kaum noch Interviews, verlässt nur selten sein Haus und verklagt seine Biografen. Über seine nunmehr vier Ehen ist wenig bekannt. Eines seiner fünf Kinder stirbt mit zehn Jahren an Leukämie. Zu seiner Tochter Nicole, heute 24, hat er ein gutes Verhältnis. Donte und die Zwillinge, die er einst Ronnie zu Weihnachten geschenkt hatte, interessieren ihn nicht mehr. "Die Welt ist eine Qual", seufzt er in einem seiner raren Interviews. 1998 kauft er sich das Domizil in Alhambra, wo er bis heute seine Tage hinter geschlossenen Vorhängen verbringt. Kein Rock'n'Roll mehr, Bach und Gershwin erklingen jetzt aus den Boxen. Ein paar Hundert Mal soll er sich "Citizen Kane" auf Video angeschaut haben, weil er sich wie Charles Kane fühlt: als missverstandenes Genie, das seiner Zeit voraus ist. Und niemand soll ihn in seinem Selbstmitleid stören. Ums Haus laufen bewaffnete Bodyguards und Wachhunde.

Und wenn Phil Spector doch einmal mit einem Reporter redet, dann vergrößert er nur sein Image als Berufsirrer. "Meine größte Angst ist es, dass Gott mich nicht in den Himmel lässt, weil ich zu böse bin", erklärt er 2000. "Und dass der Teufel mich nicht in die Hölle lässt, weil er Angst hat, ich könnte das Kommando übernehmen." Mit seinen Angestellten kommuniziert der Hausherr fast nur per Fax. Die Tantiemen seiner Hits fließen immer noch, aber die Angst vor dem Ruin lässt ihn nicht los. "Ich sehe mich arm werden." Adoptivsohn Donte, 38: "Er ist ein kranker Mann. Man sollte ihn einsperren."

Kannte Lana Clarkson die düsteren Geschichten, die über Phil Spector kursierten? Dass er seine Freundinnen mit der Waffe bedrohte? Dass er von einer Angestellten wegen sexueller Belästigung verklagt wurde? Und wenn sie diese Geschichten kannte: Waren sie ihr egal? Stieg sie zu Spector in den Wagen, weil sie lebensmüde war? Hat sie tatsächlich freiwillig die Waffe "geküsst", wie die Verteidigung es nennt - den Lauf in den Mund genommen und sich dann, mehr oder weniger versehentlich, beim "Spiel" das Gesicht weggepustet? Würde eine Frau, die sich das Leben nehmen will, sich in den Mund schießen? Auf einem Stuhl sitzend im Foyer der Villa einer Zufallsbekanntschaft? Oder hat ihr Gastgeber den geladenen und entsicherten Sechs-Schuss- Revolver gewaltsam zwischen ihre Lippen gepresst? Rühren daher die Hautrisse an ihrem Mund?

Ein Ende des Prozesses ist nicht abzusehen. Zwar sagten bereits vier Frauen aus, dass Spector ihnen gegenüber in der Vergangenheit gewalttätig wurde, doch scheint Lana Clarksons Leichenfoto Phil Spector nun zu entlasten. Dort liegt die Mordwaffe neben dem Fuß der Toten. Das widerspricht der Aussage des Chauffeurs, der sagte, Spector sei mit der Waffe aus dem Haus gekommen und habe gestammelt: "Ich glaube, ich habe jemanden umgebracht." Lana Clarksons Familie sagt, dass sie nicht sterben wollte. Kurz vor der tödlichen Begegnung mit Lana hatte Spector überraschend ein Interview gegeben. "Ich habe Teufel in mir, die mich bekämpfen", sprach er da düster. "Ich bin mein schlimmster Feind." Das ist traurig. Aber trauriger noch ist, dass er in jener Nacht der schlimmste Feind von Lana Clarkson wurde.

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