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Popgruppe Haim: Ein kalifornischer Traum

Drei langhaarige Schwestern aus Los Angeles gelten als Band der Stunde: Haim. Am 27. September erscheint nun endlich ihr erster Longplayer "Days Are Gone". Eine Begegnung.

Von Matthias Schmidt

Hamburg-Wilhelmsburg. Kurz vor ihrem Konzert auf dem ausverkauften Dockville-Festival nehmen sich Este, Danielle und Alana Haim (27, 24 und 21) noch Zeit für ein paar Interviews. Die Nachfrage nach den drei Kalifornierinnen ist gerade enorm. Gilt doch ihr schmissiger Sound, der mal an Fleetwood Mac erinnert, mal an Pat Benatar oder TLC, als die Zukunft des Folkrocks - selbst wenn einige ihrer Songs ganz schön altmodisch klingen.

Zum Gespräch erscheinen die Haim-Schwestern in ihren Bühnen-Outfits. Knappe Hotpants, enges Lederkleid, nur Danielle bevorzugt einen eher maskulinen Rocker-Look: schwarze Jeans mit Löchern und Holzfäller-Hemd. Auf viele Fragen antworten die Drei wild durcheinander und ergänzen gegenseitig ihre Sätze. Wir haben versucht, trotzdem den Überblick zu behalten.

TV-Auftritte, Interviews, Foto-Shootings: Genießt ihr gerade die Zeit eures Lebens?


Este Haim: So ist es. Vor allem sind wir froh, dass endlich unser Album rauskommt. Die Leute sollen das endlich hören! Ich war kurz davor, es selbst online durchsickern zu lassen, aber unser Manager meinte, das gäbe nur sehr viel Ärger. Manchmal wünschte ich, wir würden noch in den 50ern leben. Da hat man an einem Tag eine Single aufgenommen, und am nächsten Tag lief sie bereits im Radio.
Alana Haim: In meinen wildesten Träumen hätte ich nie gedacht, dass ich mal für Konzerte nach Tokio, Australien oder Hamburg reisen würde. Wir waren so lange in Los Angeles und haben da jeden Monat viermal live gespielt. Nie sind wir raus gekommen.

Seid ihr wirklich das allererste Mal außerhalb Amerikas?


Danielle Haim: Na ja, ich war vorher schon mit Julian Casablancas von den Strokes und Cee-Lo Green auf Tour. Auch in Japan.
Este: Wir haben dann immer E-Mails bekommen. Ich dachte nur: Fuck you! Ich war so eifersüchtig.
Danielle: Aber gemeinsam mit meinen Schwestern unterwegs zu sein, ist natürlich was ganz anderes. Bei den anderen Touren stand ich eher im Hintergrund und musste mir über nichts Sorgen machen.

Habt ihr einen eigenen Tourbus?


Este: Yeah, gerade frisch gekriegt. Vorher hatten wir nur einen Sprinter-Van.

Wie sieht der von innen aus?


Alana: Chaotisch. Durcheinander.

Ein typischer Mädchen-Bus?


Este: Nein, wir sind da drin nur drei Mädchen, der Rest sind Jungs. Unser Schlagzeuger oder unser Tour Manager. Einer von den Roadies sagte, hier sieht's aus wie in einem Heavy-Metal-Bus, was immer das heißen mag.
Danielle: Die Hauptsache sind die Schlafkojen, der Rest ist mir egal. Und eines Tages kriegen wir vielleicht sogar Internet.

Gab es bei der Gründung der Band vor sieben Jahren Diskussionen über den Namen?


Alana: Wir hatten schon immer eine sehr enge Beziehung zu unserem Familiennamen. Am Anfang haben wir über Alternativen nachgedacht, aber nichts klang so gut wie unser eigener Name. Es fühlte sich richtig an, nicht wie eine Verkleidung.

Auf Deutsch hört sich Haim an wie "Heim". Was ganz gut passt. Schließlich habt ihr vor eurem Durchbruch lange zuhause gewohnt und mit euren Eltern Hausmusik gemacht.


Este: Das klingt jetzt irgendwie kitschig.

Wieso? Heimat ist doch da, wo das Herz zuhause ist.


Danielle: Das ist wahr. Wir haben praktisch alle unsere Songs zuhause geschrieben. Wir leben immer noch bei unseren Eltern. Warum sollte man Miete bezahlen, wenn man sowieso in der gleichen Stadt wohnt.

Begleitet euch euer Vater immer noch auf allen Tourneen?


Alana: Nicht immer, aber wenn Dad oder Mum Zeit haben, sind sie dabei. Wie gerade in Japan und Australien. Keiner von uns ist zum Studieren in eine andere Stadt gezogen, deswegen fehlt unseren Eltern einfach die Übung für die paar Tage, an denen wir mal nicht da sind.

Ist gerade die perfekte Zeit für eine Girlband? Weil Frauen immer mehr die Macht übernehmen?


Danielle: Sind wir eine Girlband? Sind Led Zeppelin oder die Strokes eine Boyband? So kann man uns wirklich nicht bezeichnen. In der diesjährigen Hot-List von der BBC, welche Bands gerade am tollsten sind, waren unter den Top Fünf allesamt Bands mit Frauen an der Spitze. Das sagt schon viel aus über unsere Zeit.

Dennoch gilt die Musikszene immer noch als sexistisch. Hattet ihr damit schon schlechte Erfahrungen?


Este: Darüber will ich eigentlich gar nicht reden. Natürlich hatten wir schon Erlebnisse, wo uns Leute einfach nicht ernst genommen haben, weil wir Frauen sind.
Alana: Aber sind wir ziemlich taffe Mädchen, manche Leute haben Angst vor uns. Danielle: Es gibt da draußen aber immer noch Menschen, die überrascht sind, dass wir unsere Instrumente beherrschen. Neulich sagte ein Fotograf zu mir: Dein Gitarrenspiel wird langsam wirklich gut. Na vielen Dank, dass macht mich echt glücklich. Zu einem Typen hätte er das nie gesagt.
Este: Zu mir meinte mal einer: Für eine Frauenband seid ihr echt gut. Wie scheiße ist das denn! Man muss lernen, so was zu ignorieren. Danielle: Ernsthaft, ich glaube es gibt momentan mehr gute weibliche Musiker als männliche.

Eine typische Frauenmagazin-Frage: Wie viel Zeit braucht ihr für eure tollen Haare?


Este: Wenig. Wir waschen sie, stecken sie hoch, dann schlafen wir so ein. Und am nächsten Tag sieht es klasse aus. Das ist der Trick, ich schwöre: So wenig wie möglich. Einmal im Monat eine Haarkur, das reicht.
Danielle: Unter der Dusche habe ich oft die besten Einfälle für eine Melodie.

Dann sind die langen Haare doch zu was gut.


Este: Ja, die fünf Stunden, die ich fürs Haarewaschen brauche. Das ist unser Geheimnis. Daher kommt die Magie.

Ab 18. November sind Haim zusammen mit Phoenix auf Deutschland-Tour. Mehr Infos: haimtheband.com/tour